Full text: Hessenland (34.1920)

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Betracht kommende Stelle des Donarheiligtums hin 
zustellen. Um diese Ansicht zu prüfen, bedarf es 
zunächst einer kurzen Betrachtung der Quellen, 
soweit sie für die häufig nacherzählte bekannte Tat 
des Bonifatius ausschlaggebend sind, der vita des 
Bortifatins von Wilibald (nach neueren Forschungen 
nicht der Bischof von Eichstätt) und der ihres 
späteren Überarbeiters Otloh, die sich nur durch 
wenige Zusätze von jener unterscheidet. Wilibald, 
der von Lullus und Megingoz selbst sein Material 
erhielt, schreibt nach der sehr anschaulichen Schil 
derung des bekannten Vorganges Kap. VI 22 und 23: 
„Tune autem summae sanctitatis antistes (Otloh 
dafür praesul) consilio inito cum fratribus ligneum 
ex supradictae arboris metallo (Otloh dafür mole) 
oratorium construxit eamque inhonore Sancti Petri 
dedicavit.“ Das heißt also, nachdem vorher die Stelle 
bezeichnet war als„locas, qui dicitur Gaesmere“ (auch 
Geismere): „Da aber erbaute der hochheilige Vor 
steher, nachdem er mit den Brüdern eine Beratung 
abgehalten hatte, aus dem Holzwerk dieses Baumes 
ein Bet haus und weihte es zu Ehren des 
heiligen Apostels Petrus." Das ist die ganze ge 
schichtliche Überlieferung und sie bedeutet zweifellos 
nichts anderes als daß Bonifatius aus den Trüm?- 
mern der gefällten Eiche eines Heidengottes ein 
Gotteshaus zimmern ließ, das den Umständen nach 
nicht mehr als eine einfache Kapelle sein 
konnte, von der wir fortan nichts, auch nicht 
das Geringste mehr hören. Es ist nun keineswegs 
verwunderlich, sondern sehr naheliegend, wenn Boni 
fatius gerade in der Nähe dieser Erinnerungsstätte, 
wo er dem heidnischen Götzendienst einen Todesstoß 
versetzt hatte, auch eine wirkliche Kirche baute. Davon 
wird uns bald darauf im Kapitel VI 26 berichtet: 
„Nach seiner Rückkehr aus Thüringen und der 
Berufung zahlreicher Helfer aus der angelsächsischen 
Heimat gründet er eine Kirche dem heiligen Petrus 
zu Ehren in Fritzlar und eine in Amöneburg dem 
heiligen Michael zu Ehren": „duas ecclesias Domino 
fabricavit:- unam quippe in Frideslare, quam 
in honore Sancti Petri principis Apostolorum 
consecravit et alteram in Hamanaburc.“ Bei 
Otloh wird dann noch zweimal Buraburc bei 
Fritzlar als Bischofssitz genannt. Wir sehen also, 
Fritzlar ist der Hauptsitz seiner Tätigkeit und wird 
ohne weiteres als bekannt vorausgesetzt und ohne 
irgend welchen Zusatz (locus qui vocatur) ein 
geführt. Es war sicher schon ein für den heidnischen 
Kult bedeutender Ort, mitten in den alten Stammes 
sitzen, und wird nun ein Mittelpunkt der Tätigkeit des 
Apostels, die gerade hier ihren verheißungsvollsten; 
Anfang genommen hatte. Von hier aus ziehen seine 
Landsleute Wilibald, Wunnibald, Lioba u. a. in 
Hessen und Thüringen umher, von hier wandern 
Sturmius und Lullus nach Fulda und Hersfeld, 
niemals einer gen Norden, ihre gesamte Tätigkeit 
ist dem eigentlichen, richtigen Hessenlande, gewid 
met. Wenn auch die Hessen als nahe Verwandte 
der Franken damals schon für das Christentum 
gewonnen waren, ist es doch noch keineswegs fest 
verwurzelt gewesen oder es trug noch starke Spuren 
des Heidentums. Für Amöneburg wird ausdrück- 
lich bezeugt, daß dort Bonifatius s ch ä n d l i ch e n 
Götzendienst zu tilgen hatte, und es heißt dann 
mit Bezug hierauf später, wo W. die Erzählung des 
Geismarer Vorgangs vorausnimmt: Ebenso be 
freite er an den Grenzen der Sachsen das Volk 
der Reffen, das bis dahin noch im Irrtum heid 
nischer Gebräuche befangen war (iuxta fines Saxo- 
num populum Hessorurn paganicis ritibus ober- 
rantem), aüs der Gefangenschaft böser Geister. Es 
erfolgt aber nun erst die Reise nach Rom, und 
dann wird zu dem entscheidenden Ereignis in Ka 
pitel 22, der Niederlegung des Götzenbaumes, über 
geleitet mit den bemerkenswerten Worten: „ad 
obsessas ante ea Hessorurn metas rediit“, was betn 
Zusammenhang nach nur heißen kann: er kehrte 
zu dem vorher innegehabten, d. h. aufgesuchten 
Grenzgebiet der Hessen zurück. Das Wort obsessus 
heißt hier nicht „besetzt", wie Dr. Schäfer meint, 
von einer Besetzung ist nirgends die Rede gewesen; 
Arndt in seiner Übersetzung des Wilibald (Leip 
zig 1888) gibt es frei durch „besucht" wieder. Es 
bezieht sich hier offenbar auf Bonifatius selbst 
und will nur sagen, daß sich der Apostel vorher 
hier schon aufgehalten hat, was dem Sprachgebrauch 
dieser Zeit gar nicht widerstrebt. Fassen wir also 
zusammen: Es ist hier in dieser einzigen .Haupt 
quelle für die Tätigkeit des großen Glaubensboten 
und seiner Jünger, die Reste des Heidentums tilgen, 
Irrlehren bekämpfen, neue Gotteshäuser und Klöster 
anlegen, für die Oberherrschaft Roms wirken, 
abgesehen von Thüringen, Friesland u. a. stets nur 
vom eigentlichen chattischen Hessen die Rede, soweit 
unbestrittene Orte wie Amöneburg, Fritzlar, Hers 
feld, Fulda in Betracht kommen. Von einer Be 
kehrung von Sachsen, die damals noch im starren 
Heidentum verharrten, ist hier nirgends die Rede. 
Damit berühren wir wieder einen Kernpunkt der 
ganzen Frage. 
Dr Schäfer hält anscheinend noch an der 
Anschauung fest, daß es einen sächsischen Hessengau 
gegeben habe, was durch den Aufsatz von K. Wenck 
„Zur Geschichte des Hessengaus" widerlegt ist. 
Jedenfalls ist er aber davon überzeugt und läßt 
es für seine Behauptung entscheidend in die Wag 
schale fallen, daß schon zur Zeit des Bonifatius 
die niederdeutschen Teile Hessens, die Kreise Hof 
geismar und Wolfhagen, zu Hessen gehört und daß
	        

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