Volltext: Hessenland (35.1921)

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Ventimiglia am blauen Mittelmeer, wo um Weih 
nachten die Veilchen blühten. O wie herrlich mußte 
diese sonnige Ferne sein! — Einmal hielt ein 
Güterzug auf offener Strecke, gerade bei dem Bahn- 
wärterhaus. Da hörte Hanndieter ein schmetterndes 
Trompeten, das die Luft und den Wald durchgellte.< 
„Was ist das, Vater?" Der Vater erzählte ihm, 
das seien pommersche Gänse, weiß und grau. Eine 
ganze Lore voll mit drei Stockwerken. Und sie 
steckten die weißen Hälse mit den roten Schnäbeln 
heraus und trompeteten in die kühle Herbstluft 
hinein. 
„Vater, sind im Wald auch Gänse?" 
„Nein, das ist der Widerhall, der ruft." 
Hanndieter dachte, der Widerhall ist ein Mann, 
der alles kann, und lauschte den Stimmen des Wal 
des. Dann rollte der Zug weiter, und das Rattern 
der Räder übertönte das Geschrei der pommerschen 
Gänse, das wie Sturmvogelschreie über tosender 
Meeresbrandung klang. 
„Wohin wollen die denn?" 
„Die kommen nach Frankfurt, Junge, daß die 
Stadtleute ihre Martinsgänse haben." 
Hanndieter trug noch lange die herzhaften Rufe 
der gefangenen Vögel in der Seele und dachte 
traurig an ihr Schicksal. 
' Dann kam ein Tag des bitteren Herzwehes. Da 
mußte sich die Mutter von ihrem Sohne trennen, 
der in die Stadt gebracht wurde, wo die Blinden 
schule war. Da fand Hanndieter viele kleine Leidens 
genossen, die mit ihm lernten und ihm gute Freunde 
wurden. Sie mußten mit den Fingerspitzen lesen. 
Das war mühsam, aber schön. Und als sie erst 
einen Ansang hatten, ging es immer besser und 
leichter. Mit einem Stift stachen sie die Schrift 
in starkes Papier, Pünktchen neben Pünktchen. Dann 
sichren die Fingerspitzen tastend über diese Punkt 
schrift, und so .lasen die Blinden. 
Da jubelte und lachte, weinte und betete es in 
Hanndieter, weil er nun lesen konnte. In seiner 
Seele sah er das rieselnde Wasser in den duf 
tenden Wiesen zwischen den rauschenden Wäldern 
seiner Heimat, wo der Schnellzug vorbeibraust, der 
nach dem wonnigen Süden fährt. Und er sah seine 
Mutter so glücklich lachen und dachte voll Weh 
mut an den Grabhügel der Großmutter. Dann 
griff er zur Geige, daß sie jubelte und jauchzte, 
weinte und klagte. Auch das Geigenspiel hatte er 
von seinem Lehrer erlernt. — 
Hannjörg, der Älteste, blieb zu Hause und half 
dem Vater. Er mähte das kümmerliche Heugras 
am Bahndamm und hackte die Kartoffeln auf den 
schmalen Äckerchen zwischen den kalkweißen Grenz 
steinen. Das war ihm nicht lohnend genug. Da 
lockte ihn der Wald zu müheloserem Erwerb. Mit 
der Büchse schlich er durch das Holz, um zu jagen. 
Doch trieb ihn nicht Weidmannslust, sondern Geld 
gier. Braten und Balg der Beute wurden heimlich 
versilbert. Der Vater durfte es beileibe nicht wissen. 
Aber die Mutter wußte es und lebte ewig in 
Ängsten. 
Hannhein, der jüngste, ging in den Wackenbruch 
und wurde Steinrichter. Weil sein Tagewerk schwer 
war und die Arbeitsstelle nahe bei dem Dorfe lag, 
übernachtete er dort und kam nur Sonntags nach 
Haus. Zuletzt blieb er immer im Dorf, freite ein 
fleißiges Mädchen und verbrachte seine Tage in 
Glück und Zufriedenheit. 
Als die Bahnwärterleute alt waren, holten sie 
Hanndieter aus der Blindenschule heim. Die Mutter 
band es Hannjörg auf die Seele, dem blinden 
Bruder sein Leben lang Obdach und Atzung zu 
geben und ihm Vater und Mutter zu sein. „Solche 
Menschen hat unser Herrgott in die Welt gestellt, 
daß sich die andern an ihnen den Himmel ver 
dienen — oder die Hölle!" 
Hannjörg versprach der Mutter die Sorge für 
den blinden Bruder in die Hand. Bald darauf 
starben Vater und Mutter. Eins zog das andere 
nach; denn sie hatten nie ohne einander sein mögen. 
Hannjörg gedachte seines Versprechens und hatte 
auch den besten Willen, es zu halten, bis er sich 
eine Frau nahm. Das war eine Böse, die gönnte 
dem Blinden das Salz in der Suppe nicht. Sie 
lag ihrem Mann Tag für Tag in den Ohren, 
den Bruder mit seinen Korbflechtarbeiten aus der 
Stube zu jagen, damit es bei ihnen nicht immer 
wie Kraut und Rüben aussähe, wenn ihre Freun 
dinnen aus dem Dorfe zu Besuch kämen. 
„Wo soll er denn sitzen?" fragte Hannjörg. „Es 
ist doch sonst kein Platz im Haus." 
„Meinetwegen setz ihn in den Taubenschlag oder 
in den Keller. Dem Blinden kann das ganz einerlei 
sein. Für ihn ist's ja überall dunkel, und wenn du 
ihm auch noch ein Licht unter der Nase anbrennst." 
Um des lieben Friedens willen mußte Hannjörg 
den blinden Bruder mit seiner Arbeit im Keller 
unterbringen. Da froren ihm die Finger krumm, 
und das angefangene Flechtwerk wollte gar nicht 
fertig werden. Der Weberknecht, ein Spinnlein mit 
wickenkorngroßem Leib auf langen Beinen, krabbelte 
über sein Gesicht. Er saß still und frohen Herzens, 
und es war ihm wie eine Berührung Gottes, als 
strich ihm der Herrgott selbst mit weichen Fingern 
durch das Haar. Nachts durfte er sein hartes Lager 
in der einfenstrigen Dachkammer aufsuchen. 
Wenn der Blinde dem bösen Weib des Bruders 
nicht alles nachtat, verbot sie ihrem Mann, ihm 
Haar und Bart zu scheren. Da wuchs ihm denn 
ein wilder, wirrer Bart von halber Ellenlänge. 
War sie besonders giftig auf den stillen Blinden, so 
entzog sie ihm das Essen und ließ ihn hungern. Zu 
letzt trieb sie ihren Mann an, den unnützen Fresser 
aus dem Haus zu stoßen, daß er der Gemeinde 
zur Last falle. Aber die Dorfgemeinde wollte nicht. 
„Das Bahnwärterhaus gehört zwar in unsere Ge 
markung," sagten die Bauern, „aber das ist noch 
lange kein Grund, uns den Blinden aufzuhalsen." 
Und sie hielten beide Hände auf den Gemeindesäckel, 
wie das harte Bauernseelen zumeist tun. 
Als das Hannhein hörte, der als Steinrichter 
in der Gemeinde wohnte, sagte er zu den Bauern:
	        

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