Full text: Hessenland (35.1921)

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alle Arbeit in den Gemächern und allenthalben im 
Schloß versehen habe, wovon sich der Landgraf per 
sönlich habe überzeugen können, ihr und ihrem Sohn 
weiter dies Amt zu versehen zu gestatten. Dieser 
Bitte wurde anscheinend nicht entsprochen, was bei 
dem Charakter des Landgrafen Moritz kein Wunder 
nimmt. Kirchhofs Nachfolger war Hans Schildt, der 
1606 erwähnt wird. 
Von den Kindern Kirchhofs wurde der schon 
erwähnte 1584 geborene Hans Wilhelm Maler. 
Die Wandmalereien eines Michael Müller im Schloß 
Spangenberg und eines andern bedeutenden Malers, 
der 1580 im Schlosse Spangenberg und außerdem 
in der Wilhelmsburg bei Schmalkalden Malereien 
ausführte, den wir vielleicht in Jost von Hoff zu 
suchen haben, haben den jungen 'Kirchhof jedenfalls 
angeregt, die Malerei zu erlernen. Bestimmt kann 
man annehmen, daß er diese Gemälde zu kopieren 
bemüht war, denn er kopierte die Wandmalereien 
Michel Müllers im Schlosse zu Ziegenhain. Diese 
Kopien sind glücklicherweise noch erhalten und in 
einem in die Zeit des Landgrafen Moritz zu setzenden 
Büchlein unter dem Titel „Verzeichnis deß Gemehltze 
und deren Schriefften, wie dieselbigen in unsers 
g. F. und Herren Gemache zu Zigenhein gemahlet 
stehn", vereinigt. Es enthält die Kopien von Dar 
stellungen der Helden aus dem klassischen Altertum 
und der biblischen Geschichte, dann aber auch Bilder 
hessischer Landgrafen, von denen ein Bild Philipps 
in ganzer Figur im Harnisch und Federhnt und ein 
solches seines ältesten Sohnes Wilhelm am meisten 
interessieren. Voraus geht dem Büchlein, das zu 
gleich den Beweis für Wilhelms Kunst erbringen 
sollte, ein undatiertes Widmungsschreiben von 
„Hans Wilhelm Kirchhofs Maler allhier", d. h. zu 
Kassel, an den Landgrafen, worin er über Mangel 
an Beschäftigung klagt und zum Unterhalt von 
Weib und Kind um Aufträge bittet. Gern möchte 
er zwei neue Luftschiffe ausmalen, die sich damals 
gerade im Bau befanden. 
Über seine weitere künstlerische Tätigkeit wissen 
wir nichts, nur sein Todestag ist bekannt. Er starb 
am 15. Dezember 1636. 
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Spaziergänge im Kinderland. 
Von Dr. GeorgSchlägerch. 
(Schluß.) 
Unter allen Quellen, aus denen sich der Strom 
des. Kinderliedes täglich ergänzt, nimmt jedoch das 
Volkslied den wichtigsten Platz ein, vor allem 
das erzählende Lied, aber auch der Vierzeiler als 
Trnmpflied und Tanzreim. Der völlige Übergang 
ins Eigentum des Kindes Prägt sich dabei, außer 
in gewissen Änderungen des Wortlautes und der 
Weise, am deutlichsten darin aus, daß aus dem 
Lied ein Spiel geworden ist, wobei man freilich 
nicht vergessen darf, daß solche Verwendung auch 
Erwachsenen nicht ganz fremd ist. Es kann das in 
verschiedener Weise geschehen. Die Volksballade vom 
Schäfer und Edelmann und die rührende 
Geschichte von der dienenden Königstochter 
(Nr. 245, 253), wie auch die kindlichen Ausläufer 
der B l a u b a r t s a g e (Nr. 257 usw.) und das 
hiernach gemachte Tornröschenspiel (Nr. 303) 10 
werden in Kassel und meist richtig dramatisch auf 
geführt; dies ist die häufigste Form, indem die 
Darsteller in der Mitte des Kreises stehen, diesen 
Vgl. K. Reuschel, Zeitschr. f. Deutschkunde. Ist 
dieses als Ersatzstück für das unpädagogische Blaubart 
spiel (Mariechen saß auf einem Stein) von einer Lehrerin 
verfertigt, so hat sich daraus wieder ein Schnee- 
w i t t ch e n s p i e l entwickelt, und zwar nach Ausweis 
der verworrenen Handlung im Kindermunde. Ich kenne 
nur eine hessische Fassung aus Gunzenau, Kr. Lauterbach, 
D. V-A 3478: Schneewittchen war allein zu Haus. 
Schn, schlummert 100 Jahr. Da wuchsen Hecken rund 
wohl auch an bestiinmten Stellen durchbrechen, wie 
im Dornröschenspiel in dem lustigen Schwank vom 
kleinen Mann (Nr. 321). Im Gegensatz dazu 
steht die Eschweger Spielform des hübschen, aus 
Frankreich stammenden und durch Soldaten ver 
mittelten Liedes Sechstausend Mann, die 
zogen ins Manöver (Nr. 718), das in Kassel 
nur trümmerhaft als Klowesspruch vorhanden ist: 
hier herrscht die bloße Kreisbewegung, beim Kehr 
reim stehen die Kinder still, lassen- sich los und 
klatschen taktmäßig in die Hände. Ähnlich ist es 
beim H u m p e l b e i n (Nr. 243), nur daß man 
in dem Humpeln, das den Kehrreim begleitet, schon 
eine Andeutung des Liedinhalts erblicken kann. 
Zwischen jenen Gegenpolen stehen zwei vermittelnde 
Formen, die ich aus Hessen augenblicklich nicht 
belegen kann. Das im Kreise gesungene Lied von 
Schäfer und Edelmann kann zum Schluß in ein 
Haschespiel übergeführt werden, wie es übrigens 
auch in dem mimischen Stück Nr. 305 geschieht. 
herum. Das Zwerglein weckte Tag und Nacht. Da kam 
die böse Fee herein und gab Schn. Gift in Mund. Da 
kam des Königs Sohn herein und nahm Schn, in sein 
Arm. Da kam die Schleierträgerin und trug Schn, 
ihren Schleier. — Nr. 305, ein Ableger von 257, mag 
in dem Wolf einen Einzelzug aus dem Rotkäppchen- 
märchen aufweisen, man kann aber nicht das ganze 
Stück als Versuch eines Rotkäppchcnspieles ansprechen, 
wie es Reuschel tun möchte.
	        

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