Full text: Hessenland (36.1922)

den Kleinen. Er faßte nach dem Täschchen und ließ 
sich wie gestern geduldig dessen Inhalt zeigen. Als 
er alles gesehen hatte, von der Apfelsinenschale bis 
zur Hahnenfeder, fragte er unschuldig: „Js wieiter 
nichts drin?" Schnell ließ er seine Faust in die 
Perltasche gleiten und zog sie wieder zurück. „Guck, 
da is doch noch was drin, ich dacht mer's doch!" 
Und er hielt in der nun geöffneten Hand den 
Schlüssel mit der gelben Holzkugel. „Ach, un is das 
nich der Schlüssel zum Backofen, den die Memme 
sucht wie 'ne Stecknadel?! Wo hast de den Schlüssel 
her, du kleiner Tunichgut? Komm, mer wollen 
der Memme den Schlüssel bringen, daß se aus 
der Angst raus kommt!" 
Die Kinder sperrten Mund und Nase auf, sie 
wußten nichts von dem Schlüssel, aber sie waren 
noch nicht verständig genug, um Einspruch gegen 
die Unterstellung erheben zu können. Und der 
Kallmen schob den bedeutungsschweren Gegenstand 
in das Täschchen, nahm die Kleine bei der Hand 
und ging mit ihr, so schnell die Füßchen zu trippeln 
vermochten, nach dem Backhaus. „Blümchen!" rief 
er schon von weitem, „hier, fassen Se mal in Jett- 
chens Täschchen!" Er schob das Kind der Mutter 
zu. „Gott, du Gerechter!" rief die und hob in 
unbändigem Erstaunen den vermißten Schlüssel ans 
Licht. Ein vielstimmiger Jubelschrei erscholl und 
setzte sich, wie vorher der von den drei Schabbes- 
einladungen, bis in den Backraum fort. Tiefatmend 
lehnte der Kallmen wieder an der Lehmwand, das 
kranke Herz schlug ihm zum Zerspringen. Als die 
Blüntchen mit ihrem Kochtopf aus der Backhaustür 
trat, hatte er sich soweit gefaßt, daß er der glück 
selig Lächelnden zum Essen folgen konnte. 
Aus einer alten Marburger Brauttruhe. 
Die Sammlung des Marburger Kunst- und Altertums 
vereins, die seit einiger Zeit mit der des Hessischen 
Geschichtsvereins vereint ist, wenn sich auch aus Mangel 
an einer geeigneten Unterkunftsstätte die wertvollen 
Altertümer vorläufig noch an zwei verschiedenen Stellen, 
im Schlosse und im Bückingschen Hause am Markt, 
befinden, ist vor kurzem um ein sehr schönes altes Mar 
burger Stück bereichert worden. Kaufmann Ernst Schwa- 
ner hat außer zwei alten hessischen Weingläsern aus 
dem 18. Jahrhundert, die unten im Fuß eingeschliffen 
den hessischen Löwen zeigen, einen gestickten spitzen 
besetzten Kissenbezug („Zieche") mit vier Wappen und 
Namen geschenkt, der dem Stil nach im 17. Jahrhundert 
entstanden ist. Wir lesen da nebeneinander über vier 
Wappendarstellungen die Namen Breul, Hartmann, 
Speckswinkel und Grothe. Was haben nun die vier 
nebeneinander gestellten Wappen zu bedeuten? Haben 
wir es wirklich mit einem hessischen oder gar einem 
Marburger Stück zu tun, oder hat sich der Kissenbezug 
nur zufällig nach Marburg verirrt? — Bei einigem 
Nachdenken finden wir, daß es im 30jährigen Kriege 
einen hessischen Offizier des Namens Breul gegeben 
hat und daß dieser Engelhard Breul Anfang August 1674 
im Alter von 74 Jahren als Oberstleutnant und Kom 
mandant auf dem Schlosse zu Marburg gestorben ist. 
Weiter hören wir, daß dieser aus Sontra gebürtige 
Breul als Kapitän am 7. Januar 1633 in Kassel eine 
Anna Katharina Hart m a n n geheiratet hat. Damit 
hätten wir den zweiten Namen, der über eins der Wappen 
gestickt ist. Und wenn man etwas in der hessischen 
Familiengeschichte bewandert ist oder weiß, wo man in 
unserem Hessischen Staatsarchive gu suchen hat, so 
wird man finden, daß des Oberstleutnants gleichnamiger 
Vater Engelhard Breul, der über 40 Jahre lang hessischer 
Beamter und davon mehr als 25 Jahre Rentmeister 
in Sontra gewesen ist (geboren als Sohn des Ober 
försters und Schultheißen Engelhard Breul zu Lichte- 
ium 1552, gestorben in Sontra 1618), zur Frau eine 
Tochter von Landgraf Philipps des Großmütigen Sekre 
tär und später Schultheißen zu Hersfeld Konrad Zoller 
von Speckswinkel (gest. 1572) gehabt hat, eines sehr 
verdienstvollen und tüchtigen Beanlten, dessen Familie 
sich nach ihrer Herkunft vielfach einfach Specks- 
Winkel nannte. Nun fehlt noch der vierte Name 
Grothe. Wir können schon vermuten, daß es der Name 
der Mutter von des Oberstleutnants Engelhard Breul 
Frau gewesen sein wird. Und so ist es auch. Anna 
Katharina Breul, geborene Hartmann, war die Tochter 
des aus Wolfhagen gebürtigen und später auch wieder 
als Ratsherr dort ansässigen gräflich lippischen Rats 
zu Detmold Engelhard (oder Engelbrecht) Hartmann 
und der Christine Grothe, einer Tochter des lip 
pischen Rats und Vizehofrichters zu Lemgo Oie. für. 
Alexander Grothe aus einer sehr angesehenen Lemgoer 
Familie. 
° Wir haben in der Stickerei also einfach eine Ahnen 
tafel in knappster Form vor uns, die nur die vier Wappen 
und Familiennamen der Großeltern einer Person zeigt, 
lind da die Art der Wappenzeichnung mit der Zeit recht 
gut paßt, wird das Stück wohl aus der Aussteuer einer 
Tochter des Oberstleutnants Breul herrühren und zwar 
der Katharina Juliane Breul, die im Mai 
1661 den verwitweten Rentmeister Antonius Speir- 
mann in Marburg geheiratet hat. Aus demselben 
Haushalt ivird eine schöne geschnitzte Schranktür stam 
men, die in der Sammlung des Geschichtsvereins auf 
dem Schlosse aufbewahrt wird. Das aus dem Hause 
Nr. 24 in der Barfüßerstraße vor vielen Jahren von 
vr. Bickell erworbene Stück zeigt übereinander auch die 
Wappen der Familien Hartmann und Grothe. Die 
beiden anderen Wappen (Breul und Speckswinkel) waren 
jedenfalls auf denl nicht mehr vorhandenen anderen 
Flügel derselben Türe dargestellt. 
Zum Schluß noch eine kurze Beschreibung der Wappen. 
Die Breul führen in einein geteilten Schild in der 
oberen Hälfte drei Blumen, die auch auf dem Helme 
erscheinen; die Zoller von Speckswinkel einen mit 
drei Herzen belegten Schrägrechtsbalken (heraldisch rechts 
vom Schild aus gedacht, dagegen vom Beschauer aus 
schräg links; in der Stickerei sehen wir fälschlich einen 
Schräglinksbalken dargestellt), auf dem Helm sind zwei 
Adlerflügel, die auch mit dem Herzbalken belegt sind, 
ivas bei der Stickerei aber nicht hat berücksichtigt werden 
können; die Hartmann haben, wohl als „redendes 
Wappen", den Rumpf eines „Harten Mannes", nämlich 
eines Kriegsmannes, vielleicht eines Türken, mit Rund- 
schild und Krummschwert, in der oberen Hälfte des 
Schildes, unten aber einen sechsstrahligen Stern (oder, 
wie in der Stickerei, einen halben Stern) über einem 
liegenden abnehmenden Halbmond, während auf dem
	        

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