Full text: Hessenland (34.1920)

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Bonaventura Rothämel. 
Erzählung von H 
Arm sein wie Hiob und dabei doch sorglos wie 
Hans im Glück, das konnte kein anderer so wie 
er, wie Bonavenlura Rothämel, der in den Tag, 
in den sonnigen Maitag hinein wanderte. 
Die Straße entlang blühten die hohen, alten 
Kirschbäume. Da hatte der Herrgott seine schnee 
weißen Blütensträuße aufgesteckt, an denen sich die 
Augen sattsehen mochten. An den rissigen Stämmen 
hingen geringelte Bastfetzen, und an einigen Stellen 
quollen bernsleinbraune Kirschharztropfen wie helle 
Tränen der Freude hervor. In den Baumkronen 
summten die Bienen. Das war wie feiner, feier 
licher Glockenton überm Walde, der durch den 
Morgenfrieden läutet. Weiße Blütenblättchen tau 
melten lichttrunken vom Gezweig und schwammen 
wie elfenbeinfarbene Schiffchen auf grünen Gras 
wogen am Rain oder tanzten im Straßenstaub, 
wenn ein Windstoß daherfuhr. 
Und auf dieser sonnigen Kirschbaumblütenstraße 
schritt Bonaventura Rothämel seines Weges. Ihn 
dünkte diese Straße die schönste der Welt, auf der 
er dem Glück entgegenging. Mit Dichteraugen 
trank er die unberührte, duftige Maienschönheit. 
In seiner Seele, ganz heimlich, ganz verborgen, 
war er ein Dichter, ja, ein Dichter, doch einer, 
der nie einen Reim zu Papier gebracht hatte. Wie 
sollte er auch! Hatte ja kaum notdürftig lesen und 
schreiben gelernt. 
Schon oft war er diese Straße durch die Heimat 
gegangen, aber nie so froh, so von Herzen froh 
wie heute. Einmal als Sechsjähriger. Er weiß es 
noch, als wär's erst gestern gewesen: Der Vater 
rüttelte ihn in der Dunkelheit wach, hieß ihn hurtig 
Kaffee trinken und zum „Burggraben" gehen. 
Der harte Strohsack war nicht sehr „anhängsch", 
und so fiel einem das frühe Aufstehen nicht allzu 
schwer. Die Kaffeebrüh' war noch nicht gar. Das 
Herdfeuer qualmte und wollte nicht brennen; denn 
der Nebel drückte auf den Rauchfang. Die Mutter 
klapperte in der Küche, brummte und ermahnte 
den Jungen zur Geduld. Der Vater schnitt ihm 
ein Stück Brot ab, rund um den Laib, gab ihm 
eine lange, schwanke Haselgerte in die Hand und 
schickte ihn, derart versorgt und bewaffnet, ohne 
Morgenkaffee zum Burggrabenhaus. Bonaventura 
ging über die Straße, bis an beide Ghren in sein 
Brot beißend. Vor der Wirtschaft „Zum Burg- 
graben" stand ein großer, alter Mann, der einen 
blauen Kittel trug und die breiten Schultern ein 
wenig nach vorn hängen ließ. Das war der Ferkel- 
Händler Haas, landauf und -ab „d'r Souhaas" 
genannt. 
einrich Ruppel. 
„Also du willst mir bis Arnsrode treiben helfen?" 
fragte Souhaas den Jungen. Der wollte eigentlich 
nicht; denn er sah den wortkargen, knurrigen 
Alten mit gemischten Gefühlen an. Aber was sein 
Vater wollte und mit dem Ferkelhändler abgekartet 
hatte, das mußte Bonaventura schlechterdings auch 
wollen. Nach Arnsrode war's eine gute Stunde 
Weg, die der Fuchs gemessen hat. Souhaas ent 
riegelte den Stall, indem er den Lockruf „Wuzzche, 
Wuzzche, Wuzzche!" hören ließ, und eine grunzende, 
quiekende, zappelige Herde zierlicher, weißer und 
zartrosiger Ferkelchen raschelte aus dem Stroh her 
vor, wuselte durcheinander und drängte sich durch 
die Tür auf den Hof. Der Alte und der Junge 
hatten ihre liebe Not, die quecksilbrigen Tierchen 
beisammen zu halten. Der Händler bezahlte für 
sich und seine Schweinchen Kost und Quartier, 
bestellte den Stall auf „über acht Tage" wieder 
und hielt vor dem Abmarsch eine Heerschau über 
sein Ferkelvölkchen. Er zählte wortlos und kopf 
nickend und vermißte keins. 
Die Dorfgasse lag noch im Kühlen Morgen 
schalten. Aber die grauweiße Nebelwand lichtete 
und rötete sich schon schwach, und hinter ihr ahnte 
man die Morgensonne. Jetzt blinkten Turmknopf 
und Wetterhahn im Morgenschein, nun tauchten 
geschindelte Scheunengiebel ins Frühlicht, und zu 
letzt stand auch der Wipfel der jungen Esche am 
Ausgang des Dorfes grüngolden im Sonnenstrahl. 
Sie trieben los, die Straße nach Arnsrode zu, 
auf der Bonaventura Rothämel jetzt als alter 
Mann ging. Vor ihm erhob sich der Wind, weckte 
eine silberne Staubwolke auf und trieb sie flach 
über die Straße dahin, wie Kinderhand den Reifen 
treibt, um sie in der Ferne voll Übermut empor 
zuwirbeln. Bonaventura kniff die Augen ein und 
dachte bei den Staubwölkchen; die der Maiwind 
trieb, an die durcheinander wuselnde Herde schnee 
weißer Ferkelchen, die er selbst mehr als einmal 
auf dieser Straße treiben half. 
Dabei sah er sich wieder als Jungen, der in 
der einen Hand die Haselrute, in der andern den 
Rest Schwarzbrot hielt und tapfer hineinbiß. Un 
erwartet und kurzer Hand nahm ihm Souhaas 
das Stück Brot ab, steckte es in die Kitteltasche 
und knurrte: „Gib besser acht. Jung!" 
Am liebsten wäre er ihm davongelaufen. Wenn 
der Vater nicht gewesen wäre! Aber der hatte 
ihm von fünfundzwanzig Pfennigen Lohn gesprochen, 
die er verdienen werde. Zugleich beschlich ihn auch 
eine heimliche Furcht vor dem knorzigen Kauz mit 
der großen „Gejschel". Wenn er jetzt querfeldein
	        

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