Full text: Hessenland (35.1921)

seltenen geistigen und körperlichen Vorzügen aus 
gestattet war, gelang es bald, in der Vaterstadt, 
die zu jener Zeit arm an Ärzten war, festen Fuß 
zu fassen und sich eine ausgedehnte Praxis zu 
gründen. Von einem unstillbaren Wissensdurst er 
griffen, konnte er diesen nur mit Zuhilfenahme der 
Nächte befriedigen, wobei er auch noch einen großen 
Briefwechsel, den er mit auswärtigen Gelehrten 
unterhielt, zu erledigen hatte. Obgleich die Stadt 
behörde seinen Leistungen große Anerkennung zollte 
und die Klientel ihm ein ungewöhnliches Vertrauen 
entgegenbrachte, so sagte ihm die praktische Tätig 
keit auf die Dauer doch nicht zu, da es sein sehn 
lichster Wunsch war, weiterzustudieren. Erst nach 
dem er volle zwei Jahre Praxis ausgeübt hatte, 
gaben die Eltern ihre Einwilligung. 
Sylvius verließ 1639 Hanau und begab sich auf 
Studienreisen. Nachdem er sich eine Zeitlang in 
Paris aufgehalten hatte, wandte er sich nach Leyden, 
wo er vielbesuchte anatomische Vorlesungen hielt 
und die damaligen Kenntnisse von der Anatomie 
des Hirns sowie der Drüsen erweiterte. Die zehn 
Jahre zuvor erfolgte großartige Entdeckung des 
Blutkreislaufes durch Harvey beschäftigte immer noch 
die medizinische Welt, in der sie vielfach als revo 
lutionäre Neuerung galt und selbst von bedeutenden 
und ernsten Forschern bestritten wurde. Hier trat 
der kaum 25 jährige Sylvius für die Richtigkeit der 
Harveyschen Lehre mit aller Entschiedenheit ein 
und verhalf ihr durch seine überzeugenden Worte 
sowie durch Versuche, die er an Tieren anstellte, 
zu allgemeiner Anerkennung. Auf Veranlassung 
einiger Freunde übernahm er 1641 eine Arztstelle 
in Amsterdam, wo er bald einer der gesuchtesten 
Ärzte wurde, da er mit hervorragendem Können 
eine persönliche Liebenswürdigkeit, ein heiteres Wesen 
und ein großes Pflichtbewußtsein verband, so daß 
er die Herzen aller gewann, die seiner Hilfe be 
durften. Die hohe Auffassung, die er vom ärztlichen 
Berufe hatte, zeigte sich am deutlichsten in seinem 
überaus menschenfreundlichen Verhalten gegenüber 
den Ärmeren in der Amsterdamer wallonischen 
Gemeinde. 
Trotz anstrengendster Berufstätigkeit vernachläs 
sigte Sylvius nicht seine wissenschaftliche Fort 
bildung, er verwandte jede freie Stunde zum Studium 
oder zu selbständigen Forschungen, wobei chemisch!? 
Versuche eine wichtige Rolle spielten. Die chemische 
Wissenschaft befand sich noch in den Anfangsstadien, 
und ihre Nutzanwendung für die praktische Heilkunde 
hatte bisher keine nennenswerten Erfolge aufzu 
weisen. Gestützt auf die freilich mehr spekulativ 
philosophischen Arbeiten von Paracelsus und von 
van Helmont, suchte Sylvius mit Hilfe der Chemie 
physiologische und krankhafte Vorgänge des mensch 
lichen Körpers zu erforschen und die gewonnenen 
Kenntnisse zum Wohle der leidenden Menschheit zu 
verwerten. Er gilt daher in den Werken der Go-, 
schichte der Medizin als der eigentliche Begründer 
der Chemiatrie. Auch das naturwissenschaftliche Ge 
biet seiner Zeit beherrschte er völlig; seine persön 
lichen Beziehungen zu Descartes, dem berühmten 
französischen Philosophen, Mathematiker und Phy 
siker, scheinen in Amsterdam angeknüpft worden! 
zu sein. 
Der Ruf von Sylvius war weit über die Grenzen 
von Amsterdam gedrungen, so daß man es fast 
selbstverständlich fand, als ihn die medizinische 
Fakultät der Universität Leyden im Jahre 1658 
nach dem Tode von Professor Albert Kyper, dem 
Vertreter der praktischen Heilkunde, zu dessen Nach 
folger vorschlug. Nur zögernd entschloß er sich, die 
bisherigen ihm liebgewordenen Verhältnisse mit der 
Tätigkeit eines klinischen Lehrers zu vertauschen. 
Schon bald sollte es sich weisen, welch ausgezeichnete 
Kraft man an ihm gewonnen hatte, da in verhält 
nismäßig kurzer Zeit die Besuchszahl der Universität 
eine bisher noch nicht dagewesene Höhe erreichte. 
Aus allen Ländern Europas strömten Schüler her 
bei, besonders auch aus Deutschland, dessen Hoch 
schulen ihren wissenschaftlichen Tiefstand nach dem 
Dreißigjährigen Krieg noch nicht ganz überwunden 
hatten. Die glänzende Redegabe von Sylvius, die 
Klarheit seiner Gedanken, die Einfachheit seines 
Systems und sein liebenswürdig-heiteres Naturell 
übten einen bestrickenden Zauber auf die Zuhörer 
aus. Dazu kam noch seine männlich schöne Gestalt, 
auf die in zeitgenössischen Berichten besonders hin 
gewiesen wird, und die auch sein Kollege, Professor 
Lukas Schacht, in der etwas rhetorisch gefärbten 
Leichenrede rühmend hervorhebt. 
Eine reiche schriftstellerische Tätigkeit entfaltete 
Sylvius, und seine Werke fanden in mehreren Auf 
lagen große Verbreitung. Zu den wichtigeren ge 
hören die „Disputationes medicae“, in denen 
hauptsächlich physiologische Fragen erörtert werden, 
die sich zum Teil auf chemische Versuche gründen. 
Das erste Buch der „Praxeos medicae idea novä“ 
erschien im Jahre 1671, während die beiden andern 
erst nach seinem Tode veröffentlicht wurden. In 
diesem Werk gibt er eine Darstellung der ein 
zelnen Krankheitsformen, und es findet sich neben! 
einer Menge von Ansichten, die die fortgeschrittene 
Wissenschaft später als irrig erkannt hat, auch eine 
Fülle von interessanten Tatsachen und sorgfältigen 
Beobachtungen, die heute noch Beachtung verdienen. 
So war Sylvius der erste Arzt, der mit Bestimmt 
heit auf die Natur der Lungentuberkeln hinwies 
und deren Zerfall mit nachfolgender Kavernenbil 
dung beschrieb. Er erblickte hierin eine der Ursachen
	        

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