Full text: Hessenland (36.1922)

Hundertjähriger Todestag. Am 15. Juli 
waren 100 Jahre verflossen, seit der kurhessische Ober 
forstmeister Friedrich von Wildungen, einer der 
bekanntesten Jagdschriftsteller seiner Zeit, in Marburg 
aus dem Leben schied. In Kassel 1754 geboren, war 
er aus Wunsch des Vaters lange Jahre Jurist, bis er 
1799 Oberforstmeister in Marburg wurde. Am bekann 
testen ist sein vielbändiges „Taschenbuch für Forst- und 
Jagdfreunde", sein Handbuch „Waidmanns Feierabende" 
sowie seine „Lieder für Forstmänner und Jäger". Sein 
selbstgewähltes, noch heute wohlgepflegtes Grab liegt in 
der Waldeinsamkeit zwischen Cappel und Marburg. 
K u n st n o t i z. In den Kasseler Kammerspielen fand 
die Uraufführung von Kurt G a e b e l s Drama „Ret 
tung", die einen Vorwurf aus der Künstlerboheme be 
handelt, eine beifällige Aufnahme. 
Weihe des Ludwig st ein. Am 2 . Juli wurde 
die mit Bändern und Kränzen festlich geschmückte Burg 
Ludwigstein an der Werra feierlich der „Vereinigung zur 
Erhaltung der Burg Ludwigstein" übergeben. Nach 
einem Vorspruch übergab Regierungspräsident Sprin* 
gorum die Burg als Geschenk des preußischen Staates 
zum freien Eigentum der wandernden Jugend. Sie solle 
fortan eine Jugendburg sein, als Wanderherberge, als 
Stützpunkt der deutschen Jugendbewegung und als eine 
Stätte der Erinnerung an die im Kriege gefallenen 
Kameraden und Weggenossen. In bereitwilliger Aner 
kennung dieser dreifachen Bestimmung habe der preu 
ßische Staat, um sich auch an den Kosten des Ausbaus 
und der Einrichtung der Burg für ihren nunmehrigen 
Zweck zu beteiligen, als Zeichen seines Vertrauens seinem 
Geschenk noch ein zinsfreies Darlehen von 200 000 Mark 
hinzugefügt. Der Regierungspräsident fand in seiner 
Ansprache prächtige Worte für den Ludwigstein als 
Stützpunkt der lebendigen und gesunden deutschen Jugend 
bewegung aller Bünde, Richtungen und Volksteile — 
einig im Geiste der Gemeinschaft und Versöhnung und 
im starken Willen zur Erneuerung unseres Volkes durch 
Vertiefung der Lebensauffassung und Lebensführung und 
einig auch in ihrer aus sich selbst heraus geschaffenen ein 
heitlichen Abwehr gegen alles Volksschädliche, und ge 
mahnte zum Schluß die Jugend, den gefallenen Helden, 
denen die Burg eine. Stätte des Gedächtnisses sein solle, 
zu danken nicht bloß durch Ideale, sondern vor allem 
durch die Tat, durch ernste deutsche Wirklichkeitsarbeit im 
Dienste der Allgemeinheit, zum Nutzen von Heimat und 
Vaterland. Tanz, Lieder und Spiele schlossen sich der 
Besichtigung der Burg an, deren weiterer Ausbau auch 
weiterhin noch der Beihilfe aller Hessen und Freunde 
unserer kerndeutschen Jugendbewegung empfohlen ,sei. 
Unserer deutschen und hessischen Jugend, die so ziel 
bewußt und allen Schwierigkeiten trotzend aus Trüm 
mern hier eine gastliche Stätte schuf, ein kräftiges Heil! 
Aus Kassel. Der Kasseler Schützenverein beging vom 
8 . bis 12. Juli die Feier seines 375jährigen Bestehens. 
Aus Fulda. Die Firma I. Mollenhauer 
& Söhne kann auf ihr 10 0 j ä h r i g e s B e st e h e n 
zurückblicken. .Aus unscheinbaren Anfängen ist ein Unter 
nehmen von internationalem Rufe geworden. Gegrün 
det wurde das Geschäft im Jahre 1822 von Johannes 
Mollenhauer. Nach Beendigung seiner hiesigen Lehrzeit 
als Feinmechaniker und Dreher wurde I. Mollenhauer 
Gehülfe bei einem Holzblasinstrumentenmacher in Mün 
chen und war als Instrumentenmacher an größeren 
Plätzen Österreichs und der Schweiz tätig. Nach seiner 
Heimat zurückgekehrt, fertigte er 15klappige Flöten, 
14klappige Klarinetten sowie Oboes, Fagotts, Chagon, 
Flageolets und 6 klappige Piccolos an. Aus der Ge 
werbeausstellung Kassel 1823 erhielt I. Mollenhauer die 
silberne Medaille und im Jahre 1825 verlieh ihm der 
Kurfürst von Hessen das . Prädikat Hofinstrumenten 
macher. I. Mollenhauer übergab später das Geschäft 
an seinen Sohn Thomas und starb 1870. Thomas ver 
besserte und vervollkommnete Klarinetten und Oboes, 
Flöten und Piccolos und wurde mit goldenen oder fit» 
bernen Medaillen prämiiert in Wittenberg 1869, Kassel 
1870, Weltausstellung Wien 1873, Berlin 1898, Fulda 
1904, Weltausstellung St. Louis 1904. Im Jahre 1905 
traten die beiden Söhne des bisherigen Alleininhabers 
Thomas M. Joseph Nikolaus und Konrad ins väterliche 
Geschäft ein. Die Firma erfuhr nun eine fast vollständige 
Reorganisation in technischer wie in kaufmännischer Be 
ziehung und erreichte, daß der Name I. Mollenhauer 
& Söhne-Fulda in der internationalen Musikwelt einen 
guten Klang fand. Erste Orchester des In- und Aus 
landes zählen zu ihren Kunden. 
Der Steinzeit-Hügel bei Fulda. Die 
Rudolf-Virchow-Stistung wird auf dem bei Fulda ge 
legenen 371 Meter hohen Kalkhügel des Schulzenberg, 
einer Fundstelle aus der jüngeren Steinzeit, in diesem 
Herbst Grabungen vornehmen lassen. Es soll ermittelt 
werden, ob in dem hellen Muschelkalk Reste vorgeschicht 
licher Holzbauten vorhanden sind, wodurch die 
Höhe als eine der ältesten Kulturstätten Deutschlands 
bestimmt würde. Frühere Funde durch Prof. Vonderau 
(Fulda) in Hockergräbern haben als Zeit der Sied 
lungen die der Schnurkeramik feststellen lassen, die der 
Bronzezeit kurz vorangeht. Aus letzterer Epoche sind 
von dem genannten Forscher im Vorjahre wohlerhaltene 
schöne Stücke, besonders Armringe und Schulterfibeln, 
Sicheln und Schilde auf dem gegenüberliegenden, etwa 
50 Meter höheren bewaldeten Haimberg gemacht worden, 
auf dem auch die Reste eines Ringwalles zu erkennen 
sind. Bei einem vom Fuldaer Geschichtsverein unter 
Oberbürgermeister vr. Antoni unternommenen Ausflug 
wurden die Fundstücke vorgelegt und auch die karolingische 
Kapelle in Großenlüder aus dem 9. Jahrhundert besucht, 
ferner eine Erläuterung über das Gebiet der Schenkung 
des Majordomus Karlmann aus dem 8 . Jahrhundert, 
der Otiartulo, Lonikatü, gegeben, durch die das Urstift 
Fulda unter Sturmius gegründet wurde. 
Aus Hersseld. Die Notgemeinschaft der deut 
schen Wissenschaften in Berlin spendete für die Zwecke ■ 
der Ausgrabungen in der Stiftskirche 8000 
Mark. Weiter stellte der Minister für Kunst, Wissen- 
schüft und Volksbildung außer den früher bereits ge 
spendeten 10000 Mark nochmals die gleiche Summe 
für den Abschluß der Ausgrabungen in Aussicht. Diese 
haben jetzt ihren Höhepunkt überschritten und als wich 
tigstes Ergebnis die Feststellung des Grundrisses der 
Karolingerkirche gezeitigt. Außerdem wurden noch drei 
ältere Kirchen aus dem 8 . und 9. Jahrhundert in ihren 
wesentlichen Umrissen freigelegt, ebenso die Überreste des 
.Kreuzgangs zum Kloster aufgedeckt. Von mittelalterlichen 
Sarkophagen wurden insgesamt 7, darunter 3 aus dem 
9. Jahrh., aufgefunden. Die Grabungen vor dem westlichen 
Hauptportal haben nunmehr ihren Abschluß gefunden. Neue 
Grabungen an der Ostseite der Stiftskirche, im sog.„Para- 
diesgarten", sind begonnen worden, um die Beziehung des 
einzelstehenden Glockenturms zur Gesamtlage der Stifts 
kirche zu erforschen. Mit der Verschüttung der tm vorigen 
Jahr freigelegten Teile wird in Kürze begonnen werden.
	        

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