Full text: Hessenland (35.1921)

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mit blitzblanken von fern spiegelnden Fenster 
scheiben, blühweiszen Gardinen und funkelnden 
Türdrückern dastehen, während eine protzende 
Gesellschaft buntester Topfblumen auf den Fenster 
bänken prahlt. Gder ob es eins von denen ist, 
die der Efeu fast erstickt, die hinter Lindenkulissen 
hervorlugen und in denen alle Stuben in ein 
goldig-grünes, wundersames Halbdunkel getaucht 
sind. Überall sind in Gläsern ein paar von Mntters 
Hand gepflückte Bluinen und manchmal fallen 
Blütenblätter in das offene Sonntagspredigt- 
Manuskript auf Vaters Arbeitstisch. Auf weist- 
gescheuerten Dielen blitzt silberner Sand. Und 
Sonnabends wird geschrubbt, gebacken und Kaffee 
gebrannt, dast ein köstliches Durcheinanderduften 
von grüner Seife, nassem Holz, bräunendem 
Kuchen und Röstkaffee vom Keller bis zum Boden 
weht. Und wer dies Duft-Potpourri nicht pa 
radiesisch und behagenerweckend findet, dem hat 
der liebe Gott den rechten Sinn für Winkelglück 
und Winkelpoesie versagt. 
Und während die immer fleißige Mutter mit 
geröteten Backen Rosinenkuchen backt und die 
älteste Schwester, selbst noch ein Kind, mit Wich 
tigkeit vor der Hintertür die Rösttrommel dreht, 
werden die anderen kleinen Pastörchens — drei 
zehn sind's gewesen in Hessen, dreizehn Mal 
spring-lebendiger, fröhlicher Gottessegen — auf 
dem Rasen herumgepurzelt sein. (Ehe man mich 
des Plagiats überführt, will ich lieber gleich ein 
gestehen, dast der Ausdruck „Pastörchens" aus 
dem „Prinzen Rosa Stramin" gestohlen ist — 
einem wehmütig-sinnigem, herzerquicklich-humor- 
vollen, unendlich feinem Büchlein, das mir der 
Freund gestern gegeben hat, wie seine Güte denn 
überhaupt immer etwas Liebes in die Hand zu 
stecken oder ins Herz zu legen weiß. Aber ich 
will nicht vorgreifen nnd mir nicht selber die 
Pointe verderben!) 
Einstweilen ist er noch eins der dreizehn kleinen 
Pastörchens, die in der starken frischen Landluft 
zu starken ltnb guten Menschen heranwachsen sollen. 
Einmal war er wohl das Allerkleinste, das die 
Mutter behutsam ans dem Arm trügt, wenn die 
alten Weiblein aus dem Dorf ihr Süppchen holen 
kommen und noch ein paar gute Worte oben- 
drein geschenkt bekommen, weil ein feines Frauen 
herz sich nie genug tun kann im Schenken. Ein 
ganz Kleines, das daumenlutschend aus dunklen, 
verwunderten Augen in die Sommerkringel auf 
der Hausnummer guckte. — Und dann wird er 
wohl einige Zöllchen gewachsen und eins von den 
Pastörchen gewesen sein, die halb scheu, halb neu 
gierig hinter Musters Rock- vorschauten, wenn ein 
Beiuck im besten Zimmer empfangen wurde. — 
Dann war er wohl eines Tages ein Bürschchen, 
das mit zur Kirche durfte und erwartungsvoll ein 
großes Gesangbuch, in dem er kaum lesen konnte, 
vor den Bauch gepreßt hielt, während drüben 
schon der Küster zu läuten begann und die Mutter 
noch flinke Visitation hielt: ob der Scheitel auch 
gerade, das Krügelchen glatt und das Rastüchlein 
sauber sei. — Später wird er mit den Brüdern und 
Dorfjungen ,,Ritter und Räuber" gespielt, Heu ein 
gefahren und Äpfel gepflückt haben — mit und 
ohne Erlaubnis. Und ich hoffe, daß der Himmel 
ihm noch das liebe Erleben geschenkt hat, vom 
eignen Vater im heimatlichen Kirchlein an den Tisch 
Gottes geführt zu werden, um dann nach diesem 
feierlich-stärkenden Abschluß aus der Grüne und 
Stille ins laute Leben herauszugehen. 
Das alles weiß ich nicht — ich hoffe es nur. 
Eins aber weiß ich gewiß, ohne es je gehört zu 
haben: er ist unter liebenden Augen groß geworden 
und unter der steten Sonne einer warmen Mutter 
liebe. Noch bei 40-, 50- und 60 jährigen, von 
deren,,Woher" ich nichts ahne, will ich, ohne zu 
fragen und ohne zu irren, die herausfinden, die in 
Sonne ihr Dasein begonnen oder in Schatten. 
Einerlei, ob die aus dem Schatten Kommenden im 
späteren Leben an Helle und Gütern keinen Mangel 
leiden — einerlei, ob die ans der Sonne Kommen 
den nachmals unters Kreuz gestellt und arm an 
allem wurden — der Goldglanz, mit dem Vater- 
und Mutterliebe eine Kindheitswelt einst umrahmte, 
kann durch Daseinsrauheit ebenso wenig abgescheuert 
werden, wie anderseits durch Glück die Narben zu 
verwischen sind, die Mangel an Liebe einer jungen 
Menschenseele riß. Die aus der Liebe Kommenden 
bleiben die Ewigjungen, die unter grauem Haar 
noch etwas von der Helle ferner Fugendlage in der 
Seele aufgespart tragen, die mit einem Lächeln 
andere merkwürdig beglücken und mit ihrem bloßen 
Dasein wohltun können. 
Und immer will ich unter Männern auch den her 
auszufinden wissen, dem eine edle und gütige Mutter 
als Vorbild aller Frauentugend gilt, — dem aus der 
Verehrung für diese eine Frau eine innige Achtung 
für alle Frauen erwuchs. Der pflegsam mit Frauen 
seelen umzugehen weiß und doppelt pflegsam mit 
wunden Frauenseelen. Der in der Frau das An 
denken seiner Mutter blank halten will und eine 
Frau ebenso zu umsorgen versieht, wie seine Mutter 
einst ihre kleinen Menschenblumen und die in den 
Töpfen vor den Fenstern pflegte. 
Dies feine Mannesverstehen ist eine Pflanze, die 
nur da wächst, wo Mutterwärme edlen Samen 
streute. Und mit diesem Satz komme ich dahin, wo 
ich sein will, — zu dem, der gut sein kann und zart 
wie ein Bruder, um so zum Segen zu werden.
	        

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