Full text: Hessenland (35.1921)

einschlägigen staatlichen Werke, erteilt die Mutungs 
scheine und hat darauf zu achten, daß die von 
Privatpersonen oder Gewerkschaften betriebenen 
Werke in gutem Stande erhalten werden. Auch 
steht ihr das Vorschlagsrecht zur Besetzung der 
landesherrlich zu besetzenden Stellen zu. 
Wir sind am Ende. Werfen wir noch einen 
Blick zurück auf den Inhalt des besprochenen Or 
ganisationsediktes, so müssen wir zugestehen, daß es 
allerdings ein Kind seiner Zeit ist, aber voll 
kommen auf der Höhe seiner Zeit steht, ja sie stellen 
weise überragt. Dies erkennen wir daran, wie die 
Verwirklichung des Rechtsgedankens eine Hauptrolle 
spielt und deshalb die Rechtspflege eine bevorzugte 
Stellung genießt. Ebenso macht die Sorge für die 
Sicherheit der Beamten einen vorteilhaften Ein 
druck. Das Wohl der Bevölkerung zu fördern, ist 
ein Gedanke, der überall aus dem Gesetz heraus 
schaut, z. B. bei Einteilung der Provinzen und 
sonstigen Amtsbezirke, bei der Rücksichtnahme auf 
die besonderen Verhältnisse im Schaumburgischen 
und im Schmalkaldischen bei der Frage der Holz 
verwertung. Wenig entsprechen unsern jetzigen An 
schauungen die Einrichtungen auf dem Gebiete der 
Polizei, die scharfe Bevormundung der Ortsgemein 
den. Derartige Anschauungen entsprachen aber der 
damals herrschenden Anschauung über die Staats 
verwaltung und sie zeigen, daß das Edikt eben ein 
Kind seiner Zeit war. Aber gerade diese Bestim 
mungen haben auch am wenigsten Stand gehalten, 
während der gesunde Kern des Edikts sich erhalten 
hat. Für uns Hessen ist deshalb der 29. Juni 1821 
ein Tag, auf den wir mit Stolz zurückschauen 
können. 
Wilhelm Hopf und die Hessischen Blätter. 
Bon Dr. Philipp Losch. 
Am 16. März dieses Jahres erhielten die Leser 
der „Hessischen Blätter" zugleich mit der Todes 
anzeige Wilhelm Hopfs die Nachricht, daß auch die 
„.Hessischen Blätter" mit ihrem Herausgeber und 
Gründer gestorben seien. Daß ein Blatt 50 Jahre 
lang von ein und demselben Manne geleitet und 
geschrieben wurde, ist schon an sich eine seltene Er 
scheinung, für die ich wenigstens kein weiteres Bei 
spiel kenne, und wenn auch, oder gerade vielmehr 
weil die „Hessischen Blätter" einen verhältnismäßig 
nur kleinen Leserkreis in Hessen hatten, so möchte 
ich ihnen und ihrem Herausgeber hier ein paar 
Worte des Nachrufs widmen, die sie um ihrer Eigen 
art willen verdienen, zumal ihre Schicksale ein ge 
wiß nicht uninteressantes Stück hessischer Zeit 
geschichte eng berühren. 
Wilhelm Hopfs Familie stammt aus Schmal 
kalden. Hier wurde am 20. September 1808 sein 
Vater Carl S e b a st i a n als Sohn des Schneider 
meisters Joh. Heinr. Hopf und seiner Frau Christine 
Michel geboren. Früh verwaist kam der Schneiders 
junge unter die Obhut eines Onkels, des Pfarrers 
Sebastian Hopf zu Groß-Seelheim bei Mar 
burg, der ihn in die damals hochberühmte Bangsche 
Erziehungsanstalt zu Goßfelden brachte und ihm 
weiter die Wege zum Studium der Theologie ebnete. 
Der Oheim gehörte zu den hessischen Pfarrern, 
die sich von dem hergebrachten Vernunftglauben los 
gelöst und der neuen, von den Gegnern als Mystizis 
mus bekämpften, Erweckungsbewegung angeschlossen 
'hatten. Er gehörte auch zu dem Freundeskreise des 
damaliger'. Marburger Gymnasialdirektors Vil 
mar, dessen jüngste Schrvester Friederike dem 
jungen Carl Sebastian. Hopf die Hand zum Ehe 
bunde reichte, als dieser 1841 zum Pfarrer in 
Wippershain bei Hersfeld bestallt wurde. 
Als einziges Kind dieser Ehe wurde Heinr. Wil 
helm Leonhard Hopf am 12 . Oktober 1842 zu 
Wippershain geboren, ein zartes, schwächliches, oft 
von Krankheiten heimgesuchtes Kind, dem damals 
niemand ein langes Leben prophezeite. 1852 siedelte 
die Familie nach Rotenburg über, wo der Vater 
die Pfarrei der Altstadt, später 1861 als -Dekan 
die der Neustadt erhielt. Von der Rotenburger 
Lateinschule kam Wilhelm Hopf 1855 an das Mar 
burger Gymnasium. Hier wurde er der unmittelbares 
Schüler seines Oheims Vilmar, in dessen Hause 
er von da an 12 Jahre lang als Gymnasiast, Stu 
dent und Kandidat ein fast täglicher Gast war, der 
mit der denkbar größten Liebe und Verehrung zu 
dem vielgeliebten und vielgehaßten Manne emporsah. 
Dies Gefühl hat ihn nie verlassen, und noch in späten 
Jahren, als er dem Oheim in einer umfangreichen 
zweibändigen Biographie (Marburgs Elwert 1913)* 
ein Denkmal der Liebe und Verehrung errichtete, 
da nannte er sich darin dessen „dankbaren und treuen 
Schüler, der alles, was er an innerem Leben und 
geistiger Existenz besitzt, nächst Gott und seinem 
elterlichen Hause allein diesem seinem geliebten Lehrer 
und väterlichen Freunde zu danken hat und in Zeit 
und Ewigkeit danken wird". 
Als primus omnium verließ er das Gymnasium 
und ging nach Leipzig. Er hatte Jurist werden 1 
1 Vgl. „Hessenland" 1912, S. 393. 1913, S. 241.
	        

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