Full text: Hessenland (35.1921)

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V 
Und endlich kenne ich noch eine Spielform, die man 
als formelhaft bezeichnen könnte: das reizende, in 
Kassel leider fehlende Lied Klein Annchen in 
der Mühle" wird in Oberstein so ausgeführt, 
daß die beiden Darsteller unter den gleich einem 
Torbogen aufgehobenen Armen zweier anderer 
Kinder stehen — sicherlich eine Erbschaft aus dem 
Brückenspiele. Wir erkennen also deutlich zwei Aus 
gangspunkte: hier die Handlung des Liedes selbst, 
dort einen vorher bestehenden Spielbrauch. Es ist 
sehr reizvoll, die verschiedensten Übergangsformen 
zu beobachten, und überhaupt verdient die ganze, 
Phantasie, Bewegungsanmut und Geschmack gleicher 
maßen fördernde Art dieser dramatischen Spiele alle 
Ermutigung. Man braucht da keineswegs ängstlich 
zu sein: auch was dem gebildeten Erwachsenen 
blutrünstig und roh erscheinen möchte, wie M a - 
riechen saß auf einem Stein (Nr. 257) 
oder das Humpelbein, braucht dem Kinde so wenig 
zu schaden wie die Menschenfresser oder die grau 
samen Strafgerichte des Märchens. Die Aufnahme 
fähigkeit scheint unbegrenzt zu sein: in Hessen- 
Darmstadt kommt ein scheinbar so unkindliches Stück 
wie Christinchen ging in Garten (Erk 
und Böhme. Liederhort 1 S. 14f., I. Lewalter, 
Volkslieder aus Niederhessen 1 Nr. 27) als Spiel 
vor 11 12 , und anderwärts sind sogar geistliche Volks 
lieder in dieser Verwendung bezeugt. 
Mit diesen dramatischen Volksliedern stehen in 
enger Verwandtschaft die Nachahmungsspiele. 
Bei einzelnen wie dem kettenartigen Der Schnei 
11 Zeitschr. d. Per. f. Volkskunde 28 S. 36 f.; 
s. a. C. Hehler, Hessische Landes- und Volkskunde II 
S. 419: Hier sitz ich armes Mädchen ... In Eschwege: 
... Saß eines Abends kühle auf einem harten Stein ... 
Da das anmutige Spiel in Hessen noch wenig beachtet 
zu sein scheint, will ich eine Aufzeichnung aus Utphe 
mitteilen (D. V.-A. A 3296): 
22. Schön Hannchen an der Mühle 
Saß eines Abends kühle 
An ihrem Rad und spann. 
Kaum hat sie angefangen, 
Da kam ein Herr gegangen, 
Ein edler, jung und schön. 
Ach Mädchen, hast du Eltern? — 
Ach nein, ich habe keine. — 
So komm mit mir ins Schloß! 
In Samt und Edelsteine 
Sollst du gekleidet sein. 
In Vadenrod, im Kr. Alsfeld, wurde früher ein Über 
rest beim Spinnen gesungen (D. V.-A. A 979): l. Muß 
immer fleißig spinnen, muß mir mein Brot verdienen, 
muß immer fleißig sein. 2. M. i. fl. arwenn, m. m. m. 
Br. erwerben, m. i. fl. s. 
12 D. V.-A- 3377 Fauerbach bei Nidda, bloßes 
Kreisspiel; 3375 Reinheim, Kr. Dieburg, in mimischer 
Ausführung. 
der hat eine Maus (Nr. 288) kann man 
sogar in Zweifel sein, ob es nicht eigentlich der 
ersten Reihe zuzuweisen ist. Im ganzen darf man 
sagen, daß diese Stücke den Kindern von vornherein 
als Spiele überkommen sind: das gilt ganz gewiß 
von ursprünglichen Volkstänzen wie dem „Winker" 
Mit dem Köpfchen nick nick nick (Nr. 311) 
und umgewandelten Gesellschaftsliedern wie I ch 
bin kein Freund von Traurigkeit (Nr. 
306), aber auch der so kindlich anmutende Spiel 
eingang Seht, ihr Herrn u.nd Damen, 
seht ihr meinen Fuß (Nr. 280) gehört eigent 
lich den Erwachsenen zu. Gesellschaftsspiele sind 
überhaupt in großer Zahl in den Besitz der Kinder 
übergegangen, ältere und neuere. Dahin gehören 
Reigenspiele mit Gegenbewegung wie die Braut- 
werbu.ngsspiele Nr. 271, 276, wovon Nr.316 
Sechzig Gänse haben wir gekauft eine 
kindliche Nachbildung sein mag, und alle die rokoko 
zierlichen Stücke wie das S ch a tz s u ch e n (Nr. 259, 
283, 287), das A m o r s p i e l mit seiner An 
deutung des „Kissentanzes" (Nr. 284); ferner das 
Kettenspiel vom Kirmesbauern mit seiner 
Sippe (Nr. 250, 302, 315) und das Plump sack 
spiel (Nr. 269). Kindlicher erscheinen polonäsen 
artige Reigen wie Macht auf das Tor und 
die Schwarze Köchin (Nr. 267, 274), zu 
denen man auch Stücke wie W i ck e l b a u m und 
Säckeflicken (Nr. 279, 292, 301) hinzunehmen 
kann, bei denen der Text hinter der Bewegung 
zurücktritt; aber auch hier weist sich etwa Der 
Abt ist nicht zu Hause (Nr. 258) mit seinem 
kulturgeschichtlichen Hintergrund als übernommen 
aus. Die Hobelbank (Nr. 976), der Rund 
gesang (Nr. 982) und alle Arten von Pfänder 
spielen (Nr. 979, 980, 993 usw.) sind ebenso 
unbestrittenes Eigentum der Erwachsenen wie Taler 
(Ringlein), du mußt wandern (Nr. 989). 
Am unverdächtigsten sind Fangspiele wie Nr. 313, 
die Ringelreihen mit Niederhocken (Nr. 255, 
289, auch 272 i3 , 298) sowie die Spiele, bei denen 
der Kreis durch Umdrehen eines Kindes allmählich 
aufgelöst wird wie im Siebenjahrreigen. Aber volle 
Sicherheit besteht kaum jemals. Es ist auch nicht 
zu vergessen, daß manche Stücke gleich dem Dorn 
röschenspiel Kunstdichtungen für Kinder sind, durch 
den Kindergarten 'vermittelt. Und so einsam 
wir spielen (Nr. 286) ist wahrscheinlich aus 
einem Fröbelschen Spiellied entstanden; das hübsche, 
aber sichtlich künstliche Lied Wir kommen mit 
Trommel- und Pfeifenklang (Nr. 315), 
mit dem ich früher nichts anzufangen wußte, hab 
iS Der Wortlaut scheint aus einem derben Trutz 
reime heischender Kinder zu stammen, vgl. z. B. Zeitschr, 
f. österr. Volkskunde 12 , 153,
	        

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