Full text: Hessenland (35.1921)

114 ZrZE. 
16. Die rechten thaten sie erwegen, 
Hetten bebe andtwort und clag. 
Es ist war und nit erlogen, 
Sie verstunden balt eines jedes sag. 
17. Sie kendten balt ermeßen, 
Das die burger hatten war 
Darum theten sie nit vergehen, 
Stelten in ihre freyheit wider dar. 
18. Ein verjagten margraf hetten, 
Uffs Hessenland verschworen. 
Wehr da bliben weit von dannen! 
Ehr war aber von der oberkeit nit ußerkoren. 
19. Ehr macht in ihre fachen schriftlich, 
Den ratsherren zur handt. 
Ihr vertragens war lecherlichen, 
Waren lauter Visa mattant? 
20. Wir haben, gottlob, gehalten 
Unser freyheit und alten gebrauch 
Wohl durch churfürstliche raten 
Und unser Privilegium auch. 
21. Wehr ist, der uns das liedlin sang, 
Bon neywen gesungen hat? 
Ein burger, das ist nit sehr lang, 
Wol in derselben statt. 
22. Ehr macht uns das und noch vil mehr, 
Zu gefallen aller burgerschaft, 
Weil sie ihr gut und ehre 
Bestelt, wie die lagen in der haft. 
Laus deo. 
Dieses „famoß liebt", wie es in den Akten 2 3 
heißt, wurde im März oder April des Jahres 1579 
am Hofe des Mainzer Erzbischofs und Kurfürsten 
Daniel gefunden. Man vermutete, daß einer der 
zwei Amöneburger Bürger, Kaspar Becker oder 
Hans Fuß, die in jener Zeit als Abgesandte der 
Bürgerschaft von Amöneburg nach Aschaffenburg 
an den Hos geschickt worden waren, es vorsätzlich 
habe zu Boden fallen lassen. 
Die Amöneburger, von denen noch im Jahre 
1807, also über 200 Jahre später, der Advocatus 
fisci Wiederholt aus Marburg zu berichten wußte, 
daß die Stadt verdächtig sei, daß der Geist der Un 
ruhe und Insubordination da zu Hause sei 4 , waren 
ängstlich auf die Wahrung ihrer Rechte und Privi 
legien bedacht, und einem Aufruhr der Bürgerschaft, 
der sich wegen angeblicher Verletzung dieser Pri 
vilegien gegen die kurfürstlichen Beamten, den 
Bürgermeister, Rat und die vier Vorsteher der 
Stadt Amöneburg richtete, verdankt obiges Gedicht, 
dessen Urheber unbekannt ist, seine Entstehung. 
Die Stadt Amöneburg hatte -etwa im Jahre 1527, 
wie viele andere kurmainzische Städte, vom Landes- 
2 visepetent, 16. Jahrhundert, Albernheit. Siehe 
Kluge, Etymol. Wörterbuch, Straßburg 1910 Seite 137, 
und Schiller und Lübben, Mittelniederdeutsches Wörter 
buch, Bremen 1880, Band V, Seite 261. 
s Gedicht und die folgenden Nachrichten aus den Akten 
des Kurfürsten Daniel von Mainz im Staatsarchiv 
Marburg. O. St. S. 5868 und 5859. 
4 Staatsarchiv Marburg. M. St. S. 775. 
Herrn Kardinal Albrecht eine neue Stadtordnung, 
die sog. Reformation, bekommen. In ihr waren als 
Aufseher über die Bürgerschaft bei Arbeiten in 
öffentlichem Interesse, wie Wegebau, Bau von Be 
festigungsanlagen usw., vier sog. Viertelsmeister 
eingeführt worden. Diese Viertelsmeister hatten es 
im Laufe der Zeit verstanden, sich zu einer Art 
Vertrauensleuten und Anführern der Bürger bei 
ihren nie endigenden Streitigkeiten gegen l>ie kur 
fürstlichen Beamten und den Rat der Stadt zu 
machen. Da die Ratspersonen von den oben er 
wähnten Arbeiten, zu denen im übrigen jeder Bürger 
verpflichtet war, befreit waren, waren Bestrebungen 
im Gange, dem Rat dieses Jahrhunderte alte Pri 
vilegium zu entreißen. Der Kampf endete 1576 
mit der Absetzung der Viertelsmeister, während der 
Rat seine Rechte im wesentlichen behauptete, sich 
freilich auch zu einigen Zugeständnissen bei seinen 
Vorrechten, die er bei der Kuh- und Schweinehute 
hatte, bequemen mußte. Denn die Viehhaltung er 
forderte in der kleinen Stadt Amöneburg eine ganze 
Reihe von Bestimmungen, auf deren Jnnehaltung 
streng gesehen wurde. Auch der Staat kam den Vieh 
haltern in vielen Punkten entgegen. So hatte zum 
Beispiel der Amöneburger Amtmann Peter von 
Schwalbach im Jahre 1567 eine Schweinemastord 
nung für das Amt Amöneburg aufzustellen, durch 
die den Untertanen die Mast in den kurfürstlichen 
Wäldern teils frei, teils gegen ein Entgelt gestattet 
wurde? 
In Amöneburg war der Gegensatz, der zwischen 
Rat, oder wohl besser gesagt, zwischen dem durch 
den Rat repräsentierten begüterteren Teil der Stadt 
und der übrigen Bürgerschaft bestand, durch den 
erwähnten Entscheid von 1576 zwar überbrückt, 
bestand aber weiter und führte zu offenem Aufruhr 
gegen die Obrigkeit im Jahre 1578 und zwar wegen 
— einer Schweinemastordnung. 
Die Begebenheiten dieses Aufruhrs behandelt 
unser Gedicht, dessen literarischer Wert besser gar 
nicht erörtert wird. 
Die Eichen- und Buchenmast in den kurfürst 
lichen Wäldern bei Amöneburg, dem sog. Herren 
wald, war im Herbste 1578 außergewöhnlich reich 
lich. Nachdem nun die Pächter der Mast ihre 
Schweine nach Ablauf der Pachtzeit abgetrieben 
hatten, zeigte es sich, daß in den Wäldern noch 
genügend Gelegenheit zur Mästung vorhanden war. 
Der Amtmann Jost Rau von Holzhausen hatte 
daher im Einverständnis mit dem Rat von Amöne 
burg angeordnet, daß jeder Bürger die Hälfte seiner 
Schweine noch eine Zeitlang in den Herrenwald 
treiben könne, während die andere Hälfte im Amöne- 
5 Staatsarchiv Marburg. Dorfbuch (Rotes Buch) von 
Niederklein. Blatt 41.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.