Full text: Hessenland (34.1920)

mernd und jammernd die Bewohner hin und her 
laufen. Im Ostteil drüben ist von den Bundes 
genossen nichts zu sehen! Ja, er scheint sogar 
von den Russen besetzt zu sein. Einige Österreicher 
sehen wir im Vorgehen gegen das Dorf kehrt machen 
und im Walde wieder verschwinden. Vom Ba 
taillon Della-Zota meldet sich nur der k. k. Fähn 
rich Feldmann gehorsamst mit 25 Mann zur Stelle. 
Er hat an der Abwehr der Kosakenattacke zwischen 
meiner 6. und 8. Kompagnie teilgenommen. Ich 
spreche ihm meine Anerkennung wegen seines Ver 
haltens aus und befehle ihm bis auf weiteres in 
meiner Schwarmlinie zu bleiben. 
Achtung! Die zwei gefangenen Kosaken sagen aus, 
daß noch zwei Kosakenregimenter in den das Dorf 
dicht umgebenden Wäldern stecken. Und sicher doch 
wird der Russe auch mit Infanterie kehrt machen 
und sich Kamarow wiederholen. 
Aha, da ist ja der Hauptmann Della-Zota! Da 
kommt ja sogar ein Trupp von 40 Mann seines 
Bataillons! Tschechen! Da kommen noch 50 Mann 
ins Dorf hinein. Das Bataillon ist im übrigen 
beim Nahen der Kosaken in Unordnung und Auf 
lösung geraten und die Kompagnie, die ich den 
Hauptmann Della-Zota vor einer Stunde gegen 
den Westeingang des Dorfes hatte vorschicken lassen, 
wahrscheinlich gefangen! 
Was soll nur werden? Rumsch! Krach! Eine 
Granate nach der anderen haut neben uns ein. Ich 
lasse meine Befehlsempfänger Deckungslöcher graben. 
Es fängt an zu dämmern, zu dunkeln. Was soll 
denn nur werden? Ganz allein mit meinem Ba 
taillon, umgeben vom Feind, und ohne jede Ver 
bindung nach rückwärts. Nur ein schmales Loch 
nach Südwesten bleibt mir noch. Nun? Was ist 
denn das?! Dilthey und ich sehen uns fragend 
an. Hurra, Hurra! Au, verflucht, es sind ja 
Russen; von Südosten her gehen sie nun auch 
schon vor. Und die Österreicher (Bataillon Hoher) 
müssen weichen, werden gefangen genommen. 
„Herr Hauptmann was soll werden? Jetzt kom 
men wir noch raus" und wieder sehen Dilthey 
und ich uns an und dann: „Ja, Dilthey, gut! Das 
Bataillon geht zurück. Engelhardt bleibt zunächst 
mit seinem Zug liegen und hält gegen Südosten 
die Russen zurück. 7. Kompagnie, dann die 6. (ohne 
einen Zug) bauen ab, dahinter die Reste des Ba 
taillons II/L.-J.-R. 24, es folgt die 8. Kompagnie, 
die erbeuteten Fahrzeuge sind möglichst mitzuneh 
men. Wenn alles im Walde nach Südwest ver 
schwunden, verläßt auch Leutnant Engelhardt seinen 
Platz und folgt als Nachspitze." — „Jawohl!" Und 
weg war Dilthey zur 7. Kompagnie. 
Diese Gewissensqualen, die ich während der näch 
sten 10 Minuten hatte. Darfst du zurückgehen? 
Dein Bataillon zurück? Du mußt! Wenn du 
zögerst, wird du mit deinem ganzen' Bataillon 
gefangen oder es wird abgeschlachtet, du mußt 
zurück! 
Na, und dann war der Rückzug im Fluß. Ge 
schlossen, in Gruppenkolonne geordnet, tadellos. 
Ein braves Bataillon! Die 90 Mann vom Tsche 
chenbataillon fahren sogar die erbeuteten Wagen, 
Feldküchen und die Kanone ab. Es ist, doch eine 
Gaunerbande. Es scheint, daß ich heil aus der 
Mausefalle herauskomme. Engelhardt macht seine 
Sache gut. 
Eine halbe Stunde ist vergangen. Was kommt 
uns denn da entgegen? Auch von da Russen? Ja! 
Nein! — Eine österreichische Schwarmlinie; Hilfe, 
aber zu spät! 
„Vor einer halben Stunde, Herr Oberst Schwanda, 
habe ich das Dorf noch gehabt." 
Eine ganze Brigade, L.-J.-R. 6 und 7 waren 
es. Gegen Mittag 1 Uhr sollte sie d a sein, wo 
sie jetzt, es war bald 5 Uhr nachmittags ge 
worden, eintraf. Herr Oberst Pohl mit seinem 
Regimentsadjutanten war auch dabei. „Das deutsche 
Bataillon tritt unter meinen Befehl. Die Brigade 
hält und gräbt sich an Ort und Stelle ein. 11/83 
sichert den rechten Flügel der Brigade, gräbt sich 
ebenfalls ein, und zwar rechts neben den Teilen 
des L.-J.-R. 24." So lag ich denn die Nacht am 
rechten Flügel der Brigade mit meinem rechten 
Flügel an einen großen Sumpf, den Güssowosumpf, 
angelehnt. Müde und erschüttert über das Schicksal 
seines Regiments findet sich bei mir der Obers,. 
Pohl mit seinem Adjutanten, Hauptmann Stum- 
fohl, ein. Von seinem Regiment waren noch etwa 
100 Mann da; weitere 100 Mann fanden sich tags 
darauf aus der anderen Seite des Sumpfes unter 
Major Hoher wieder. Ganze Kompagnien waren 
„hopp gegangen". Und dann kam die Nacht. Oberst 
Pohl schläft neben mir frierend im Erdloch; ich 
decke ihn mit Heu zu, er kriegt ein Schmalzenbrot 
und einen Schluck Wein aus der Feldflasche. Der 
arme Oberst! Um 3 Uhr morgens geht er mit den 
Trümmern seines Regiments zurück nach Kolkt 
in den Brückenkopf. Es wird allmählich Tag. Was 
wird mir und meinem Bataillon dieser neue Tag 
bringen? Ich denke bei mir: Gestern lagst du mit 
deinem Bataillon allein mitten zwischen den Russen, 
heute liegt die ganze Brigade in derselben Falle. 
In Ost, Nord und West Russen! „Der einzige 
Weg, Herr Oberst, den die Russen noch nicht ge 
sperrt haben, ist der jenseits des Sumpfes", sagte 
ich zum Oberst Schwanda, als er mich gegen 8 Uhr 
morgens besuchte. Kaum ist er gegangen, da geht 
die Knatterei los. Vor der Front, links von mir 
in der Flanke und bald auch im Rücken.
	        

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