Full text: Hessenland (35.1921)

SSSÜL 4 
wir auch das Heidenturu nicht ivegbringen können 
und es uns müssen gefallen lassen, daß sie unsere 
Lehrer sind lind — bleiben". So wenig er in der 
Tat die welthistorische Bedeutung des Christentums 
mit persönlichem Glauben zu fassen, der Erlösungs 
bedürftigkeit des Menschen überhaupt eine positive 
Stimmung entgegenzubringen vermochte, so stark 
stieß Goethe doch die selbstgenügsame, seichte Auf 
klärung und den ihr folgenden abstrakten, kurz 
atmigen Rationalismus von sich ab. „Daraus er 
klärt sich auch die auf den ersten Blick höchst 
paradoxe Erscheinung, daß . . Goethes Dichtung 
für sehr Viele der Begabten ein Vehikel zum Ver 
ständnis der Offenbarung . gewesen ist"; dieser 
Dienst kann von den Werken Goethes in der neuen 
Zeit freilich nicht mehr in so hohem Maße geleistet 
werden, weil inzwischen, nach der im Materialis 
mus vollendeten, das ist, ad absurdum geführten 
Aufklärung eine, wie es scheint und zu hoffen ist, 
sehr kräftige Reaktion selbsttätig eingesetzt hat. 
„Auf der anderen Seite müssen wir . . . uns da 
gegen verwahren, als sei vom Standpunkt der 
christlichen Kirche aus Goethes Poesie im Ganzen 
verwerflich — eine Ansicht, welche konsequent dahin 
führen muß, alle Poesie, welche nicht Hymnik ist, 
als heidnisch und sündlich zu verwerfen ... die 
christliche Kirche hat niemals die Poesie als solche 
und im Ganzen verworfen und kann auch Goethes 
Dichtung unmöglich an sich und im Ganzen ver 
werfen. Die geistige Anschauung von der Welt 
ist von der Kirche so wenig verboten wie die sinn 
liche Anschauung derselben." Sofern aber die Dicht 
kunst wahr ist, wird sie, auch in der Darstellung 
der Sünde, von keinem kirchlichen Verbot betroffen, 
vorausgesetzt, daß diese Wahrheit auf der Grundlage 
der völkischen Gesundheit als einer prinzipiellen 
Forderung beruht. 
Allerdings erweckt Goethe den unabweislichen 
Eindruck einer starken, vollkommenen »Gesundheit; 
sein Wesen als Dichter hat etwas Heilendes, Be 
ruhigendes, Versöhnendes. Mit einem bewunde 
rungswürdigen Bewußtsein von den natürlichen 
Schranken der menschlichen Individualität verbindet 
er eine fürstliche Beherrschung seiner Kräfte, Natur 
mensch und Weltmann vereinigen sich in ihm zu 
jener großartigen Wirksamkeit, wie sie in seinen 
besten Werken als vorbildliche Einheit von Erleb 
nis und Gestaltung erscheint. Nicht überall ist aber 
diese vollkommene Gesundheit zu verzeichnen. So 
können „Die Leiden des jungen Werther" nicht auf 
ewige Geltung Anspruch erheben, weil darin zwar 
die Poesie eines besonderen Zustandes künstlerisch 
dargestellt, nicht aber seine Beziehung zu dem, 
was allgemein gelten soll, erhärtet ist. Dieser Man 
gel beruht auf einer ungleichmäßigen Vergeistigung 
des erlebten Stoffes, wie sie auch „Wilhelm Meister"' 
und die „Wahlverwandtschaften" gehindert hat, rest 
los zu befriedigen, lnib in den „Römischen Elegien" 
geradezu das moralische Mißbehagen des Lesers 
hervorruft. Diese Stellungnahme kennzeichnet eine 
gewisse auch anderwärts fühlbare Beschränkung dev 
literarischen Urteilsfähigkeit Vilmars: das ethische, 
Postulat, als Widerhall der durch die Zeitverhült- 
nisse hervorgerufenen Schärfe in der Vertretung 
seines religiösen Standpunktes, machte ihn un 
empfänglich für die Reize des Übergangs und der 
Abschweifung, unempfänglich auch für das Schöne 
an sich und seine Verfeinerungen. Nur aus solcher 
Kargheit des Sinnlichen konnten auch derart harte 
Urteile hervorgehen, wie sie von Vilmar über 
Wieland und über Jean Paul gefällt worden sind. 
Um so stärker muß natürlich die Zustimmung 
zum Ausdruck kommen. -So wird von der Lyrik 
gerühmt, daß Goethe hier nicht mit Worten, son 
dern mit Sachen dichtete. Das Wesen seiner Poesie 
ist Plastik, Gestaltendarstellung, die den Menschen 
allzeit als ganze Person faßt und nicht bloß nach 
einzelnen Eigentümlichkeiten schildert. Die gärende 
Unruhe des irdischen Stoffes wird durch die erhabene 
Ruhe der Form bewältigt. Kiese Gedichte bestehen 
nach Vilmars Eindruck nicht aus losgerissenen Ge 
fühlen, Stimmungen, Anwandlungen, sondern aus 
wahren lebendigen Bildern in sicheren und festen 
Formen, in klaren und zarten Farben. Zur höchsten 
Höhe erhebt sich Goethes schöpferische Kraft im 
ersten Teil des „Faust", der, Zeitbild und Weltbild 
zugleich, Geistiges und Erlebtes völlig im Ge 
stalteten auflösend, Jahrhunderten als unvergäng 
liches Meisterwerk und Vorbild des Kunstdramas 
erscheinen wird, wie „Götz von Berlichingen" als 
Vorbild des Volksdramas, eine Distinktion, die von 
der neueren Dramaturgie in diesem Zusammenhang 
schwerlich anerkannt werden dürfte. In „Iphigenie" 
erblickt Vilmar eine vollkommene Lösung des großen 
Problems der neueren Dichtkunst, den Geist des 
klassischen Altertums im deutschen Sprachleib wieder 
erstehen zu lassen — ein Lob, um das sich viele 
Dichter der Gegenwart vergebens bemüht haben; 
ein ähnliches wird in noch höherem Maße „Her 
mann und Dorothea" gespendet, in welchem Epos 
Vilmar überhaupt eines der bedeutendsten Produkte 
der mächtigen Schöpferkraft Goethes erblickt. 
„Torquato Tasso" ist aber der erklärte Liebling 
Vilmars, und ihm hat er ein eigenes kleines Buch, 
„Über Goethes Tasso" (2. Auflage bei C. Bertels- 
inann, Gütersloh) gewidmet. Er geht darin aus 
von dem Mangel an Verständnis, auf den dieses 
Drama bei der großen Masse gestoßen sei, die sich 
bei Goethe, wie er sehr richtig betont, überhaupt 
langweilt, wenn sie es auch nicht eingesteht; bei
	        

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