Full text: Hessenland (35.1921)

späi erblüht. So ging's auch mir. Aber dann ist 
eine Dankbarkeit in mir aufgestanden, die mein 
ganzes Wesen entspannt hat und mich mit einer 
verstohlenen Freudigkeit füllt, daß ich staunend 
meinen langverstummten Mund heut wieder sum 
men hörte. 
Mir fällt ein, wie in der Kindheit einmal irgend 
etwas Heißbegehrtes auf meinem Weihnachtstisch 
fehlte, weil's mit keiner Mühe im Städtchen auf 
zutreiben war. Und als mein Kinderherz vor Gram 
bebte und ich mich gerade mit tapfer herunter 
gewürgten Tränen an den andren Gaben trösten 
wollte — es schien mir ein kläglicher Trost! — 
da saß der Schalk plötzlich in Vaters Augen und 
das brennend Ersehnte — war's der Malkasten 
„gerade wie große Leute einen haben" oder das 
schneeweiße, lebendige Hühnchen? — wurde aus 
dem Versteck gezogen. Ich mußte erst ein paar 
Mal herunterschlucken, ehe der Jubel sich Luft 
machen konnte. Dann aber war die verspätete, 
durch Kummer gleichsam verdiente Freude so viel 
strahlender und tiefer, als das Vergnügen an 
allem Anderen. 
Wie auch heute. Der tiefe Wunsch nach Wärme 
aus Menschenherzen — der tiefe Wunsch nach der 
guten Hand eines brüderlichen Freundes war immer 
in meiner Seele, bis Müdigkeit ihr „unerfüllbar" 
darunter schrieb. Nun aber ist es wie im Kinder 
land am Heiligabend: die späte Freude wollte mir 
fast den Atem verschlagen. Und dann habe ich 
— war's nicht so? — in übergroßer Freude die 
Hände gefaltet. 
Sag nicht, das sei Überschwang, lieber Leser. 
Sieh, — auf den, dem Licht und Sonne Gewohn 
heitsdinge sind, wirkt ein Sonnenaufgang viel 
weniger erregend, als auf einen, der aus langem 
kalten Dunkel kommt und von den Lichtwellen des 
Morgenrots und dem seligen Jubel der Lerchen bis 
zur Erschütterung beglückt wird. Der Grad des 
menschlichen Freudeempfindens ist so verschieden. 
Und was nun gar den Trieb zum Danksagen an 
betrifft, — hat nicht selbst Heilandsliebe es erleben 
müssen, daß von zehn wunderbar Geheilten nur 
ein Einziger umkehrte, um im Tempel dankbar 
auf die Kniee zu stürzen? 
Ich wollte keiner von den Neunen sein. Nie 
dem Heiland gegenüber und keinem guten Menschen 
gegenüber. Laß nur, du brauchst nicht warnend 
den Finger zu heben — ich verzeichne dies Porträt 
nicht nach der guten Seite. Auch N. N. ist ein 
Mensch. Auch er wird zuweilen etwas tun, was 
er ungetan wünscht. Denn die besten unter uns, 
die frühmorgens um ihr Lager alle guten Geister 
rufen, um im sicheren Geleite durch den Tag zu 
gehen, müssen abends mit dem feinen Nadelstich 
der Reue erkennen, daß die Tagesabrechnung 
nicht stimmt, weil sich irgendein böser Geselle unter 
die lichten Geister drängte. Auch der Freund wird 
wohl einmal ungeduldig oder unüberlegt sein, n i e 
aber ungerecht oder gar hart. Im Prinzen Rosa- 
Stramin steht: „die Menschen tun Sünde, die 
kalt und bitter sind." Auch diese Sünde kennt 
der Freund nicht. Und wenn er Fehler begeht — 
lieber Leser, er ist ja ein Mensch und kein Heiliger. 
Und wenn ich katholisch wäre, stiftete ich sofort 
eine honiggelbe, echte Wachskerze vor Freude dar 
über, daß er kein Säulenheiliger, sondern ein 
Mensch ist. Denn woher hätte ich sonst süße 
Zuckerstängle bekommen sollen? Wer hätte mir 
den lieben Prinzen Rosa-Stramin geschenkt? Oder 
ein liebes Wort zur Seelenstärkung? Und woher, 
sag mir — lieber Leser —, woher hätte meine 
scheue Art den Mut nehmen sollen, Freundschaft 
mit einem Heiligen zu schließen? 
Wenn ich behaupte, daß er Segen stiften kann, 
so ist das weiter kein Wunder bei einem, dem 
die Mutter das Ränzlein für die Lebensreise so 
übervoll mit allerfeinsten Seelenwerten packte. 
Ich habe ja Tatsachen als Beweise. Einer, der 
in Bitternis schweigen lernte, ertappt sich über 
leisem Summen. Einer, der von schweren Wirr 
nissen geplagt wird, wenn ihm mal eine Stunde 
Schlaf gegönnt ist, träumt einen sanften Traum 
vom Fliegen über blühende Wiesen. Ein armer, 
erdgebundener Krüppel träumt, er könne fliegen! 
Einer, dem die Arbeit wohl noch Bürde ist, über 
wand die Furcht vor der Arbeit, seitdem gute 
Augen ihm Mut zunicken. Unverstand tut nicht 
mehr so weh, seit Freundeswünsche Schildwache 
stehen. Ja, und auch manches Vereiste ist in mir 
aufgetaut, nun, wo Güte mich wärmt. Alles 
Durchsonnte strahlt Wärme weiter. So bin ich 
selber liebesfähiger, also besser geworden. 
Und was vielleicht das Schönste ist: es gibt 
Augenblicke, wo ich Mut zu mir selber fasse und 
zu hoffen beginne, mein geistiges Teil, das unter 
viel Not und Schmerz verschüttet war, möge sich 
unter Trümmern wieder regen. Und wenn diese 
sacht wieder zu atmen beginnende Fabulierlust 
lebensfähig wird und erstarkt, — wenn mir die 
Segnung der Geistesarbeit wieder geschenkt wird — 
ich verdanke es nur dem Freunde, der an das 
Gute im Menschen glaubt und es zu wecken ver 
steht. 
Der still und stark in sein Arbeitszimmer, das 
viele gottferne, wohl auch spöttische Leute betreten, 
ein schlicht gerahmtes, vielleicht noch von Mutters 
Hand gefertigtes Sprüchlein hängt — die goldenen 
geliebten Worte: „Der Friede Gottes, der höher 
ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und
	        

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