Full text: Hessenland (34.1920)

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wie klug berechnete Offensive hätte dem Kriege eine 
entscheidende Wendung geben können, wenn der Herzog 
Georg von Lüneburg, der Stammvater des Hauses Han 
nover, dem die Hälfte aller Truppen des gefallenen 
Schwedenkönigs anvertraut war, den Landgrafen nicht 
im Stich gelassen hätte. Der Herzog war von Sachsen 
kommend über Bremen bis zur mittleren Ems vor 
marschiert, da verschwand er am 20. Februar, gerade 
in dem Augenblick, als der Landgraf ihm bei Rheine 
die Hand geben wollte und der strategische Ring sich 
um die Feinde schließen sollte, aus der Gegend von 
Osnabrück. Er " marschierte ostwärts, kehrte auf das 
rechte Weserufer zurück und belagerte Hameln. Die 
Nachricht von Friedensverhandlungen, die Kursachsen, 
der damals führende evangelische Reichsstand und un 
sichere Bundesgenosse Hessens und Schwedens, unter 
der höchst zweifelhaften Vermittlung des Däuenkvnigs, 
heimlich mit dem Kaiser im Januar angeknüpft hatte, 
erreichte die Welsenherzöge Mitte Februar. Sie ver 
stärkten bei dem von keinerlei moralischen Bedenken 
geplagten Herzog Georg die Zweifel, wie der Krieg 
ausgehen würde, und ließen es für ihn am besten er 
scheinen, sich rasch in Besitz der starken Festungen 
Hameln und Minden zu setzen. Aus partikularistischen, 
selbstsüchtigen Beweggründen schädigte er so das all 
gemeine Interesse der Verbündeten aufs schwerste. Im 
Hinblick auf diese Tatsachen können die Ereignisse der 
Jahre 1914/18 unser Verständnis für manche Erschei 
nungen des 30 jährigen Krieges schärfen, für die Hem 
mungen und Enttäuschungen eines Koalitionskrieges, 
für die Unzuträglichkeiten einer auseinandergehenden 
obersten politischen und militärischen Kriegsleitung, für 
den Geist und das Wesen der Soldateska, für die Schwie 
rigkeiten und Gefahren, die einem sog. Verständigungs 
frieden entgegenstehen, für ehrliche und unehrliche Frie 
densvermittler, für den mit jedem Kriegsjahr zuneh 
menden Eigennutz, für Geld- und Valutanöte u. a. m. 
Und bei vielem, was die Untersuchungen und Enthül 
lungen des letzten Jahres erkennen ließen, könnte man 
mit Ben Akiba sagen, „auch das ist schon dagewesen", 
z. B. die Friedensaktion, die der Kaiser Karl von 
Österreich im Februar 1917 heimlich einleitete, hat 
insofern Ähnlichkeit mit der kursächsischen des Jahres 
1633, als sie die maßgebenden Männer der Gegenseite 
völlig verkannte und ihnen nur das divide et impera 
erleichterte — was hinsichtlich der sächsischen die hessi 
schen Politiker schon vor 228 Jahren erkannten und 
aussprachen. Beide Friedensfühler waren gleich ver 
hängnisvoll für die Urheber und ihre Verbündeten. 
Die dänische Friedensvermittlung des Jahres 1633 
war dabei eine ebenso schwer zu durchschauende und 
bedenkliche Sache, wie die amerikanische der Jahre 
1916/17. Das aus den Bergwerken Südamerikas stam 
mende Gold Spaniens diente im 30 jährigen Kriege 
z. B. in Dresden, wie das amerikanische oder englische 
Gold in Wien oder Kiel während des letzten Welt 
krieges. Andererseits gab es im 30 jährigen Kriege 
auch ehrliche Pazifisten, wie den Landgrafen Georg 
von Darmstadt und seinen Kanzler Wolf, an den in 
Marburg die Wolfsburg an der Ritterstraße erinnert. 
Sie gaben sich die größte Mühe, die Parteien an den 
Verhandlungstisch zu bringen, erlebten aber 1633 in 
Leitmeritz, 1634 in Pikna ähnliche Enttäuschungen, wie 
1918 die deutschen und später die österreichischen Frie 
densabordnungen in Versailles. Diese Gleichartigkeit 
der Erscheinungen in beiden großen Weltkriegen ändert 
aber nichts an der Tatsache, daß es kaum möglich ist, 
einen Standpunkt zu gewinnen, von dem aus man 
rückschauend, gewissermaßen über den Parteien stehend, 
objektiv Stellung zu den traurigen Zeiten des 30 jäh 
rigen Krieges nehmen könnte. Es ergeben sich höch 
stens aus den Tatsachen einige Folgerungen, die es 
dem einzelnen ermöglichen, je nach seiner Weltan 
schauung, sich ein Urteil zu bilden, insbesondere auch 
über die klare, konsequente Politik Hessens. Als sicher 
darf man folgendes annehmen: Der Protestantismus 
in Deutschland konnte sich im Jahre 1629/30 ohne An 
lehnung an eine fremde Macht nicht behaupten. Die 
schwedische und französische Unterstützung, die- in Be 
tracht kamen, unterschieden sich nach Art und Zeiten 
ganz erheblich von einander. Dem Könige Gustav 
Adolf und später seinem großen Kanzler Oxenstierna 
kam es — schon im schwedischen Staatsinteresse — 
an auf eine möglichst rasche und vollständige Kriegs 
entscheidung und auf eine dauernde Gesundung der 
deutschen Verhältnisse durch größere religiöse Duld 
samkeit und durch eine reinliche Scheidung von dem 
undeutschen Staatswesen der Habsburger. Dem Geiste 
Gustav Adolfs schwebte ein rein germanisches Staats 
wesen vor, das unter einem in Personal-Union ver 
bundenen Schweden-Brandenburg an der Ostsee und 
durch die Ostsee seinen Schwerpunkt hatte. Mancher 
gute Deutsche wird heute unter den trostlosen Zu 
ständen der Gegenwart und nach den bitteren Erfah 
rungen, die wir mit dem Reich der Habsburger mach 
ten, mehr als vor 5 oder vor 40 Jahren geneigt sein 
anzunehmen, daß ein solches Staatswesen innerlich ge 
sunder und entwicklungsfähiger werden konnte, als das 
traurige Gebilde, das aus dem Westfälischen Frieden 
hervorging. Die Wege und Ziele der von Richelieu 
geleiteten Politik Frankreichs waren ganz anderer Art 
als die der schwedischen. Sie wollte den österreichisch 
spanischen Imperialismus zwar nicht vernichten, aber 
nur um den französischen Imperialismus auf seinen 
Trümmern aufzubauen. Frankreich wollte, daß sich 
beide Parteien in Deutschland erst mal gründlich ver 
bluteten, und daß der Gegensatz zwischen Protestanten 
und Katholiken in Deutschland dauernd erhalten bliebe. 
Es lag auf der Lauer, unterstützte in den ersten zwei 
Jahrzehnten nur mit Geld die Kämpfenden. Es wollte 
sich unauffällig in Besitz der festen Plätze im Elsaß und 
am Rhein setzen und die Deutschen dauernd zu seinen 
Vasallen machen. Der sog. Friede von Versailles 
und die Art der Ausführung zeigten nur die Unver 
gänglichkeit Richelieuscher Tendenzen in Frankreich. Bei 
dieser Sachlage war es ein Unglück, daß Kursachfen 
sich nicht zwischen Schweden und dem Hause Habs 
burg entscheiden konnte. Seine Politik des Schwankens, 
der Halbheiten und der Hinterhältigkeiten hat — wenn 
auch ungewollt — lediglich der Politik Richclieus die 
Wege bereitet. Je mehr es ihr gelang, die schwedische 
Machtstellung in Deutschland zu untergraben, um so 
mehr wurde Richelieu und später Mazarin der die 
Geschicke Deutschlands bestimmende Mann. Denn in 
beiden Parteien fanden sich Reichsstände, die nach dem 
Beispiel Sachsens selbstsüchtige, partikularistische Ziele 
den größeren allgemeineren Interessen voranstellten. 
Sie glaubten, sie könnten sich eine behagliche Woh 
nung in einem notwendigerweise gemeinsam zu be 
wohnenden Gebäude eiürichten, bevor noch das schützende 
Dach errichtet war. Diese für den deutschen Geist so 
charakteristische politische Kurzsichtigkeit ist es, die von 
Frankreich raffiniert ausgenutzt wurde und den Krieg 
zu einem so endlosen und verderblichen für ganz Deutsch 
land machte. 
Marburger Hoch sch ul Nachrichten. Bei der 
am 6. Februar abgehaltenen endgültigen Jmmatriku-
	        

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