Full text: Hessenland (35.1921)

122 
den letzten Jahren der Brunnenfeste hatte sich auch 
die schöne Sitte eingebürgert, daß der neue Bürger 
meister einen Becher mit lateinischer Inschrift stif 
tete, der an einer Kette am Brunnen ausgehängt 
wurde. Für die gute Instandhaltung hatten die 
folgenden Bürgermeister zu sorgen. Der alte Bürger 
meister hielt eine Rede, worin er das Amt feierlich 
seinem Nachfolger übertrug und ihn auf seine 
Pflichten aufmerksam machte, worauf der neu ge 
wählte Bürgermeister erwiderte. Um 11 Uhr er 
öffnete der neue Bürgermeister die Polonaise. Für 
alle Gemeindemitglieder aber gab es Freibier, das 
die neuen Oberhäupter als Einstand zum Besten 
gaben. Nach etwa 14 Tagen fand dann eine Nach 
feier statt. 
Wie schon gesagt, mit dem Verlegen der Wasser 
leitung in die Häuser ließ man allmählich von der 
alten schönen Sitte ab. Nur drei Gemeinden feierten 
noch ihre Bornfahrten, die vor der Brücke, an der 
Die drei 
Märchen von H e i 
Eine steinalte Frau lebte bei ihrer einzigen Toch 
ter, die einen braven und rechtschaffenen Mann hatte. 
Die alte Frau wuchs wieder dem Erdboden zu, so 
klein und gebückt war sie, und humpelte mühsam 
am Schwarzdornstecken, den ihr der Tochtermann 
aus der Hecke am Bahndamm geschnitten hatte. 
Denn er war Schrankenwärter an der Eisenbahn, 
deren gleißende Schienenpaare durch das grüne 
Waldtal liefen. Da ruhten Einsamkeit und Stille, 
nur zuweilen vom Donner vorübersausender Züge 
aufgescheucht, daß die Wälder dröhnten. 
Die Bahnwärterleute wohnten weitab vom näch 
sten Dorf und vernahmen kaum sein Glöckchen. 
Wenn der Wind schlief oder von Süden kam, hörten 
sie sein feines Morgen- oder Abendläuten in ihr 
kleines Tal hereinschallen wie einen Gruß Gottes. 
In den Sommerwäldern läutete tagaus tagein der 
Kuckuck. Und in den Wiesenstreifen am Flüßchen 
entlang hatten die Grasmücken ihre Nester und 
ließen die Lust von ihrem Gesang erklingen. 
Die junge Frau hatte ein feines, frommes Wesen 
imd erwies gern allen Leuten Liebes und Gutes, 
besonders aber ihrer alten Mutter, der sie die vielen 
Guttaten vergelten wollte. Und so lebten die Bahn 
wärterleute glücklich und zufrieden, wenn ihnen 
auch der Fuchs manchmal ein Huhn holte. 
Bald sollten sie noch viel glücklicher werden. 
Denn eines Tages bekam die Frau ein Kindchen. 
Es war ein Knabe, und die Eltern freuten sich 
über die Maßen. Am allermeisten freute sich aber 
die alte Frau über ihr erstes Enkelkindchen. Sie 
hatte sich schon längst eins gewünscht und hieß 
nun bei allen die Großmutter. Sie machte ein 
großes Wesen um das kleinwinzige Dingelchen, als 
Wendischen Mark und die „Unter dein Berge", die 
ihre Brunnen noch vielfach benutzen, wenn auch 
obrigkeitlicherseits vor dem Gebrauch der Brunnen 
zu Trinkwasser gewarnt worden ist. Jedenfalls ist 
das Leitungswasser durch Einschaltung mehrerer 
sehr kalkhaltiger Wiesenquellen in die Leitung auch 
nicht besser geworden. 
Merkwürdigerweise spielte sich in fast gleicher 
Weise das Brunnenfest in Fulda ab. Hier schmückten 
auch am St. Johannistag die Mädchen die Brunnen 
mit Blumen. Die Brunnengemeinde trat zusammen 
und wählte den neuen Brunnenherrn, dem man 
seine Wahl durch Übersendung eines Blumenstraußes 
ankündigte. In feierlichem Zug begaben sich Kinder 
zu seinem Haus und schmückten es mit Maibüschen. 
Der also geehrte neue Brunnenherr zog dann von 
Haus zu Haus seiner Gemeinde und sammelte Gaben 
und Geld zum Brunnenfest, das am nächsten Sonn 
tag gefeiert wurde. 
Brüder. 
nrich Ruppel. 
wär es ein Wunder ohnegleichen. Wenn es im 
.Schlaf lächelte, meinte sie, es spiele und lache noch 
mit den Engelchen im Paradies, woher es ge 
kommen sei. 
Der Junge bekam den Namen Johann Georg, 
weil sein Vater Johann und sein Pate Georg hieß, 
und wurde kurzweg Hannjörg gerufen. 
Wenn nun der kleine Hannjörg nieste, wie das 
kleine Kinder oft tun, sagte die Großmutter an 
seiner Wiege, wo sie saß und strickte: 
„Gott helf dem Kind, 
daß es tausend Taler find 
und auch ein Beutelchen dazu!" 
Und da das Bübchen alle Tage wenigstens einmal 
nieste, so sagte sie alle Tage wenigstens einmal 
ihr gutgemeintes Sprüchlein und lachte dabei dem 
kleinen Schatz ins helle Gesichtchen. 
Nun hörte die Mutter eines Tages ihr Kindchen 
niesen und die Großmutter ihr seltsames Sprüchlein 
flugs hinterher sagen. Da .sah die Mutter vom 
Spinnrad auf und sagte: „Ei, Großmutter, was 
ist das für ein Wort? Tausend Taler wünscht Ihr 
dem Kind! Wißt'Ihr denn nichts Besseres?" 
Die Großmutter besann sich nicht lange und 
sagte: „Kind, so sagen wir alten Leute, wenn die 
Kleinen niesen. Hab mir nicht viel dabei gedacht. 
Will's besser machen." Von nun an begleitete sie 
das Niesen des kleinen Hannjörg nicht mehr mit 
ihrem Tausendtalersprüchlein. Etwas Besseres wollte 
ihr aber lange Zeit nicht einfallen. Denn sie war 
all ihre Lebtage arm wie eine Kirchenmaus gewesen 
und hatte in ihrer Armut tausend Taler für etwas 
sehr Gutes gehalten. Freilich, nicht für das Beste! 
Doch schwieg sie nun still, um keinen Verdruß zu
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.