Full text: Hessenland (34.1920)

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Druck von Preußen her war der Fürst von Lippe- 
Detmold ferngeblieben, Herzog Karl Alexander von 
Anhalt-Bernburg lag im Sterben und der über 
achtzig Jahre alte Landgraf Ferdinand von Hessen- 
Homburg war seiner hohen Jahre wegen nicht ge 
kommen. 
Es ist hier nicht der Ort, ausführlich das Spiel 
zu kennzeichnen, das Preußen durch seine von Bis 
marck inaugurierte Politik dabei spielte; daß dieser 
genau wußte,^ daß und warum er die Reform der 
Bundesverfassung verhinderte, liegt aber aus der. 
Hand. Trefflich formuliert der Frankfurter Historio 
graph Schwemer 15 den Gegensatz der preußischen 
und der Bundespolitik, zweier sich fremder Welten, 
die damals aufeinanderprallten: „Gewiß war der 
Bund als politische Institution gerichtet und ver 
diente keine Verteidigung, aber von einer Seite 
her besaß er einen Vorzug, der ihn den Grundsätzen 
gegenüber, die die preußische Politik jetzt mehr und 
mehr bestimmten, beinahe in idealem Lichte erschei 
nen ließ: wenn die preußische Politik verkündete, 
baß Macht vor Recht gehe, so war die 
Bundesverfassung gewissermaßen die Kodifizierung 
des Grundsatzes: Recht geht vor Macht." 
Den Vorsitz der erlauchten Versammlung, der die 
Aufgabe gestellt war, den Bund zu reformieren, - 
führte ihr Einberuser, der jugendliche Kaiser von 
Österreich. Alle Urteile stimmen darin überein, daß 
er die Führung der Verhandlung fest in Händen 
hatte. Der Koburger Herzog z. B. schreibt 16 : „Er 
hatte am 17. August um 11 Uhr die Verhandlungen 
und zwar sofort mit einer Gewandtheit und Sicher 
heit eröffnet, welche uns allen die größte Achtung und 
Zuversicht einflößte. Ich habe Beweise, daß in allen 
europäischen Kreisen dieses Auftreten des Kaisers 
eine ungemeine Verstärkung des moralischen Ansehens 
Österreichs zur Folge hatte und für den Augenblick 
selbst in Preußen hie und da Bedenken über die 
Richtigkeit der eingeschlagenen Schritte hervorrief." 
Es war das jenes Talent, das ein neuerer Beur 
teiler Franz Josephs dahin zusammenfaßt 17 : „Er 
hatte weder viel Güte noch viel Gefühl; aber, was 
keiner ahnte, bewußten Stil und für diesen Stil 
die feinste Unterscheidung. Er wollte der Gentle 
man und der große Herr sein. Bis ans Ende 
blieb sein Geist klar. Wer zu ihm kam, fand ihn 
stets vorbereitet." 
15 Schwemer III 2 , Seite 365. 
16 Ernst II, Seite 307. 
17 Zukunft 1919, Nr. 35, Seite 272. 
Zunächst dem Kaiser hatten die Könige ü)te; 
Plätze, ihnen folgten die übrigen Fürsten etwa nach 
dem Regierungsalter. Des Kurfürsten von Hessen 
Platz war infolgedessen, was auch der sonstigen Be 
deutung des Landes entsprach, nahe den Königen. 
An einem Nebentische saß Hofrat v. Biegeleben als 
Protokollführer^. Der Kaiser begrüßte die erschie 
nenen Fürsten, der König von Bayern dankte. 
Zunächst begann die Verhandlung über demModus, 
wie der König von Preußen zur Teilnahme zu be 
wegen sei, und König Johann von Sachsen ward 
als „Kabinetskurier", wie König Wilhelm sich aus 
drückte, an diesen abgesandt. Ein bedeutenderes 
Eingreifen des Kurfürsten von Hessen in die Dis 
kussion fand nicht statt, er muß aber doch einmal 
gesprochen haben, wie aus einer von Fröbel er 
zählten Anekdote erhellt, die aus Kosten der schon 
erwähnten Sprachweise geht 19 . „Der Großherzog 
von Hessen (Ludwig III.) war gefragt worden, was 
in der ersten Sitzung der versammelten Fürsten der 
Kurfürst gesagt habe; „kommen Sie in die Ecke, 
ich will es Ihnen anvertrauen" — hatte Se. Königl. 
Hoheit geantwortet. „Brrlewrrlewrrle hat er ge-> 
sagt, und ich möchte nur wissen, wie es Herr 
v. Biegeleben zu Protokoll gebracht hat." — Nach 
Fröbels Angabe war der Fürst von Liechtenstein 
der Übermittler der kleinen Anekdoten, wie auch die 
Von Dr. Aurelio Büddeus redigierten lithogra 
phischen „Kongreßberichte" für die Presse ihre pi 
kanten Indiskretionen aus der erlauchten Ver 
sammlung erhielten. 
Nicht immer aber waren die Fürsten in der Ge 
schäftsführung und Diskussion glücklich. So wie 
der Vertreter von Bremen, Dr. Duckwitz, davon 
spricht, daß er mehr als einmal habe eingreifen 
müssen, wenn die Beratungen sich festzufahren droh 
ten, und dafür ihm einmal ein besonderer Dankes 
blick des Königs von Sachsen geworden, so berichtet 
auch Aboe: „Der Kurfürst beklagte mehr als ein 
mal die Abwesenheit der Minister bei den Dis 
kussionen und.äußerte einmal: Ohne die Minister 
geht es nicht." 
(Schluß folgt.) 
18 Biegeleben, Meysenbug und M. v. Gagern waren 
jene drei Hesten, die damals in Wien zu den Haupt 
trägern des großdeutschen Gedankens zählten. Über 
Ersteren urteilte einmal Franz Joseph: „Biegeleben 
ist im Ministerium des Äußeren noch der einzige Mensch, 
mit welchem etwas anzufangen ist." (Über Biegeleben: 
Allgem. D. Biographie II, Seite 620.) 
i® Fröbel, Seite 261.
	        

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