Full text: Hessenland (35.1921)

und andere Gebäude am Paradeplatz besichtigt. In der 
1667 erbauten Kirche waren einige Prunkstücke aus 
gestellt: das sog. Bredaschwert, die von Heinz von 
Lüder gestiftete Schützenkette von 1537, eine Taufschüssel 
mit Kanne und ein aus dem Kloster Spieskappel stam 
mender vergoldeter Kelch aus dem Jahre 1503. Am 
Schloß sind bemerkenswert zwei Jnschrifttafeln von 1537, 
deren Künstler dem Schöpfer des Grabsteins Heinz von 
Lüders in Haina nahesteht. Dank der Liebenswürdigkeit 
des Oberinspektors Stöbener war es möglich, im 
Inneren des jetzt als Strafanstalt für männliche Zucht 
hausgefangene dienenden Schlosses den Kapellenraum 
mit drei prächtigen spätgotischen Türen zu besuchen und 
den Turm zu besteigen. In einem Raum haben Herzog 
Heinrich d. I. von Braunschweig-Wolsenbüttel 1545 
bis 1547 und Graf Christoph von Diez 1570—1603 als 
Gefangene gesessen. Beim Kaffee im Gasthaus Auffahrt 
hielt der Vorsitzende Archivrat Dr. Knetsch einen auf 
eingehenden archivalischen Forschungen aufgebauten Vor 
trag über Heinz von Lüder, der 1520 zum ersten 
Male urkundlich erscheint und mit Recht immer eine 
der volkstümlichsten Persönlichkeiten in der hessischen 
Geschichte gewesen ist. Sein Name ist auch mit dem 
Begrifs hessischer Treue untrennbar verknüpft. Er war 
ein tapferer Soldat, ein kluger Politiker und ein hervor 
ragender Verwaltungsbeamter, der seinem Herrn, Land 
graf Philipp dem Großmütigen, in unverbrüchlicher 
Treue zugetan war, wenn auch die Erzählung von der 
Feste Ziegenhain und der goldenen Kette nur eine schöne 
Sage ist. Ziegenhain und Haina waren die Hauptstätten 
seiner segensreichen Wirksamkeit. In Ziegenhain, das 
unter ihm als starke Festung ausgebaut worden ist, war 
er als Hauptmann und Befehlshaber von 1537—1559 
tätig, als Vorsteher des 1533 als Landeshospital ein 
gerichteten Klosters Haina und der drei anderen hes 
sischen Hospitäler Merxhausen, Hofheim und Gronau, 
bei deren Gründung er stark beteiligt gewesen ist, hat er 
sich von 1533 ab bis zu seinem Tode 1559 unvergängliche 
Verdienste erworben. Sein schönes Grabmal von.Philipp 
Soldans Hand steht noch in der Kirche zu .Haina, auch 
in Ziegenhain ist noch manches Stück erhalten, das an 
ihn erinnert, über Heinz von Lüders Herkunft ist Ge 
naues nicht bekannt, wahrscheinlich ist er ein uneben 
bürtiger Sproß der adeligen Familie v. Lüder zu Los 
hausen gewesen. Aus seiner erst 1551 geschlossenen Ehe 
mit der Marburgerin Kunigunde Orth hat er keine 
Kinder gehabt, dagegen leben noch heute Nachkommen 
seiner beiden Schwestern, die in die Familien Hofmann 
und Sinolt gen. Schütz verheiratet waren. Super 
intendent Heußner dankte dem Vortragenden für die 
anregenden Ausführungen, die demnächst gedruckt er 
scheinen werden, und wünschte dem Geschichtsverein 
reichen Zuwachs aus den Kreisen der Ziegenhainer Ein 
wohner, die auf die ruhmreiche Vergangenheit ihrer 
Stadt und Festung besonders stolz sein können. Allen 
Ziegenhainer Teilnehmern des Ausflugs gebührt der 
aufrichtige Dank des Marburger Geschichtsvereins für 
die vielseitigen Anregungen, die in wenigen Stunden 
auf historischer Stätte dargeboten wurden. — Am 
29. Juni fand die Hauptversammlung auf dem 
Schloß zu Marburg statt, die mit Rücksicht auf das 
gerade vor 100 Jahren erlassene Organisations 
edikt durch einen Vortrag des Staatsarchivars 
Dr. D e r s ch eingeleitet wurde. Die bald nach dem 
Regierungsantritt Kurfürst Wilhelms II. bekanntgegebene 
Verordnung über die Umbildung der bisherigen Staats 
verwaltung ist grundlegend für die Entwicklung der 
modernen Behördenorganisation und das Verständnis 
eines großen Teils noch bestehender Verwaltungseinrich 
tungen. Die auf den Gedanken der Einheit, Gleichheit 
und Freiheit aufgebaute straffe Zentralisation der Be 
hörden des Königreichs Westfalen ist für die hessische 
Reform von großem Einfluß gewesen, wenn sie auch 
nach dem Zusammenbruch der Fremdherrschaft fast rest 
los beseitigt worden war. Daneben sind bewußte An 
lehnungen an das Vorbild der Stein-Hardenbergschen 
Reformen in Preußen nachweisbar. Der über diese 
Reformen ausgetragene Streit zwischen M. Lehmann 
und E. v. Meier ist auch für die Beurteilung der kur 
hessischen Verwaltungsreform nicht ohne Bedeutung. Aus 
Grund der Arbeiten von Fr. Murhard und A. Lotz über 
das Organisationsedikt verdient die Frage eingehender 
untersucht zu werden. Schöpfer des Edikts ist der 
Ministerialrat Friedrich Krafft aus Kassel, der in staats- 
männischer Einsicht althessische und preußische Einrich 
tungen mit den neuen von Frankreich einbrechenden 
freiheitlichen Gedanken in Einklang gebracht und so 
den Grund gelegt hat zu einer anerkannt vortrefflichen 
Verwaltung auf den Gebieten der Rechtspflege und der 
Steuergesetzgebung. Krafft ging 1827 als Staatsminister 
in die Dienste des Herzogs von Sachsen-Meiningen und 
starb in Meiningen 1857. Die unseligen Verfassungs 
kämpfe haben die kurhessische Landesverwaltung in schlech 
ten Ruf gebracht, es darf aber nicht vergessen werden, 
daß Kurhessen unter den ersten Staaten zu nennen ist, 
die ihre Verwaltung den neuzeitlichen Ideen angepaßt 
haben. Darauf trug der Vorsitzende den Jahresbericht 
vor. Dem Abgang von 10 Mitgliedern steht ein Zugang 
von 27 Mitgliedern entgegen, so daß der Zweigverein 
Marburg jetzt 196 Mitglieder zählt. Ob die große Mit 
gliederversammlung des Hauptvereins, die vor dem 
Kriege abwechselnd in verschiedenen Städten Hessens zu 
tagen pflegte, dieses Jahr wieder in alter Weise ab 
gehalten wird, darüber ist der Kasseler Vorstand noch 
nicht zu einem Entschlüsse gekommen. Bon Veröffent 
lichungen des Vereins sind die Mitteilungen für 1920/21 
und Band 53 der Zeitschrift herausgegeben, der die sehr 
lesenswerten wertvollen „Beiträge zur Politik und Krieg 
führung Hessens im Zeitalter des 30 jährigen Krieges" 
von Oberst von G e y s o enthält und außerdem die 
in jedem Jahre erscheinende umfang- und inhaltreiche 
Bücher- und Zeitschriftew-Umschau von Dr. D e r s ch 
bringt. Der Konservator Kunstmaler Giebel und 
der Kassenführer Geheimrat Heer berichteten über die 
Vermehrung der Sammlung und die Kassenverhältnisse. 
Der Vorstand und die Mitglieder des Redaktionsaus 
schusses wurden durch Zuruf wiedergewählt. Exz.Rath- 
g e n dankte dem Vorstand für seine Tätigkeit im ab 
gelaufenen Vereinsjahr. 
Der E s ch w e g e r Verein unternahm am 19. Juni 
gemeinsam mit dem Werratalverein einen Ausflug nach 
Großburschla. Ein Teil der Mitglieder fuhr mit der 
Bahn nach Heldra, betrachtete unter der Führung des 
Kreisschulrats D i t h m a r die wichtigsten Sehenswürdig 
keiten dieses Werradorfes, besuchte den Heldrastein, die 
Perle des Werratales, und traf mit dem anderen Teil 
der Mitglieder, der den Weg durch den Schlierbach ge 
nommen hatte, in der Gemeindeschenke zu Großburschla 
zusammen. Während sich die Teilnehmer an einer guten 
Tassee Kaffee erfrischten, hatte sich der große Saal bis 
aus den letzten Platz gefüllt. Lehrer B i e r w i r t h be 
grüßte die Erschienenen im Namen des Vorstandes des 
Eschweger Geschichtsvereins, woraus Lehrer Claus- 
Großburschla im Namen des dortigen Zweigvereins der 
Versammlung ein freundliches Willkommen bot. Hierauf 
hielt Kreisschulrat D i t h m a r, ein Kind und guter 
Kenner des oberen Werratales, einen längeren gediegenen 
Vortrag über die Geschichte von Großburschla. In fünf
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.