Full text: Hessenland (35.1921)

90 
lernbegieriger entwickelten sich dort die Menschen. 
Gesund an Leib und Seele zog unser Johannes 
Franck zu Tal, un: sich in seinem Handwerke und 
ans verwandten Gebieten weiter auszubilden. So- 
tveit bekannt, ist ihm das besonders in der Maschinen 
fabrik von Gottlieb in Waldkappel gelungen, die 
Maschinen für mechanische Webereien herstellte. Von 
1854 bis 1862 war Johannes Franck wieder im 
väterlichen Geschäft tätig, wo er u. a. eine neue 
Turmuhr für Grandenborn anfertigte und ohne jeg 
liche Beihilfe eine Hausorgel baute, auf der er bis 
zu seinem Lebensende zu Hausandachten und zur 
Ausfüllung der Mußestunden Choräle spielte. Im 
Jahre 1862 machte er sich zusammen mit seinem 
jüngeren Bruder Simon in Wommen selbständig. 
In einem vom Baron von Kutzleben zunächst ge 
mieteten, später gekauften früheren Bauernhof rich 
tete er seine Werkstätten wie Schmiede, Dreherei, 
Schlosserei und Stellmacherei ein, für die er die 
erforderlichen Werkzeugmaschinen selbst anfertigte. 
Das Bearbeitungsgebiet umfaßte die Herstellung 
landwirtschaftlicher Maschinen und Mühleneinrich 
tungen, Ausbesserung von Dampfdreschmaschinen, 
Brennerei-Apparaten usw. Weder der Umfang des 
neuen Werkes noch die Art der Erzeugnisse werden 
es dem Leser gerechtfertigt erscheinen lassen, -Jo 
hannes Franck, den Leiter des Unternehmens, als 
einen Schrittmacher der deutschen Industrie zu 
bezeichnen. Und doch ist dieser Ehrentitel berech 
tigt. Johannes Franck war sowohl in der hand 
werksmäßigen Ausführung als auch in Übersicht 
und Anordnung ein Genie, wie wenige geboren 
tverden. Er tvar ebenso geschickt im Schmieden 
und der weiteren Bearbeitung des Eisens, wie als 
Mechaniker, Ziseleur, Stellmacher,. Modelltischler, 
Zimmerer und Konstrukteur. Beim Warmschmieden 
des Eisens schien dieses wie durch Zauberkraft von 
selbst in die gewünschten Formen und Abmes 
sungen zu wachsen, ohne sich spröde, brüchig oder 
unschmiegsam zu zeigen. So schmiedete dieser 
"Meister des Hammers z. B. Schüttelwellen für 
Dreschmaschinen mit fünf Kurbeln aus Rundstangen, 
deren ursprüngliche Stärke den Durchmesser der ab 
gedrehten Kurbelzapfen nicht um 10 mm überstieg. 
Die in Form und Abmessungen genau und kunst 
gerecht hergestellten Schmiedestücke erforderten im 
allgemeinen nur geringe Nachbearbeitung mittels 
schneidender Werkzeuge, so daß die Fertigungs 
kosten bei solider Ausführung niedrig waren. Neue 
Turmuhren wurden mit gleich großem Sachverständ 
nis ausgeführt, wie das Zusammenbauen der da- 
inals zuerst aus Amerika in Einzelteilen eingetrof 
fenen Getreide - Mähmaschinen, für die keinerlei 
Zeichnung vorlag. Nach eigenem Riß fertigte er 
gänz allein die Holzkonstruktion für ein 'Fachwerk- 
gebäude. Nichts kennzeichnet wohl so treffend die 
Willensenergie des Meisters in der Durchführung 
eines Vorhabens als die Tatsache, daß er sich zur 
Entfernung eines schmerzenden, noch fest sitzenden 
Zahnes einen sogenannten Zahnschlüssel anfertigte 
und damit selbst den Zahn zog. 
Besonders verdient gemacht hat Johannes Franck 
sich dadurch, daß er Schüler für den Maschinenbau 
heranbildete, zu einer Zeit, als dieser noch auf 
wenige, meistens größere Fabriken beschränkt war, 
in denen die Ausbildung der jungen Leute weniger 
vielseitig war. Auch der Schreiber dieser Zeilen 
hatte das Glück, als junger Mann einige Jahre 
unter Johannes Franck zu arbeiten und zu lernen 
und damit den Grund für seinen späteren Lebens 
beruf zu legen. Was er hier gewonnen hat, ver 
pflichtet ihn zu lebenslänglicher Dankbarkeit. Das 
wird auch für andere gelten, die ihre praktische 
Ausbildung an der gleichen Stelle genießen konn 
ten. Deshalb ist es eine Ehrenpflicht, das Andenken 
an den am 30. Oktober 1904 verstorbenen Johannes 
Franck vor der Vergessenheit zu bewahren. 
Als stets hilfsbereiter Mensch von tadellosem 
Charakter genoß er allseitig größte Achtung und 
Verehrung, Er gehörte mit seinem Bruder und 
seinen Haushaltsgenossen nach hessischer Volks 
auffassung der Sekte der Pietisten an. In Wirk 
lichkeit handelt es sich aber bei diesen sogen. Pietisten 
nicht um Frömmler, sondern um eine Vereinigung 
freidenkender evangelischer Christen, die das Gelübde 
der Keuschheit abgelegt und ihre Gemeinschaft mit 
der Kirche mehr und mehr aufgegeben haben. In 
den Andachtsstunden lesen sie neben der Bibel die 
philosophischen Schriften von Jacob Böhme und 
Immanuel Kant. Ihr sittliches Leben und ihre 
Moral sind unantastbar. Vermutlich handelt es sich 
bei dieser Vereinigung um die Nachfolger von be 
geisterten Jüngern Kants, die ihr Leben nach dessen 
Lehren einzurichten suchten. Auffällig ist dabei, 
daß diese Anhänger des Meisters vom kategorischen 
Imperativ in Hessen hauptsächlich aus Leuten ans 
dem Volke bestehen, dem im allgemeinen die Lehren 
der Philosophie fremd sind. 
Vielleicht regen diese Zeilen berufene Männer 
dazu an, nach der Entstehung und Forterbung der 
Kantjünger-Vereinigungen in den Dörfern Niedcr- 
hessens zu forschen.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.