Full text: Hessenland (35.1921)

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bald auf durch eine überraschend gute Aussprache 
des Französischen und durch bemerkenswerte Ge- 
wandheit im deutschen Ausdruck. Er zählte damals 
sechzehn Jahre. Mehr Knabe als Jüngling, eher 
klein als groß, weniger schlank als untersetzt, von' 
Heller, ungewöhnlich frischer Gesichtsfarbe, mit rotem 
Haar, welches letztere damals noch nicht, wie heut 
zutage, für schön galt. Seine Aufmerksamkeit beim 
Unterricht war gespannt, bis zur Unruhe; die 
wasserblauen Augen, deren Ausdruck eine frühe 
Brille trübte, hielt er beständig auf mich geheftet, 
mochte ich uuü hoch zu Katheder sitzen oder peri- 
patetisch dozieren, und zappelte emsig mit der aus 
gestreckten Hand in der bekannten Geberdensprache, 
welche andeutet, daß ein eifriger Schüler die Ant 
wort auf eine gestellte Frage weiß oder aufgerufen 
werden und „drankommen" möchte. Auch lachte er 
am längsten und lautesten,'wenn ich einmal — die 
Untugend aller jungen Lehrer einen schlechten 
Witz riß. . . . Als ihn die Reihe traf, die fran 
zösischen Exerzitien der Klasse, die ich korrigieren 
durfte, dreißig bis vierzig au der Zahl, mir ins 
Haus zu bringen, blieb er, nachdem er feine schwere 
Bürde auf meinen Schreibtisch abgelegt, au der 
Tür verlegen stehen. „Wünschen Sie noch etwas?", 
fragte ich freundlich, das offizielle „Dil", wie immer 
außerhalb der Schule, ablegend. Nach einigem 
Stammeln: Ja, ich hätte wohl . . . Wenn ich so 
frei sein dürfte usw., zog er aus seiner Tasche ein 
paar mit seiner fließenden Handschrift dicht bedeckte 
Blätter hervor: „Gedichte." Ich hieß ihn sitzen, 
lesen, während ich zuhörte, ermutigend mit dem 
Kopf nickte hier und da besserte. Sein Gesicht wurde 
aus rosenrot purpurfarbig; das goldene Haar fun 
kelte förmlich, hörbar flog sein Atem. Es waxen, 
soviel ich mich erinnere, echte Schülergedichte, Lese 
früchte, Schnabelstudien eines noch nicht flüggen 
Singvogels. Aber sie' müssen etwas versprochen 
haben; denn als ich, ein paar Jahre später — 
um, wie Kollege Elavigo, „meiner Nation das 
noch unbekannte Vergnügen einer Wochenschrift zu 
geben" — in Kassel eine Zeitung, „Der Salon", 
auftat, versäumte ich nicht, lyrische »Beiträge von 
Mosenthal heranzuziehen, die er, mehr wohl aus 
Vorsicht als aus Bescheidenheit, nicht mit seinem 
Namen, sondern nur mit seiner Chiffre unter 
zeichnete." 
Im zweiten Jahrgang des „Salon" (1842) tritt 
Mosenthal, dessen übersandte Gedichte Friedrich 
Rückert schon 1837 freundlich ausgenommen und der 
inzwischen auch kleine Nobelleu für Lewalds „Eu 
ropa" geschrieben hatte, z. T. auch mit seinem 
Namen hervor, so in seiner Ballade vom „Kaiser 
Franz", dem Märchen „Hans Tausendsasa und 
Erlinde, oder der indische Wundervogel", der „Jung 
srau voul Scharfenstein" und dem auch heute noch 
viel gesungenen „Deserteur" (Zu Straßburg auf 
der langen Brück'). 
Mit den begabtesten Jünglingen des Gymnasiums 
hatte Mofenthal eine Verbindung gegründet, die, 
wie er selbst schreibt, „halb .Hain- halb Tugend- 
bund, Moral und Poesie zu ihren Prinzipien und 
Bnrs'chenschastliches und Vehmgerichtliches zu ihren 
formellen Regeln nahm", Man versammelte sich, 
oft unter Teilnahme der Professoren Theobald und 
Flügel, auf seinem Zimmer, las Klassiker, sang 
Lieder und führte Tragödien auf. Diese „geheime 
Burschenschaft" wurde von der Polizei entdeckt, 
Mosenthal entfloh zu seinem. Oheim in Stuttgart, 
der ihn nach Karlsruhe auf das Polytechnikum 
brachte.. So stand das Muttersöhnchen allein auf 
fremdem Boden, studierte Chemie und Physik und 
lernte in der Fabrik am Schraubstock Eisen drehen 
und feilen, die Hildburghäuser Groschenausgabe von 
l Lessings „Nathan" in der Tasche. Nach zwei Jahren 
gewann er die Überzeugung, daß sein Weg zu 
den praktischen Wissenschaften ein Irrweg war. 
Nachdem er vier Monate im Hause des Frankfurter- 
Oheims Dr. Jakob Weil ernsten Studien gelebt hatte, 
nahm er 1842 eine Erzieherstelle im Hause Gold 
schmidt zu Wien au, die ihn ein Jahrzehnt hindurch! 
in Anspruch nahm. In die Gilde der Wiener- 
Poeten aufgenommen, gewann er bald die Zu 
neigung Grillparzers, lernte u. a. Bauernfeld, 
Castelli, Seidl, Prechtler und den Maler Wald 
müller kennen und fand in Wien eine zweite 
Vaterstadt. 18411 holte er sich in Marburg das 
philosophische Doktordiplom, verheiratete sich 1851 
mit einer Stuttgarter Base, der Tochter des Dr. Karl 
Weil, trat int selben Jahr als Kanzlist im öster 
reichischen Unterrichtsministerium in den kaiserlichen 
! Staatsdienst, wurde später ebendort Bibliothekar, 
! erhielt den Titel Regierungsrat und wurde vom 
! Kaiser in den erblichen Ritterstand erhoben. Un 
erwartet ereilte ihn am Morgen des 17. Februar 
1877 der- Tod. Ans dem israelitischen Friedhof in 
i Währing bei Wien wurde er begraben. 
Mosenthal ist nicht nur in Wien einer der 
populärsten Dichter geworden. Schon früh hatte 
er angefangen, für die Bretter zu schreiben. Aber 
erst seine im Sturmjahr 1848, indes die Kanonen 
auf das - Dach des kaiserlichen Zeughauses wet 
terten, entstandene „Deborah" utachte ihn mit 
einem Schlage bekannt. Dieses in 13 Sprachen über 
tragene Volksschauspiel nahm, in der Titelrolle von 
Charlotte Wolter, Klara Ziegler bis zur armseligsten 
Heldin fahrender Komödianten verkörpert, seinen 
Siegeslauf über den Erdball. Ein zweiter glück 
licher Wurf gelang ihm einige Jahre später mit 
dem Torfschauspiet „Der Sonnwendhof". Mosen-
	        

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