Full text: Hessenland (35.1921)

mit Garten am Altstädter Kirchplatz gekauft, ebenso 
vom Bürgermeister Kurt Melies ein anstoßendes 
Wohnhaus, das aus der Martinskapelle umgebaut 
war. Diese Grundstücke übernahm die Witwe und 
baute auf der massiven Kapelle ein Fachwerkgeschoß 
auf .13 * * * * * 3 In ihrer gebundenen Stellung, abgeschlossen 
von den Bildungsmitteln, wenig zu selbständigem 
Handeln erzogen, zeigen die Frauen jener Zeit, auch 
die fürstlichen, selten die Züge eines ausgeprägten 
individuellen Charakters und Auftretens. In welche 
Zwangslage wurde z. B. die Landgräfin Christine 
durch die Nebenehe Philipps versetzt! Diese Mar 
garete von Falkenberg aber bewies, obgleich sie 
schon bei Jahren war, fast männliche Tatkraft. 
Sie kaufte zu dem vorhandenen Besitz Äcker und 
Wiesen, soviel sie konnte, und richtete ein großes 
Ackerwerk und eine Schäferei ein. Ihr Streben 
nach Unabhängigkeit ging so weit, daß sie ihre 
Rinderherde gegen die landesgesetzlichen Verord 
nungen durch einen eigenen Hirten in Flur und 
Wald treiben ließ und einem Konflikt mit den Be 
hörden der Stadt nicht aus dem Wege ging.** Von 
ihren Söhnen pflanzten nur zwei den Stamm fort, 
während drei kirchliche Pfründen erwarben. Christoph, 
der vierte Sohn, heiratete Apollonia von Spiegel, 
von seinen fünf Kindern war Dietrich, geboren vor 
1591, das jüngste. 
In jener kritischen Zeit gärte es im Hochstift 
Paderborn gewaltig Die Ritterschaft und die Bür 
ger hatten sich größtenteils dem evangelischen Be 
kenntnis zugewandt, die Bauern weniger, ohne daß 
indes die Verfassung des geistlichen Fürstentums 
geändert worden wäre. Das war für die Dauer ein 
unhaltbarer Zustand; Unordnung, moralischer Ver 
fall, Verfeindung der Stünde und Zerklüftung der 
Familien rissen ein. Mit Theodor von Fürstenberg 
aber, der im Jahre 1585 zum Bischof gewählt wurde, 
kam der Mann der katholischen Reaktion ans Ruder. 
Die Protestanten wandten sich Hilfe suchend an den 
Landgrafen Moritz; doch dem Hessenlande fehlte wie 
öfters in Zeiten der Krise ein der Lage gewachsener 
Fürst. Denn Moritz ist über dem Schmieden von 
Plänen und aufgeregten Worten nie zum Handeln! 
gekommen, außer am unrechten Ort. So siegte 
denn die Gegenreformation, die auch vor furchtbaren 
Bluturteilen nicht zurückschreckte; sie war das Werk 
der Jesuiten. 
Schon im Jahre 1582 sollte den von Falkenberg 
die Pfandschaft an Herstelle gekündigt werden, doch 
13 Herr Superintendent D. Wissemann, dem das 
Haus als Amtswohnung dient, hat die unter Putz ver 
deckten Wände der Kapelle bei einer gründlichen Her 
stellung des Hauses soweit als möglich herausarbeiten 
lassen, darunter auch ein gotisches Kirchenfenster auf 
der Ostseite. 
u Hofgeismarer Stadtbuch von 1425. 
erst im Jahre 1608 löste der Bischof Theodor das 
Amt mit 17666 Goldgulden und belehnte dann die 
von Falkenberg, die sich unterworfen hatten, mit 
dem Gut Kemperfeld und einem Burgsitz aufs neue. 
Der junge Dietrich aber, dem Charakter nach das 
unverkennbare Abbild der Großmutter, beugte sich 
nicht, er trat in den Dienst des Landgrafen Moritz 
und begleitete im Jahre 1611 den Erbprinzen Otto 
auf einer Reise nach den Niederlanden und England, 
die seine Bildung hob und seinen Gesichtskreis er 
weiterte.*^ Als er vier Jahre später dem hessischen 
Gesandten Zobel in Stockholm beigegeben wurde, war 
er ein fertiger Mann, der auch Französisch und 
Latein in Wort und Schrift beherrschte. Die Mission 
führte ihn in schwedische Dienste, obgleich man ihn 
in Hessen ungern mißte, und der König Gustav 
Adolf hielt ihn fest, da er seinen Wert erkannte. 
Beide waren auch verwandte Charaktere, nur daß 
der Schwedenkönig die Leidenschaft durch politischen 
Sinn mehr zu bändigen wußte. Denn Dietrich war 
und blieb bis zu seinem frühen Ende ein Fanatiker! 
des Glaubens, der Königstreue und der Ehre. Ob 
gleich er seiner Neigung nach mehr Soldat war 
und sich im polnischen Krieg bewährte, verwendete 
ihn der König doch wegen seiner umfassenden Bil 
dung und seiner feurigen Beredsamkeit mit Vorliebe 
zu politischen Sendungen, wie nach Danzig, Königs 
berg, Holland und Deutschland, und ließ es an 
Zeichen der Anerkennung nicht fehlen. Er wurde 
schwedischer Ritter und Oberst und erhielt das Amt 
Tiegenhof in Westpreußen und das wertvolle Gut 
Kungsberg am Mälarsee. 
Trotz allem, was ihn von seiner Familie trennte, 
verlor Dietrich die Fühlung mit dieser nicht. Die 
Fürsorge galt vor allem der betagten Mutter, die 
während der Kriegswirren einsam in Herstelle saß. 
Seinem Bruder Johann, Drost zu Grene, schreibt 
er aus Elbing (28. Okt. 1628*6); „Aus der Mutter 
Schreiben vernehme ich herzlich gern ihrer aller Ge^ 
sundheit und daß sie nun mehrenteils zu Herstelle 
ist. Der Höchste erhalte sie lange und gebe ihr 
Stärke in diesem hohen Alter und ganz betrübter 
Zeit, welche fürwahr an sich selbsten schwer genug 
zu ertragen." Den Sohn seines Bruders Wedekind 
will er aufnehmen und für ihn sorgen, wenn ihm 
die Erziehung ganz übertragen werde. Und da das 
einst so blühende Geschlecht jetzt nur auf wenigen 
Augen stand, bittet er die Hausfrauen der Brüder 
zu grüßen und zu melden: ich wünschete, die Seine 
möchte den gülden Becher verdienen, wollte gerne 
noch eine güldene Kette darbeilegen; wo nicht, muß 
ich's selber versuchen. 
15 K. Wittich, Dietrich von Falkenberg 1892. 
*e P. Wigand, Westfäl. Archiv V, S. 103.
	        

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