Full text: Hessenland (34.1920)

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die durchschossene linke Hand. „Au!" Eine zweite 
Kugel fährt ihm durchs linke Bein und schmeißt 
ihn zur Erde. Mein Nachbar zur Linken, ein Jude 
aus dem Elsaß, kriecht trotz des tollen Feuers an 
ihn heran und verbindet ihm die Hand und das 
Bein, nachdem ich ihm mein eigenes Verbandpäck 
chen zugeworfen hatte. 
Krach! Da stürzt ein wenig links von mir die 
Decke eines Unterstandes ein, unter sich zwei Ver 
wundete meines Bataillons begrabend. Im Feuer 
der an manchen Stellen nur 5—10 Schritte vor 
in den Gräben und hinter Erdhaufen uns gegen 
überliegenden Gegner müssen alle Versuche, den 
Verschütteten zu helfen, scheitern. Ihr Seufzen. 
Schreien und Ächzen wird schwächer, schließlich ver 
stummt es ganz. Verwundet und erstickt! 
Die Schützenlinie entlang kommt von links ein 
Mann herangekrochen, öfters meinen Namen rufend. 
Jetzt ist er neben mir: „Herr Hauptmann, was 
sollen wir machen? In unserer linken Flanke 
kommen die Russen immer näher heran, einer nach 
dem andern von uns fällt, Offiziere und Unter-, 
offiziere sind nicht mehr da, alle verwundet oder 
tot. Wir werden links umfaßt, wir können nicht 
mehr halten, wenn keine Hilfe kommt." 
„Kerlchen, mach' es so, wie Du es im Frieden 
gelernt hast, übernimm Du das Kommando und 
wende Dich gegen die Flanke! Übrigens bekommen 
wir Hilfe, das III. Bataillon 95 wird zum ent 
scheidenden Stoße auf unserem rechten Flügel ein 
gesetzt. Sage es allen Leuten." 
Und, meine Ruhe übertrug sich auf ihn; er ist 
zurückgekrochen, und der linke Flügel hat gehalten, 
glücklicher Weise bald hiernach verstärkt durch den 
dritten Zug der 9. Kompagnie unter Leutnant 
d. R. Rodeck. — 
Voller Sehnsucht schauen wir nach dem Bataillon 
Regiments 95 aus. Es will vorstoßen, wenn die 
russische Stellung sturmreif ist, meldet eine Pa 
trouille, ich soll dann Nachricht geben. „Melden 
Sie Ihrem Führer, ich könne mich vielleicht noch 
10 Minuten halten; wenn ich keine Hilfe bekäme, 
ginge ich zurück." — 
Die zehn Minuten vergingen, und wir hielten 
weiter. 
„Dilthey, was soll werden?" — Sekundenlang 
schläft man ein, fährt hoch, späht über die Brust 
wehr — und wieder gelingt es, einen russischen 
Vorstoß mit Aufbietung der letzten Energie abzu 
weisen. Die Schützenlinie entlang kommt die Mel 
dung: „Rechts hat eine Kompagnie 95 verlängert, 
ihr Hauptmann von Fischern ist gefallen." Es 
ist gegen 2 Uhr nachts. Dilthey und mir auf fünf 
Schritte gegenüber hat sich in dem mittelsten Rüben 
walle ein Scharfschütze festgenistet, der anscheinend in 
uns die Führer erkannt hat und nun dauernd sein 
Feuer auf uns richtet, bis sein Platz von den neben 
uns liegenden Mannschaften erkannt und er für 
immer zum Schweigen gebracht wird. Immer schwie 
riger wird es, die Angriffe abzuweisen, die Leute 
sind kaum mehr zum Schießen zu bringen. Auf 
Hilfe hoffen wir nicht mehr. Was soll aber wer 
den? Zurückgehen? Nein! Und da fassen wir den 
Entschluß, uns in der Stellung lieber totschlage^ 
zu lassen, als alles durch einen Rückzug vielleicht 
ins Verderben zu bringen. Das Feuer aus der 
linken Flanke hat etwas nachgelassen. Ob mein 
Bruder das Erdwerk hat? Es scheint so. Gott sei 
Dank! 
Die Stunden verrinnen, und die Nacht ist lang! 
Und bei Tage, was dann? Dann kommt das Schrap 
nellfeuer auf uns herunter — und wir ohne Deckung! 
Wir müssen nochmals stürmen, wir müssen dw 
ganze Schanze wieder haben; es ist die einzige 
Rettung. — Und so warte ich auf den Beginn des 
neuen Tages, ihn herbeisehnend und ihn fürchtend. 
Denn wird ein Sturm mit den Leuten dann noch 
möglich sein? Aber es gibt keinen anderen Ausweg. 
Der Tag graut, ich bete zum Allmächtigen und 
befehle den Sturm. Hurra! — Ein Anstürmen, ein 
Nahkampf mit all seinen Schrecken und Greueln. 
Zum ersten Male im russischen Feldzuge heben die 
Russen bei unserem Sturm nicht die Hände hoch 
und geben sich gefangen, nein, sie lassen sich wiel 
mehr einen Meter nach dem andern mit dem Bajo 
nett zurücktreiben. In meiner unmittelbaren Nähe 
sehe ich einen meiner Braven am Grabenrand mit 
erhobenem Gewehrkolben über einem sich zur Flucht 
wendenden riesigen Sibirier stehen, im Begriff ihn 
niederzuschlagen. — Ein Moment gutmütigen Zö 
gerns! Ergibt sich der Russe? Klatsch! Eine Hand 
granate ist die Antwort. Die Schädeldecke fliegt 
stmher, ein Toter mehr! Schließlich geben die 
Russen den Widerstand auf und flüchten den Lauf 
graben zurück, durch Feuer verfolgt. Die ganze 
Schanze gehört uns wieder! Und wieder nähert sich 
uns ein Trupp, diesmal aber ohne Waffen, mit 
erhobenen Händen überlaufend. Er kommt aus 
einem Graben, den wir erst bei Tage in unserer 
linken Flanke erkannten und aus dem das verderb 
liche Flankenfeuer abgegeben war. Ein zweiter 
größerer Trupp folgt, und immer mehr! So mache 
ich gegen 400 Gefangene. Aus weiter entfernten 
Schützengräben von den eigenen Landsleuten be 
schossen und von ihrer eigenen Artillerie mit Er 
folg unter Feuer genommen, werden sie dann im 
Triumph zurückgeführt, nicht ohne daß sie viele 
Verwundete in Zeltbahnen mitnehmen mußten. Und 
von neuem besetzt das Bataillon die Schanze, die 
Arbeit des Ausbaues wird wieder aufgenommen.
	        

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