Full text: Hessenland (34.1920)

Friedhofe. „Pastors Amelie" jubelt durch Feier 
stunden wie ein unsterblich Lenzgedicht, Und der 
altvertraute Glockenklang kündet dem Tale noch 
immer seinen Sonntagsfrieden. Schon hatte der 
Krieg seine harte Hand nach der „Großen" aus 
gestreckt, sie aus ihrem Stuhle gestoßen und herzlos 
davon geführt. Aber ein gütiges Geschick bewahrte 
dem Dorfe sein Friedensduett. Die „Große" konnte 
ihre Heimkehr halten. Nun weiß sie noch vernehm 
licher das Lied vom „deutschen Heimatglück" zu 
singen. 
Heimat, stilles Dorf am Bach, 
. Du meiner Seele Brautgemach 
Mit dem Lindenstrauß 
Und dem Vaterhaus, 
Mit den fliederumflossenen heiligen Truh'n, 
Drin meine Herzallerliebsten ruhn, — 
Was mir auch im Leben verblühte, verblich — 
Dich grüße ich! 
Aus dem Kriegstagebuch eines Dreiundachtzigers. 
Von Hauptmann Ernst Bach, im Kriege Kompagnie- und Bataillonsführer im Infanterie-Regiment Nr.83. 
Die Offensive an der Lipa. 
3 Tage im Angriff. — Juni/Juli 1916. 
Ausgeruht und frisch, kampfbereit und angriffs 
freudig war das I. Bataillon 83, als es am 
1. Juni 1916 in seiner kurländischen Sommer 
frische hinter der Landsturmfront alarmiert wurde. 
Der Kaiserbesuch in Mitau, zwei Tage vorher, 
kündigte uns schon deutlich genug ein besonderes 
Ereignis an, und jeder Frontsoldat sah ganz klar 
darin den Beweis für einen ihm bevorstehenden An 
griff. Es verging jedoch ein Tag nach dem andern, 
ja sogar eine Woche nach der andern, ohne daß 
wir die Kugeln pfeifen hörten. 
Ein dauernder Quartierwechsel! Stets in Bereit-? 
schaft, alarmiert und abtransportiert zu werden, 
rutschten wir allmählich die Ostfront von Mitau 
bis Stojanow südwestlich Luzk herunter, wobei wir 
in Wilna, Moltschads, Baranowitschi, jedesmal einige 
Tage in größter Alarmbereitschaft, den betreffenden 
höheren Kommandobehörden als Reserve zur Ab 
wehr des überall überlegen angreifenden Russen zur 
Verfügung standen, aber nicht benötigt wurden. 
Nach der Ausladung in Stojanow am 23. Juni 
9,30 Uhr abends erreichte ich nach scheußlichem 
beschwerlichen Nachtmarsche mit dem todmüden Ba 
taillon im Morgengrauen das mir zugewiesene 
Dorf Boriskowicze. Da keine Unterbringungsmög 
lichkeit vorhanden, muß ich. die Leute bis nach 
Boroczyce weiterschleppen, wo es mir 5 Uhr mor 
gens gelingt, in größter Eile die Kompagnien in 
Scheunen und Panjehäusern unterzubringen. Ich 
wohne mit meinem Stabe — Adjutant Leutnant 
Recknagel, Verpflegungsoffizier Leutnant d. R. Mößl 
und dem Bataillonsarzt Stabsarzt d. R. Dr. Nolte — 
in der Kirche und bin froh, dem Übernachten in 
den Panjebuden überhoben zu sein. Die Kirche ist 
völlig unberührt, sogar eine Kasse mit Kupfer 
münzen steht offen da. Alles wird hübsch beiseite 
gesetzt, der Altar zurückgestellt und die Feldbetten 
aufgeschlagen. Die ganze Kirche ist aus Holz ge 
baut und bunt bemalt, wie alle galizischen Dorf 
kirchen. Von Ferne glaubt der Wanderer einen 
Prachtbau vor sich zu haben, und in der Nähe ent 
puppt sich dann das Gotteshaus als ein gänzlich 
ärmlicher, im Innern mit Flitter und Tand aus 
gestatteter Kasten. 
Eine Viertelstunde nach dem Einrücken liegt das 
ganze Bataillon im Stroh und schläft den Schlaf 
des Gerechten. Trotz der anstrengenden Bahnfahrt 
in den fonnendurchglühten, überfüllten Waggons, 
bei knapper Verpflegung, und des schwülen 35 km 
langen Nachtmarsches war kein Ton der Klage 
oder Beschwerde laut geworden. Jeder wußte: was 
gefordert wurde, mußte gefordert werden, und dis 
Truppenführer tun alles, was in ihrer Kraft steht. 
Wie der Musketier, so schaute auch der Offizier 
nur ärgerlich und mitleidig lächelnd auf die größe 
ren und kleineren Spezialformationen hinter der 
Front, die Wochen-, monatelang, auf ihrem siche 
ren, molligen Ruhelager schliefen, die Frontsol 
daten vergeblich an ihre Türe klopfen ließen und 
wahrscheinlich die blutrünstigsten Berichte über ihre 
Kriegserlebnisse an ihre Lieben daheim schickten. 
Man lächelte und taumelte weiter von Boriskowicze 
nach Boroczice. 
Und nun schlief man; nur die Küchenmannschaften 
durften noch nicht daran denken; denn wenn die 
Kompagnien nach 5—6 Stunden erwachten, muß 
ten Essen und Kaffee fertig sein. 
Um Mittag wird es im Dorfe lebendig. Deutsche 
und österreichisch-ungarische Soldaten beleben Ge 
höfte und Straßen und scherzen mit grellbuntfarbig 
gekleideten Mädels; zwischendurch ältere Bauern 
in ärmlichster Kleidung und mit kummervoller 
Miene. An dem am Dorfe vorbeifließenden Bache 
entwickelt sich ein reges Badeleben; nach erfrischen 
dem Bade tummeln sich die sonnengebräunten Ge 
stalten in übermütigen Sprüngen auf den grünen 
Wiesen umher. Ein Bild der Jugend und Ge-
	        

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