Full text: Hessenland (35.1921)

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Es ist für einen Hessen ein schönes und stolzes 
Gefühl, hier im fernen Schwabenland, auf dieser 
poesieverklärten Bergzinne diese altertümlichen, 
schlicht-ehrlichen Verse, die seinem Landsmann Kon 
rad Widerhold aus Ziegenhain in Reffen gewidmet 
sind, zu lesen. Treu hat sie der verwitterte Stein 
bewahrt. Daß auch heut noch der Name Widerhold 
einen guten Klang im Schwabenland hat, beweist 
das Erzbild des Kommandanten vom Hohentwiel 
im obersten Burghof, das nach dem Entwurf des 
verstorbenen Professors Wagner in Stuttgart ge 
gossen wurde. Es ist lebensvoll. Das männlich 
schöne, offene Gesicht trägt den Stempel kühner 
Entschlossenheit. Auf dem Sockel der Büste sind 
die bekannten, prächtigen Verse Albert Knapps ein 
gegraben: 
„Der Kommandant auf Hohentwiel, 
Fest wie sein Fels, der niemals fiel. 
Des Fürsten Schild, des Feindes Tort, 
Der Künste Freund, der Armen Hort, 
Ein Bürger, Held und Christ wie Gold, 
So schläft hier Konrad Widerhold." 
Sie sind von dem Grabdenkmal Widerholds in 
Kirchheim unter Teck entnommen, wo Widerhold, 
der nach dem Krieg dort Obervogt wurde, mit 
seiner Gemahlin begraben liegt. Herrlicher kann 
echte, vorbildliche Hessenart nicht besungen werden, 
und besonders wertvoll ist es, daß dies Lob ans 
fremdem Dichtermunde klingt. 
Es ist tvohlverdient. Fünf Belagerungen hat 
Widerhold siegreich abgewehrt, die schwerste 1641 
unter dem kaiserlichen Feldmarschall von Sparr. 
Am 14. Juli 1650 konnte er die Feste fast un 
versehrt seinem herzoglichen Herrn Eberhard wieder 
übergeben. In tiefster Rührung hielt Eberhard 
seinen Einzug, und reichlich lohnte er den Viel 
getreuen. Die Erhebung in den Grafenstand lehnte 
der bescheidene Mann ab, doch erhielt er die Ritter 
güter Neidlingen, Ochsenwang und Randegg und 
wurde Kriegsrat und Obervogt von Kirchheim unter 
Teck. Als er am 13. Juli 1667 starb, hinterließ 
er sein Vermögen milden Stiftungen, die er in 
Kirchheim und Hohentwiel gegründet hatte. Im 
Ratssaal der Stadt Kirchheim hängt noch ein gutes 
Ölgemälde von ihm, das von einem unbekannten 
Meister im Jahre 1656, als Widerhold 58 Jahre 
alt war, gemalt wurde. Auch das Andenken an 
die Gemahlin Widerholds hat sich in Kirchheim 
wohl erhalten. Sie soll eine vortreffliche Hausfrau 
gewesen sein, aber „bei scharfem Geist ein rauhes 
Herz im Busen" getragen haben, ähnlich wie die 
Herzogin Hadwig. Faulen Mägden gegenüber hätte 
sie keine Schonung gekannt. Die Zeiten auf dem 
Hohentwiel waren auch nicht danach gewesen, die 
Menschen zu besonderer Sanftmut zu erziehen. 
Ihrem Gatten war sie in treuer Liebe zugetan.* 
Die Feste Hohentwiel hat noch unversehrt bis 
znm Jahre 1800 gestanden. Dann erst hat sie 
französischer Verrat gefällt. Die Franzosen unter 
Vandamme, berüchtigten Angedenkens, nahmen sie 
durch Kapitulation ein, nachdem sie sich durch schrift 
liches Ehrenwort verpflichtet hatten, die Festung 
beim Friedensschluß unversehrt an Württemberg 
zurückzugeben. Dies Ehrenwort haben sie gebrochen, 
und.so kam es, daß „der stolzen Feste ihr Stünd- 
lein schlug und der Berg in seinem Innersten zu- 
sammenschütterte und, von Feindeshand gesprengt, 
Turm und Mauer in die Lüfte flog". Die Ruinen 
des Hohentwiel sind neben dem Heidelberger Schloß 
das berühmteste Denkmal französischen Übermuts 
und französischer Gewalttat im Süden Deutschlands. 
Sie sollen uns stets daran erinnern, was wir von 
gallischer Treue zu halten haben. Aus diesem wilden 
Chaos von Trümmern sind die Gestalten Hadwigs 
und Ekkehards längst hinabgeschwebt zu den lieb 
lichen Ufern des Sees, die ihre unvergängliche 
Schönheit bewahrt haben. 
Als ich vor der Herme Widerholds im Burghof 
stand, begann es zwischen den hochragenden Mauer 
wänden bereits zu dämmern. Ich eilte ins Freie, 
um noch einen Rundblick in die Gegend zu tun: 
Im Norden ragte dunkel der riesige Felsklotz des 
Hohenkrähen," auf dem die Waldfrau gehaust hatte 
und die Opferstätte der Männer des Hegau gewesen 
war. Weit dahinter war noch der Schattenriß des 
Hohenhewen zu erkennen. „Aus fernem Hessen 
land", so erzählt Scheffels Juniperus, „kam das 
Hewengeschlecht einst herübergewandert in das Re 
vier der Hegauer Kegelberge und hat von dort sein 
Wappen mitgebracht, den silbernen Stern im schwar- 
zen Feld ..." Es war nach der Überlieferung der 
Familie gleicher Abstammung mit den alten Gan- 
grafen von Ziegenhain. So sind sonderbarer Weise 
die beiden höchsten .Häupter des Hegaus, der Hohen 
twiel und der Hohenhewen, mit dem Namen Ziegen 
hain verknüpft. 
Im Osten öffnete sich das weite Tal mit der 
mattgelb blinkenden und immer mehr sich verdun 
kelnden Fläche des Untersees. Weit darüber glänz 
ten noch die schneebedeckten Häupter der Alpen. 
Der Mond ging auf, und die Sterne begannen 
hervorzuschimmern. In Singen blinkten die ersten 
Lichter, und mit feurigen Augen rasselte in dev 
Tiefe ein Eisenbahnzug durch das in Nacht vei> 
sinkende Tal. Leise, dann stärker bewegte der Nacht- 
* Bgl. auch „Hessenland", Jahrg. 1904, S. 118: 
1). Albrecht Thoma, Die Familie Widerholt. Jahrg. 
1907, S. 128, 145: F. v. Apell, Über die Herkunft 
Konrad Widerholts.
	        

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