Full text: Hessenland (34.1920)

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Bonaventura Rothämel. 
Erzählung von Heinrich Nuppel. 
(Fortsetzung.) 
Und wieder einmal war er diese Straße ge 
kommen, die er heute schritt. Damals im Winter, 
im knirschend kalten Winter. Und gefahren war 
er, nicht gegangen. Ja, und noch hundertmal 
schöner als gefahren war's gewesen. Auf dem 
mächtigen^. keilförmigen Schneepflug stand er, auf 
dem Schneepflug, der wie ein verzauberter König 
alle Jahre nur einmal aus dunkler Verborgenheit 
kam und im gleißenden Schneelicht von Buer Boß 
aus Arnsrode mit seinem Sechsgespann durch den 
meterhohen Schnee geschleppt wurde. Wie ein 
ritterlicher Held den Fuß auf den Nacken eines 
besiegten Drachen setzt, so stolz und glücklich stand 
Bonaventura auf dem seltsam gebauten, leise 
schaukelnden Schneebrecher. Über die Felder wehte 
feiner Schneestaub, wie Schleier im Winde wehen. 
Wenn die Rabenschwärme vor ihnen von den 
Bäumen abflogen, flockte und rieselte der Schnee 
von den Zweigen. Auf der Wiese jenseits des 
Gsterbaches ließen sie sich nieder, schwarze Tupfen 
im blendenden Weiß. Die Dörfer und die blauen 
Tannenwälder schienen so nah, zum Greifen nah. 
Und vorn stampften die sechs dampfenden „Bra- 
wänger" (Brabanter Pferde) des Bauern Boß, 
der Pflug schnitt durch den Schnee und strich ihn 
in hohen Wehen zur Seite so leicht, wie Bona- 
venturas Hand die ausgelesenen Linsen von der 
Tischplatte in das „Fürtuch" strich. Hinter ihnen 
zog sich die Straße so glatt und schneefrei hin, 
daß es eine Lust war. Und nebenan die Grau 
wackenhaufen, die Vaters Steinhammer klein zu 
klopfen hatte, lagen im Schnee begraben, lang 
und unförmig wie große Totenladen unter weißen 
Leichentüchern. Gut, daß der Schnee die unbarm 
herzig harten Steine mal zugedeckt hatte! So 
hatte der Vater doch mal Nuhe. Wenn der Schnee 
schmolz, mußte er wieder an sein schweres Tage 
werk gehen, um die stets drohende Pfändung von 
seinem überschuldeten Häuschen abzuwenden... 
Und ein andermal hastete er mit seiner Mutter 
in unsäglich tiefer Not diese Straße entlang. Dunkel 
heit deckte die schneefreie Erde. Ein grimmiger 
Frost lähmte die Glieder. Der Vater war nicht 
heimgekommen. Nun suchten sie ihn in tausend 
Todesängsten. Sie fanden ihn hinter seiner steilen 
Strohmatte, die ihm als Windfang und den Vor 
übergehenden als Splitterschutz diente — fanden 
ihn tot, erfroren, die Schutzbrille aus dunkelgrünem 
Draht vor den Augen, den Hammerstiel in der 
starren Hand, die Holzschuhe an den stocksteifen 
Füßen. Sie trugen den Toten heim in ihre Armutei, 
und er selbst, der Dreizehnjährige, schaufelte ihm 
das Grab, da sie den Totengräber nicht bezahlen 
konnten, und nun sahen sie der Zwangsvollstreckung 
entgegen. An alles das dachte Bonaventura heute, 
nach fünfzig Jahren: an die tiefe Not jener Nacht, 
an das Grab des Vaters, das Sterben der Mutier 
und die schweren, schweren Zeiten hernach. 
Auch an seine Namengebung dachte er. Und 
das war die einzige Tat des Vaters, die sich der 
Sohn anders wünschte. Jetzt noch war er nicht 
ganz zufrieden mit seinem Rufnamen, der in den 
Dörfern ringsum, wo man Hein, Henn, Häns, 
Jörg, Aad, Fried, Jab, Gust, Karl, Lur oder 
Krafft hieß, so seltsam war wie ein weißer Spatz, 
so seltsam, daß ihn die maulfaulen Leut'Zrotz 
seiner Länge nicht abkürzten wie alle anderen Vor 
namen, sondern ihn gerade wegen seiner Länge 
und Merkwürdigkeit ungekürzt aussprachen und 
ihren „Gdem" verschwendeten. Er spürte seinen 
Namen wie einen leisen Druck auf den Schultern. 
Doch trug er ihn nun mal und verleugnete ihn 
auch nicht. Seine Ansicht in dieser Sache war: 
ich trage meinen Namen, nicht trägt mein Name 
mich. Das sollte heißen: ich soll dem Namen 
Ehre machen, nicht er mir . . . Auf merkwürdige 
Weise war der Vater zu diesem Vornamen für 
seinen einzigen Sohn gekommen. Ein entfernter 
Vetter der Mutter, der Bonaventura hieß, war 
in jungen Jahren aus dem „Fölschland" *) ins 
Westfälische gegangen, wo er es als Bauunter 
nehmer zu großem Wohlstand und Ansehen brachte. 
Seine Tüchtigkeit war im Dorf sprichwörtlich ge 
worden. Glaubte nun der Vater, daß das Glück 
irgendwie besonders an diesen Namen geheftet sei, 
oder hatte er andere Gründe — kurzum, er wählte 
ihn für seinen Sprößling. Die Mutter gab gern 
ihr Einverständnis, weil ihr der Name so gut, 
schön und fromm vorkam wie der eines Heiligen. 
Wenn sie ihn für sich hin sprach, vermeinte sie, 
liebliche Kirchenmusik oder Posaunenschall der 
Cherubim vor Gottes Angesicht zu hören. Fast 
klang's ihr wie ein leiser Nachhall aus dem ver 
lorenen Paradies ins irdische Wesen. Ihre Wünsche 
für ihr Kind gingen nicht so wie die väterlichen 
auf Reichtum und Ehre, sondern auf Rechtschaffen 
heit und Gottseligkeit. 
Auf diese Weise bekam der Rothämelsche Stamm 
halter zu dem Familiennamen eines Fleischhauers 
oder Schafhirten den feierlich klingenden Tauf- 
*) Fuldaer. Land, Foll = Fulda.
	        

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