Full text: Hessenland (35.1921)

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Himmels zeichnet sich dunkel und scharf der Schatten 
riß des Weidelsberges hinein, der aus dem lang 
hinziehenden Rande tiefblauer Waldungen, die den 
Horizont abschließen, emporwächst. Zwischen Tannew 
und Kiefern spielt das Sonnengold, und als ich 
jenseits des Waldes mich umschaue, hat die Land 
schaft völlig gewechselt. Vorn die roten Dächer von 
Martinhagen, rechts die lichten Bäume auf der 
Höhe des Falkensteines, zur Linken die waldigen 
Kuppen des Hunds- ltnb Wattenberges, weiter vorn 
der spitze Kegel der Schaumburg, und das ganze 
Bild geschlossen durch die ruhigen .Höhenlinien des 
Habichtswaldes, über die nur die feine Zeichnung 
des Hohen-Gras-Turmes sich gegen den Himmel 
abhebt. Kühe weiden an der Straße, das rotbraune, 
glänzende Fell der Tiere steht im Abendlichte präch 
tig gegen die grünen Wiesen, das reifende Getreide. 
Durch Martinhagen hin, vorüber an den schwar 
zen Gesteinsmassen, die einst Urgewalten hier ans 
Licht gedrängt, die gewiß schon lange vor der 
Siedlung die Umwohner angelockt zu ehrfürchtigem 
'Besuche, bis in der Nähe das Gotteshaus empor 
wuchs. Noch glänzen die .Höhen des Habichtswaldes 
im Abendlichte, noch liegt der letzte Schein oer 
Sonne auf den roten Dächern von Martinhagen, 
das sich scharf gegen den blauen Himmel abzeichnet, 
als ich dem Ouellbächlein der Warme folgend, im 
Wiesengrunde zwischen den Wäldern dem Hofe Rop- 
perode zuschreite. Massig ragt der Dörnberg am 
Ende des Tales auf, — durch eine kleine Wald- 
Parzelle, dann über Wiesen, über die schon leichter 
Nebel zieht, führt der Weg. Tiefe Ruhe rings! 
Und ich steige zur Höhe des .Habichtswaldes em 
por. Hinter dem Burghasunger Berge, der wieder 
sichtbar wird, je mehr ich steige, steht golden der 
Sonnenball, die Bäume bei der alten Zisterne des 
Klosters, der letzte Mauerrest des Turmes, sie 
zeichnen sich mit schneidend scharfen Linien in das 
flutende Abendlicht,— dann tauche ich in das Dunkel 
eines Eichenbestandes ein. — Ein Bock, der in die 
Wiesen hinaustreten wollte, bemerkt mich, ein hei 
serer Schreckruf, und ich höre ihn im Stangenholze 
verschwinden. Scharf steigt die Straße nun zwischen 
jungen Tannen an, bald ist der letzte .Hang erreicht, 
und über die Bäume blicke ich zurück! 
Aus allen Tälern und Schluchten sind blaue 
Nebel hervorgekrochen, grau mit rotgüldenen Strei 
fen durchzogen liegt fern im Westen eine Nebel 
bank, in der just die Sonne, eine glührote Scheibe, 
versinkt. 
Ich schaue ihr nach, — sehe, wie sich die Wolken 
öffnen und sie wie in einem flammend-goldenen 
Abgrunde verschlingen, der letzte Streif ist jetzt 
versunken, noch glühen einzelne Wolkenränder nach 
— nun ist's dunkel! 
Und im selben Augenblicke bekommt die Landschaft 
ein anderes Gesicht. All die waldigen Bergkuppen, 
die aus den bläulichen Talnebeln aufstiegen, die 
die Landschaft belebten, sie stehen wie erstarrt, fast 
drohend recken sie sich, gespenstisch, in das abend 
liche Grau, und lange noch muß ich zurückschaueu 
auf die Veränderung, die das Bild in diesen kurzen 
Minuten erfahren. Uralte Naturmystik wird in 
solchen Augenblicken in der Menschenseele lebendig, 
jedes reflexive Element scheint ausgeschaltet, man 
fühlt sich als Teil des Weltganzen, als winziges 
Partikelchen der allgewaltigen Natur verschwinden, 
versinken. — — — 
Aber hoch oben, über mir, blaut noch blaß das 
Himmelsgewölb, — rosa Streifen schwimmen bis 
fern zum Osten hin in feinen Strichen im Äther, 
die Tannen zu beiden Seiten der Straße duften, und 
ein leiser Wind bewegt die Zweige, die silhouetten- 
haft gegen den Himmel stehen. 
Schon fühlt der Fuß keine Steigung mehr, die 
Straße hat die Höhe des Habichtswaldes erreicht, 
zur Linken ragen noch, von Regengüssen, vom 
Schmelzwaßer in langer Arbeit zerfurcht, die Schutt 
halden des alten Bergwerkes empor, die auch wohl 
gar balde überwuchert sein werden, so daß dann 
nur noch Tagesbrüche im Walde und alte Karten 
von dem Bergwerke reden werden, das man selbst 
noch gesehen, als seine Baulichkeiten standen, als 
hier noch die Habichtswalder Kohle zum allbeliebten 
Hausbrände Kassels gefördert ward. —* 
Die Linden duften noch! Der letzte Gruß des 
Frühlings, den er hier auf der Höhe vier Wochen 
später entbietet, als er's drunten im Tale getan, — 
mir immer ein wehmütiger Gedanke, — und gern 
empfange ich hier nochmals seinen Abschiedsgruß 
wie den eines lieben Freundes. 
Auf den Weiden stehen noch die Kühe und Pferde, 
neugierig schauen sie auf, wenn der späte Tritt 
eines Menschenfußes aus dem Dämmern schallt, — 
drüben von seiner Pyramide grüßt noch im letzten 
verschwimmenden Lichte der Alkide, der nun seit 
zwei Jahrhunderten auf das Kasseler Tal wache 
haltend herabschaut, und leise rauschen die Pappeln. 
Auf wohlvertrauten Wegen durch die Wilhelms 
höher Anlagen geht's nun hinab zur Stadt, deren 
Lichter hinaufgegrüßt, während die schmale Sichel 
des Mondes durch die Bäume des Parkes schimmert 
und in den Teichen und Gewässern, die leise plät 
schern und raunen, ihr Spiegelbild sucht. 
* Inzwischen ist südlich der Straße ein neuer Schacht 
abgeteuft und die Förderung neu ausgenommen. 
Frühlingsmorgen. 
Schwatzende Stare in kahlem Geäste, 
Frühlichtgesänge von Drossel und Fink. 
Ueber die Saat, die von Tropfen genäßte, 
Flimmert's wie edler Gesteine Geblink. 
Rinteln a. W. 
Morgenrotglut auf blitzenden Scheiben, 
Kindergesichter —, das Leben erwacht! 
Rosige Wellen im Strome treiben, 
Herb ist des Morgens lichtschimmernde Pracht. 
Helene Brehm.
	        

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