Full text: Hessenland (35.1921)

Zweite, zugleich letzte Erwiderung. 
Hoffentlich bin ich nicht überall mißverstanden 
Worden. Mit dem derben Wort Goethes vom ge 
tretenen Quark bezeichnete ich die wiederholte Be 
handlung einer Frage, die bei aller aufgewendeten 
Mühe sich nicht lohnt, am wenigsten nach der 
positiven Seite, und der Appell an die Wahrheit 
galt zunächst der Ortsgeschichte, die seit den Tagen 
Homers oft weder blöde in ihren Ansprüchen noch 
wählerisch in den Beweismitteln war. Man muß 
bedenken, daß das Ganze aus wenigen Zeilen des 
Willibald beruht, der zwar als zuverlässig gilt, aber 
kein Augenzeuge und vom Wunderglauben nicht 
frei war. 
Es mag sein, daß ich mich im Ausdruck vergriffen 
habe, als ich die Peterskirche in Hofgeismar in 
ihren Anfängen unselbständig nannte. Auffallend 
bleibt aber, daß fast bis zur Mitte des 14. Jahr 
hunderts nur Vikare und Viceplebane genannt 
werden, wo ist denn der Inhaber der Pfründe ? 1 
Den Tidericus de Sancto Petro 1 2 kannte ich aller 
dings, ich habe ja selbst Herrn Pr. Schäfer auf 
das Westfälische Urkundenbuch als Quelle hinge 
wiesen und ihn zugleich gebeten, von der öffentlichen 
Aufstellung seiner These abzusehen. Leider ist er 
nicht mit Sicherheit zu identifizieren, auch ist es 
belanglos, ob die Kirche 16 Jahre früher oder- 
später erwähnt wird, denn die Erbauung der Peter 
stadt war ein Prozeß, der sich von der Mitte des 
13. Jahrhunderts bis ins 14. hinzog. 
Im übrigen muß ich die mir erteilten Lehren 
ablehnen, so gern ich gute Lehre annehme. Wenn 
ich noch schulmeisterte, würde ich mit dem Schluß 
satz der „Missionsstätten des hl. Bonisatius" (Fuld. 
Geschichtsbl. 1920 Nr. 8 , S. 128) den Anfang 
machen, nach deut „die Peterskirche in Hofgeismar 
an der sächsisch-hessischen Grenze die Stätte jener 
heldenhaften Tat des hl. Bonisatius gewesen ist". 
Wenck soll die Bezeichnung „in provincia Hassorum“ 
für das Diemelland übersehen haben, .und ich hätte 
dazu Stellung nehmen müssen, was ich unbegreif 
licher Weise nicht tat! Aber Wenck hatte ja gerade 
gezeigt, daß mit diesem Ausdruck der Hessengau 
gemeint ist, in dem hessische und sächsische Teile 
vereinigt waren; dafür liegen nicht nur-zwei ur 
1 Die Lippoldsberger Urkunde vom 28. Februar 1307 
ift bei Falckenheiner II, 2 U. XIII verstummelt gedruckt. 
Es heitzt uicht: H6rniannu8 de Schardenberch pìebanus 
in Ostbem viceplebanus ecclesie sancti Petri Geys- 
tnarie etc., sonderà: Hermannus de Schardenbercli 
pìebanus in Osthem | huius rei testes in testimonium 
renunciacionis sigilla nostra apposuimus buie scripto. 
Huius etiam rei testes sunt Heinricus | viceplebanus 
ecclesie sancti Petri Geysmarie etc. 
2 Westfàlisches Urkundenbuch Bd. 4 Nr. 1360 (1274). 
kundliche Beweise vor, sondern auch zwei gleich 
wertige Vermerke der Fuldaer Traditionen aus der 
Karolingerzeit . 3 In derselben Zeit übereignet Hoh- 
rich aus Sachsen dem Kloster Fulda Güter in 
Nothfelden bei Wolshagen, Helmarshausen wird in 
der Stiftungsurkunde als im Engernland gelegen 
bezeichnet (997) und heißt um 1100 ein fester Platz 
in Sachsen, auch im Jttergau wird im Jahre 1126 
nach dem Gesetz der Engern verhandelt? Auf Waitz 
kann man sich in dieser Sache nicht berufen. Er 
hat sich sehr reserviert, indem er meint, daß der 
sächsische Hessengau vielleicht eine Eroberung des 
vordringenden nördlichen Stammes auf Kosten der 
Nachbarn sei, das aber sofort einschränkt mit den 
Worten: Vielleicht ist der Name aber bloß daher 
entstanden, daß die Grafen von Hessen auch hier 
eine Zeitlang die Grafschaft hatten? So sah der 
vorsichtige Forscher das Richtige, obgleich er noch 
im Banne des fingierten sächsischen Hessengaues 
stand, der trotz der überzeugenden Nachweise Wencks 
noch immer spukt als unausrottbarer Irrtum? 
Die Vorbeschreibung zum Hofgeismarer Kataster 
t.otn Jahre 1783 erkenne ich als Zeugnis einer 
Tradition nicht an? Ich kenne sie seit Jahren, sie 
ist eine brauchbare Quelle für die Statistik, aber 
nicht für die Geschichte. Die „gemeine Meinung" 
ist nicht etwa eine Tradition, sondern hinter den 
Angaben des Beamten steht Winkelmann, dieser" 
bezieht sich auf die Chronik von Rothe, der wieder 
von Johannes von Polda abhängig ist. Hat dieser 
Chronist die These ausgestellt? Pufendorf sagt in 
der Abhandlung von der deutschen Reichsverfassung 
über die deutschen Schriftsteller des 17. Jahr 
hunderts: Kritiklos die Angaben vieler kompilieren, 
das heißt bei ihnen in der Regel ein neues Buch 
schreiben. Wie kommt es doch, daß Falckenheiner, 
der 1799 geboren war, nichts von einer Tradition 
weiß? Er war ein Sohn der Stadt, ihr Pfarrer, 
ihr Geschichtschreiber, er hat, des heimischen Dia 
lekts kundig, manche schöne Sage vor dem Verklingen 
3 Z eit sch r. f. Hess. Gesch. 36 S. 250; Regesten Nr. 21 
und 45. 
4 Erhard, Reg. hist. Wests. Cod. dipl. Nr. 198. 
5 Waitz, Deutsche Verfassungsgeschichte 111 2 S. 120. 
3 Hoops, Reallexikon des germ. Altertums I S. 371 
(Chatten) 1913; pagus Hessi Franconicus und pagus 
Hessi Saxonicus als Beweis eines selbständigen Hessen 
stammes. R. Much. 
" Die Aktennotiz über den Taufstein hatte ich eigent 
lich nicht zu dem Zweck gebracht, für deir Herr l)r. Schäfer 
sie verwendet, sondern zum Betveis dafür, daß man auch 
beim Konsistorium nichts vort einer Tradition gewußt 
zu haben scheint. Der Stein sollte übrigens nicht als 
Gläserschrank dienen, sondern als Glasers chwenke, 
also zu recht entwürdigendem Gebrauch.
	        

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