Full text: Hessenland (36.1922)

Bauerntöpferei in Hessen. 
~ Man sagt dem Bauern oft, mehr oder weniger 
rühmend, nach, er hänge am Alten und sei konser 
vativ. Doch das stimmt heutzutage nur noch teil 
weise; denn in der Lebensführung und in vielen 
Äußerlichkeiten merkt man auch auf dem Lande 
von der „guten alten Zeit" nicht mehr viel. Man 
gehe jetzt nur mal in die Bauernstuben. Da sieht 
man allen möglichen städtischen Tand und Schund 
und Dinge„ die sich zwar in anderer Umgebung 
recht gut machen würden, hier aber geschmacklos 
und lächerlich-protzenhaft wirken, wie ich es z. B. 
neulich sah: ein Klavier, davor ein Sofa, daneben 
ein Schreibtisch und davor noch ein Sofa. Wie 
gut paßten doch früher die blank, gescheuerten Holz 
bänke und Tische zu den auch etwas „hölzernen" 
eckigen Bauern in ihrer schlichten Art. Und auf 
den Gesimsen und Tischen prangen jetzt die ab 
scheulichsten Vasen und bei den Mahlzeiten das 
Häßlichste, was es in der Art gibt, das Emaille 
geschirr statt der alten farbenfrohen Schüsseln, 
Teller, Kannen und „Dipperche" mit altüberlieferten 
Blumen, Figuren und Sprüchen, die der Werkstatt 
der Dorftöpfer entstammen. Das ziemlich wider 
standsfähige Emaillegeschirr.und die langwierige 
- Herstellung der Töpferwaren, die der auf schnellen 
und leichten Verdienst bedachten jungen Generation 
nicht genug „einbringt", bedrohen die alte Bauern 
töpferei mit dem Untergang. Es gilt deshalb, dem 
gefährdeten Handwerk wieder emporzuhelfen im 
Hessenland, wo die Töpferei besonders in Marburg 
und im Vogelsberg blühte. Die Landbevölkerung 
muß erkennen, daß die „Dipperche" doch praktischer 
und schöner sind als aller moderner Fabrikkram. 
Dann besteht die Hoffnung, daß dieser wertvolle 
Handwerkszweig wieder zu neuer Blüte kommt. 
Wir Städter können dabei mithelfen, durch An 
erkennung und Nachfrage nach echten „Dipperchen". 
Den Blick auf die hessische Bauerntöpferei zu len 
ken, ist der Zweck der vom Frankfurter Kunstgewerbe- 
Museum und der „Arbeitsgemeinschaft des Werk 
bundes für den Mittelrhein" veranstalteten Aus 
stellung „Hessische Keramik" gewesen, die neulich 
erstmalig im Frankfurter Kunstgewerbe-Museum zur 
Schau gestellt wurde und auch in anderen hessischen 
Städten noch gezeigt werden soll. Diese Veranstal 
tung, die einen vollständigen Überblick über dieses 
ganze Handwerk gibt, hat hoffentlich der hessischen 
Keramik weitere Freurwe gewonnen und die hei 
mischen Töpfer zu neuer hossnungsfreudiger Arbeit 
angeregt. Werner S u n k e l. 
— 
Herbst. 
Eine sommermüde Rose träumt bei mir im Glase. 
Sehr zart und arm an Blut ist sie wie die letzten 
Sprossen eines alten Adelsgeschlechts, das zu lange 
schon am selben Stamm ohne neu gepfropfte Reiser 
blühte. 
Wir brachten sie heim von dem einsamen Mann 
im, Dorf. Freudlos und unschön ist sein Haus, 
freudlos war sein Ansehen und sein Reden, freud 
los schien sein Herz. Der welkende Tag, durch den 
wir zu ihm wanderten, war ein wenig verschleiert 
und ganz hingegeben an eine milde Schmerzlichkeit, 
die nicht wehetut. Doch die liebearme Ode des 
Pfarrhauses tat weh. 
Wir sprachen Dinge, kaum des Sprechens wert. 
Da war kein Weg von uns zu ihm. Wir gingen 
durch den wildnisgleichen Garten, den keine liebende 
Sorge umhegt. Die Rose, die hochstämmige, die 
mit der blühenden Krone zur Erde gestürzt war, wie 
schüttete sie silberne Wassertropfen aus Blättern 
und Kelchen, als du sie liebevoll aufrichtetest aus 
dem nassen Grase. Es war, als ob sie weinte. 
Der ganze Garten in seiner armen Trostlosigkeit 
schien..zu weinen. Faulende Äpfel im Gras, ein ver 
nachlässigter Bienenstand, zerbrochene Tische und 
Bänke, Unkraut und Scherben überall. Was mühten 
die späten Rosen sich doch vergebens, den Verfall 
zu überblühen. 
„Ich bin zu alt", sagte der Mann mit den müden 
Schultern. Er blickte verzagt umher und öffnete 
mit einer hoffnungsleeren Gebärde die magere Hand, 
als ließe er sein ärmliches Leben aus den Fingern 
gleiten. „Ich bin zu alt." 
Mitleidend trafen sich dein und mein Blick — in 
deinem glomm die schöne Wärme des Trösten- 
wollens, in meinem fror die zage Angst vor der 
Not einsamen Alterns. 
„Das war das Reich meiner Frau", sagte der 
alte Herr, in ein regenzerschlagenes Durcheinander 
von Strauchastern fassend, um sie ratlos und, als 
lohnte es nicht der Mühe, gleich wieder zu Boden- 
fallen zu lassen. Und dann leiser: „Meine gute 
Frau ist mir gestorben." 
Er sagte: gute Frau und er sagte: mir ge 
storben. An den beiden kleinen Worten blieb mein 
Herz hängen. Es war nicht nur der wilde Garten, 
'der trauerte und -wartete auf die pflegende Hand 
der Toten. 
Wir schwiegen und der Alte sann mit verlorenem 
Blick ein wenig in die herbstliche Stille hinein. 
Verblaßte Bilder mochten wieder Farbe gewinnen. 
Sein Herz ging wohl zurück in hellere Zeiten, wo 
auf den Stiegen im Haus und auf den Steigen im 
Garten Frauenkleider rauschten —, wo eine freund 
liche Frauenstimme durch die schweigende Ode
	        

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