Full text: Hessenland (35.1921)

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schädlich dem Menschen und viel Wissen macht 
überflüssige Arbeit". Erst der beizende Rauch des 
Hunnenbrandes auf der Reichenau scheucht ihn aus 
seinem geliebten Pfarrhaus. Hunden, Habicht und 
Falken gibt er die Freiheit und „zwei Spieße in 
der Faust, die Keule Cambutta auf den Rücken 
geschnallt", wandert er dem Hohentwiel zu, „ein 
rechtschaffener Streiter des Herrn". Schon längst 
war der Hohentwiel im Westen heraufgestiegen. 
Er erschien Mir so, wie ihn der Dichter seinen 
Ekkehard zuerst erblicken läßt: „Groß, stolz, in 
steiler, kecker Linie trat ein felsiger Bergrücken 
aus dem Gehügel des Ufers vor, gleich dem Ge 
danken eines Geistesgewaltigen, der wuchtig und 
tatenschwer flache Umgebung überragt, die Früh 
sonne warf Helle Streiflichter auf Felskanten und 
Gemäuer." Immer näher und näher hob er sich 
heran, und um seine Felsenstirn zog sich zertrüm 
mertes Mauerwerk wie eine zerbrochene Krone. 
Aber zunächst fuhr ich an dem Recken vorüber. 
Das nahe Schaffhausen mit dem Rheinfall lag zu 
nah und verlockend. 
Unbehaglich und wenig sauber war's in der 
Gartenwirtschaft zu Schaffhausen, wo ich zu Mittag 
zu essen versuchte. Gymnasiasten, in nachlässiger 
Haltung und nicht adrett im Anzug, kamen mit 
den Büchern unter dem Arm aus der Schule. Sie 
trugen häßliche bunte Mützen und — Bänder! 
Der herrliche Rheinfall ist durch die industriellen 
Anlagen, die seine Wasserkraft ausbeuten, leider 
stark entstellt. 
Ich freute mich, als ich im Abendsonnenglanz 
den Hohentwiel wieder vor mir auftauchen sah. 
Rasch quartierte ich mich in Singen in der „Krone" 
ein, wo Scheffel so oft gewohnt hat. Dann erstieg 
ich den Berg. Das Land am Fuß des Hohentwiel 
ist fruchtbar. Weinpflanzungen ziehen sich an den 
Stellen, wo der Fels nicht zu Tage tritt, fast bis 
zur halben Höhe des Berges empor. Wo der Weg 
zu steigen beginnt, stehen seitwärts der badische und 
der Württembergische Grenzpfahl, denn der Hohen 
twiel ist ein württembergisches Enklave im badener 
Land."In halber Berghöhe liegt ein Meierhof mit 
dem Gasthaus „Zum Hohentwiel". Eine herrliche 
Linde steht davor. Wir stehen vor einem Heilig 
tum der deutschen Muse, denn hier hat Scheffel 
gewohnt, als er den „Ekkehard" schrieb. 
Endlich erreiche ich den Eingang zur unteren 
Burg, das Alexandertor, und trete gleich darauf 
in einen überwölbten^ dunklen Gang ein. Grell 
blendet mich die schräge Abendsonne, als ich wieder 
aus dieser Finsternis auftauche. Tiefe Einsamkeit 
umgibt mich. Schweigen ringsumher. Es ist so 
still, daß ich die Fliegen um die besonnten Mauer 
trümmer summen höre, und der Stormsche Vers 
klingt durch meine Erinnerung: „Die blauen Fliegen 
summen und blitzen durch die Luft." Wieder nimmt 
mich ein schwarzer Tunnel auf, und wieder steige 
ich zum Licht empor und staune über die ungeheueren 
Gemäuerbrocken, die mich in wildem Durcheinander 
rings umgeben. Langsam klimmt der gewundene 
Weg aufwärts. Schritte tönen mir entgegen, eine 
Hünengestalt erscheint mit einem Schlüsselbund in 
der Hand. „Romeias!", sage ich unwillkürlich, denn 
die ragende Gestalt erinnert an den biederen Tor 
wächter des heiligen Gallus. Gleichzeitig wird mir 
klar, daß dies der Wächter des oberen Burgtores 
sein muß, der heimwärts wandert, denn die Sonne 
ist schon im Sinken, und ihre Strahlen leuchten röt 
lich. Sollte der Aufstieg vergeblich gewesen sein? — 
Aber, siehe da, der Wächter zeigt sich verständigem 
Zuspruch zugänglich. Die rauhe Schale birgt einen 
milden Kern. Er flucht nicht einmal den Kernfluch 
des Romeias: „Möcht' Euch doch allzusammt ein 
Donnerwetter sieben Klafter tief in Erdboden hinein 
verschlagen!", sondern überläßt mir vertrauensvoll 
den Burgschlüssel, nachdem er mich mit scharfem, 
weltkundigem Wächterblick gemustert hat. Auf dem 
Meierhof soll ich ihn beim Abstieg wieder abliefern. 
Mühsam schloß ich die gewaltigen Torflügel der 
oberen Burg auf, schlug sie dann krachend wieder 
zu, daß es dröhnend durch den Torbau schallte, 
und verschloß sie von innen. So machte ich mich 
für diesen Abend zum Herrn des Hohentwiel. Und 
nun steigt herauf, ihr Gestalten aus längst ver 
gangner Zeit: 
„Herauf, ihr Helden und Frauen 
Aus längst vergangner Zeit, 
Laßt uns noch einmal schauen 
Eure Freuden und euer Leid! 
Laßt uns noch einmal euch blicken 
Ins verblichene Angesicht! 
Von Kämpfen und Trauergeschicken 
Am Borne Frau Saga spricht." 
Steige herauf, Hadwig, Herzogin in Schwaben, 
und steige herauf, Ekkehard von St. Gallen, und 
erzählt mir, wie euch der Zauberer Vergil die 
Herzen berückte, erzählt mir die bittersüße Geschichte 
von dem Licht, das eine Rose im Stirnband trug, 
und von dem d-unklen Nachtfalter, der sich an diesem 
Licht die Schwingen verbrannte! 
(Schluß folgt).
	        

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