Full text: Hessenland (35.1921)

§*5^ 155 
Stückchen gesteckt und von den Jungen in alle Winde 
zerstreut, wie sie es verdienen. Der Löwenzahn heißt 
im Volksmund Milchbusch und liefert ein vor 
treffliches Kaninchenfutter. 
Den Schluß mag die Brennessel bilden, obwohl 
sie gar nicht unter die Blumen gehört. Auch ihr 
hinterlistiges Brennen sei ihr verziehen, weil sie 
sich zum schönsten Futter für die kleinen Gänse 
stoßen läßt. 
Frankfurt a. Al.-West, Moltkeallee 66 . 
Or. W i tz e l. 
Schloß Escheberg. 
Im Hessengau, umrankt von Sang und Sage, 
Ein köstliches Juwel im Wälderkranze, 
Schloß Escheberg l in ewig jungem Glanze 
Läßt freudig du ins Land die Zinnen ragen. 
Hier rauscht manch Lied aus längst vergangnen Tagen, 
Dein Rosenwappen glüht in der Romanze, 
Hier durfte in der Geister Waffentanze 
Manch deutscher Sänger seine Laute schlagen. 
Zum Musensitze hat dich einst erkoren 
Des alten edlen Stammes würd'ger Sprosse 
Der seinen Zeiten als Mäcen geboren. 
Bon ihm noch singt's und sagt's in allen Räumen, 
Und Geibel, dem er treuer Weggenosse, 
Durft' hier sich die Unsterblichkeit erträumen! 
Marburg. Albert Hüneberg. 
Herbslabend. 
Wie eine klare blau und weiße Glocke 
Steht jetzt der Himmel über meinem Scheitel 
Lon zarten ros'gen Wolken leicht gestreift, 
Die aus der Höhe noch den Gruß der Abendsonne senden. 
Durch die gewölbten Bogen schöner Brücken 
Seh ich den Fischerstaden einer alten 
Und eingeschlafnen Stadt 
Mit kleinen Booten, 
Die an Pfählen leise schaukeln, 
Während der Abendwind in zarten Netzen spielt. 
Schneeweiße Gänse ziehen lautlos übers Wasser 
Zu ihren heimatlichen Ställen, 
Die Köpfe schief gestellt 
Und dumpf erschauernd 
Unter dem lauten himmelfernen Schrei 
Der wilden Schwestern, 
Die in roten Wolkenhöhen südwärts wandern. 
Steil und voll Würde stechen dunkle Pappeln 
Die hohen schlanken Spitzen 
In den kalten Ton des Himmels 
Als immer treue Wächter. » 
Und ihre Blätter zittern unaufhörlich 
«oll eifriger und froher Lust am Wachen 
Über die Ruh' des Stroms, 
An dem sie stehen 
Und aus dem sie wachsen. 
Allendorf a. W. K. A. Schimmelpfeng. 
Aus Heimat 
H e s s i s ch e r Ge s ch i ch t s v e r e t n. Der Ausflug 
des Geschichtsvereins am 1. Oktober hatte bei prächtigem 
Herbstwetter zahlreiche Mitglieder vereinigt. Nach kurzer 
Bahnfahrt wanderte man von Rengershausen nach der 
K n a l l h ü t t e, in deren Garten der Kaffee eingenom 
men wurde, worauf Zollrat W o r i n g e r über die Ge 
schichte dieser denkwürdigen Stätte sprach.. Im 17. und 
18. Jahrhundert, teilweise bis in das 19. Jahrhundert 
hinein, waren die meisten, mit Mauern und Türmen, 
versehenen deutschen Swdte zur Nachtzeit und auch 
Sonntags, mindestens während des Gottesdienstes, ge 
schlossen und nur Fußgängern durch ein Schutzpförtchen 
der Eingang gegen Zahlung eines sog. Sperrgroschens 
gestattet. So waren die zahlreichen Frachtwagen, die 
vor Einführung der Eisenbahn den Verkehr auf den 
Landstraßen vermittelten, genötigt, abends, und ganz 
besonders am Sonnabend-Abend, so frühzeitig vor den 
Stadttoren einzutreffen, daß sie noch Eingang fanden. 
Gelang ihnen dies nicht, so mußten sie vor den 
Mauern der Stadt die Öffnung der Tore am andern 
Tage abwarten. Deshalb entstanden überall vor den 
Städten Wirtshäuser mit geräumigen Stallungen und 
Schuppen, in denen die zu spät kommenden Frachtwagen 
Aufnahme finden konnten. Zu dieser Art Wirtschafts 
häuser gehörte auch das Wirtshaus „zum grünen Baum" 
oder „zum Birkenbaum". Der spätere Name „Knall 
hütte" ist nur ein Spitzname. Die. Annahme, daß er 
und fremde. 
aus das 1809 hier stattgefundene Gefecht zurückzu 
führen sei, ist irrig, denn das Haus führte diesen 
Namen schon lange vor diesem Gefecht. Vilmar in 
seinem „Idiotikon" erklärt die Bezeichnung durch einen 
früher bei dem Wirtshaus gelegenen bretternen Tanz 
boden; mit „Knallen" habe man das „derb auftretende 
Tanzen" bezeichnet. Andere »vollen den Namen von einer 
früheren Krähenhütte, wieder andere von dem Peitschen 
knallen der vor dem Wirtshaus anhaltenden Fuhrleute 
herleiten. Aber alle diese Deutungen sind unsicher. 
Über die engeren Grenzen Hessens ist die Knallhütte 
durch zwei Ereignisse bekannt geworden. Einmal durch 
den schon angedeuteten Dörnbergschen Aufstand. Es 
würde zu weit gehen, auf die ganze Entwicklung dieses 
Ausstandes näher einzugehen. Es sei nur daran er 
innert, daß in der Frühe des 23. April der französische 
General Rewbell von Kassel aus den von Homberg, 
Ziegenhain und Felsberg auf der Frankfurter Landstraße 
in einer Zahl von einigen tausend Mann anrückenden, 
nur ungenügend bewaffneten Bauern entgegenzog und mit 
ihnen bei der Knallhütte zusammenstieß. Die wenigen 
Leute der Spitze zerstreuten sich, sobald sie von den west 
fälischen Truppen angegriffen wurden, die dann kurz 
vor der jetzigen Bauner Brücke auf die Felsberger 
stießen, die sich nach kurzem Feuergefecht und Verlust 
von vier Mann gleichfalls zerstreuten. Auf der Hertings- 
häuser Heide stießen die westfälischen Truppen dann auf
	        

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