Full text: Hessenland (35.1921)

zu rügen, dann fuhr seine ganze Gestalt mit Naht 
und Nadel herum. Das genügte meist. 
Sonntags „zwischen den Kirchen" kramte er in 
seinen Noten, die er selber geschrieben. Auf den 
vergilbten Papieren stand alles genau so ordent 
lich und gerade wie rings in der Stube. Zu 
jedem Blatt wußte er eine Geschichte. 
Da war vor allem der Parademarsch des kur 
hessischen Garderegiments, bei dem er in Reih 
und Glied gestanden hatte. Solch eine Musik 
gab es nicht wieder. Wenn die Garde am ersten 
Pfingsttag unten in der Aue ihr Konzert gab, war 
ganz Kassel und Bettenhausen auf den Beinen. 
Und die Equipagen blitzten vorüber. Und der 
Kurfürst kam. Ja, das war ein Leben! Einem 
alten Regimentskameraden hatte er vor Jahr und 
Tag einen Haufen, alter Märsche geliehen. Der 
wohnte nun schon lange dahinten im Westfälischen. 
Die mußte er wieder haben und sollte er sie selber 
holen. Denn ein rechter Musikante läßt keine 
Note im Stich. 
Da war noch eine Quadrille, die wurde auf 
dem Hofballe im Schlosse gespielt. Wenn er dabei 
auf die Marmorwände, Kronleuchter, Uniformen, 
Ballkleider kam, dann erglühten ordentlich seine 
Wangen, und der hagere Hals wuchs aus dem 
schwarzumwickelten Hemdkragen handhoch 'heraus, 
und die gebeugte Gestalt richtete sich stolz empor. 
Unter Spohr hatte er im Theater mitgespielt und 
die Pistor singen hören. Aus dieser Luft hatte 
ihn dann der Vater heimgerufen, der ihn brauchte. 
„Was hätte aus mir werden können!" so schloß 
er immer. 
Im Theater hatte er das Waldhorn geblasen. 
Das schlief oben auf der Kammer in des Kleider 
schrankes Nacht. Wenn die Kirmes kam, kramte 
er das Instrument hervor^ beguckte es von allen 
Seiten und putzte es blank. Und eines schönen 
Sonntags fingen dann die kleinen blinden Fenster 
scheiben, die schon so arg locker im Blei saßen, 
vor Freude an zu zittern, weil das Waldhorn 
wieder wach geworden, und die Geige lauschte 
gespannt und verständnisvoll hin wie die Schwester 
im Märchen, da sie des verlorenen Bruders 
Stimme wieder vernahm. 
Die Wochen all, die das Waldhorn von nun 
an oben auf dem Schranke lag und zur Geige 
wie zu einer heimlichen Braut hinüberblinzelte, 
verließ den Alten die Ruh. Ein Kleidungsstück 
nach dem andern fing er an, um es unfertig 
beiseite zu schieben. Der sonst so wahrhaftige 
Mann versprach den Leuten, was er nimmer 
halten konnte, und steckte ruhig einen Vorwurf 
ein. Die Dämmerstunde abzuwarten, schien ihm 
unerträglich. Manchmal saß er schon im Hellen 
Tageslicht fiedelnd auf dem Stuhle und würdigte 
den unvollendeten Kirmesrock an der Wand keines 
Blickes, sagte auch nichts, wenn draußen auf der 
„Dele" die Jugend der Nachbarschaft in Strümpfen 
einen Probetanz hielt. 
Der Morgen kam, an dem er der Arbeit gänz 
lich sich versagte und seinen Sonntagsrock herunter 
holte, um in die Stadt zu wandern. Saiten waren 
nötig und ein Stück Geigenharz, wohl auch ein 
Hals- und Schnupftuch. 
Kirmessonntag endlich stritten sich schon in aller 
Herrgottsfrüh Waldhorn und Geige um seine Hand, 
bis das Waldhorn den Sieg davontrug und die 
Geige sehnsüchtig hinterher schaute. 
Lächelnd verließ der Henrichvetter sein Haus, 
lächelnd sahen ihm die Seinen nach. Wenn er 
dann über die Brücke ging, merkte man gar nicht, 
daß er das lange Jahr so krumm gesessen, so 
aufrecht hielt er sich. Die Leute kamen ins Fenster 
und grüßten ihn. 
Vor dem Wirtshause standen längst die Burschen 
bereit, die Kirmes zu holen. Da traten sie dann 
nebeneinander; der lange Gtto mit der Klarinette, 
der Friedrich mit der Tuba, der Henrichvetter mit 
dem Waldhorn und ein Trompeter von den Hu 
saren. Hei, wie das schmetterte, wenn sie durchs 
Dorf zogen! Und die Burschen jauchzten hinter 
her und schwenkten die bebänderten Mützen, und 
die ehrwürdigen Giebel zur Rechten und Linken 
lauschten mit feierlichem Gesicht und wunderten 
sich, daß schon wieder Kirmes war. 
Ja, wie rasch die Zeit enteilt und was ihr 
Strom doch alles mitreißt, die alten Dorfmusikanten 
und die Kirmes dazu! Die Musikanten dürfen 
nun wohl alle bei dem großen Halleluja da droben 
mitwirken, zumal der Henrichvetter, der hienieden 
schon mehr verstand als Tänze spielen. Denn 
auch im Grgelschlagen war er nicht unerfahren. 
Wenn einmal am Sonntag der Kantor verreisen 
mußte oder erkrankt war, sprang der Henrich- 
vetter ein. Sobald er die Treppe zur Grgel hinter 
sich hatte, ließen ihn die Jungen nicht mehr aus 
den Augen. Denn daß ein anderer als der Kantor 
sich auf die Grgel wagte, wo man Hände und 
Füße zugleich rühren mußte, das schien ihnen doch 
zu merkwürdig. 
Damals wurde das „Komm, heiliger Geist" 
ohne Grgel gesungen. Der Kantor gab den Ton 
an und verband die Zeilen durch kleine Ton 
ranken. Das vollführte auch der Henrichvetter 
ohne Tadel, wenn ihm mrch die Töne etwas tiefer 
zu stecken schienen als dem Kantor und er einen 
erschrecklich langen Hals dabei machen mußte. 
Darauf schlug er dann das alte Choralbuch auf, 
das der Kantor gar nicht inehr benirtzte, darinnen
	        

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