Full text: Hessenland (34.1920)

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Und nun erst gar der Schluß „Minna Magdalena". 
In cauda venenum. Prosessorsleute glauben, ihre Minna 
sehe Mutterfreuden entgegen, laßen deren Vater kom 
men und bereiten ihn vorsichtig auf seines Hauses 
kommende Schande vor. Schließlich stellt sich heraus, 
daß Minna unschuldig verdächtigt worden ist. Bis zu 
dieser Aufklärung schwelgt der Dichter aber geradezu 
im kaum Zweideutigen. Man braucht kein Tugendbold 
und kein Puritaner zu sein, um schon aus diesem Grunde 
das Stück zu peryorreszieren. Aber diese minimale 
Handlung — die allerdings Frau Berend-Groa Ge 
legenheit gab, wieder einmal als Gast zu erscheinen —, 
diese — vielleicht an einem Kegelklub - Junggesellen 
abend — angebrachte Sprache, dieses absolut unkünst 
lerische Stück gehört nicht auf unsere Bühne. Kennt 
deren Leitung wirklich nichts Gescheiteres, Besseres, 
Dramatischeres, Künstlerischeres aus der zeitgenössi 
schen Literatur als „Liselotte" und „Nachtbeleuch 
tung"? Ist das der glorreiche Aufschwung des 
Theaters? Ist dieses nun eine wirkliche Kunst- 
stätte? Ist es etwa besser, reichhaltiger, kulturver 
breitender als früher? Der die Stücke ausgesucht hat, 
mag das vielleicht meisten. Aber nur e r allein. 
H.. B l u m e n t h a l. 
Aus Heimat und fremde. 
Hessischer G e s ch i ch t s v c r e i n. Am Herren 
abend des Kasseler Vereins am 5. Januar setzte 
zunächst Geheimer Studienrat Dr. S ch a n tz seinen 
Vortrag über die hessische Familie Schantz fort. Wie 
der zuletzt behandelte Hans Kurt Schantz waren auch 
dessen jüngere Brüder Kriegsleute. So auch der Kapi 
tänleutnant Christian Schantz, der mit den von Land 
gras Karl dem Kaiser zu Hilfe geschickten Truppen nach 
Ungarn zog, aber krank zurückkehrte und 1699 in Kassel 
begraben wurde. Ein anderer Bruder, Johann Niko 
laus, 1641 geboren, wurde Schneider und später 
in Kassel als Bürger aufgenommen, wo neben Hans 
Kurt auch noch zwei jüngere Brüder als Offiziere leb 
ten. Sein einziger Sohn Nikolaus, mit einer Tochter 
der reichen Familie Schönau verheiratet, war Pfarrer 
in Morschen. Der älteste Sohn des Hans Kurt, Niko 
laus Christian, starb als Hofgerichtsrat 1729 in Mar 
burg. Seine Gattin, eine geborene Schiller, ließ ihm 
einen Grabstein mit dem Schantzschen Wappen (Rabe 
bzw. Taube mit Ring im Schnabel) setzen, der jetzt in 
der dortigen reformierten Kirche aufgestellt ist. Der 
andere Sohn Hans Kurts, Claudius Petrus, zweiter 
Bürgermeister von Kassel, blieb Junggeselle und er 
richtete in seinem Testament das bekannte Schantzsche 
Familienstipendium. Der älteste Sohn des Morschener 
Pfarrers, der Adjunkt bei seinem Vater war, starb 
früh; der zweite, Gideon, Weihnachten 1701 geboren, 
war Rentmeister in Frankenberg und dann Kammer 
rat in Marburg, wo er, >veil die Stadt die Kriegs 
steuer nicht bezahlen konnte, im siebenjährigen Krieg 
eine Zeitlang von den Franzosen in Straßburg gefangen 
gehalten wurde. Seine Söhne wurden alle Juristen; 
der dritte, Theobald, war Bürgermeister in Marburg, 
der jüngste, Johann Georg, ließ sich 1769 als Rechts 
anwalt in Kassel nieder, ging aber 1776 mit den 
hessischen Truppen als Auditeur nach Amerika, ver 
heiratete sich in Halifax mit der Tochter eines reichen 
Kaufmanns, die ihm 1783 mit einem schwarzen Diener 
und kostbaren Schmucksachen nach Kassel folgte; später 
war er Amtmann in Treysa, wo er 85 jährig 1827 
sein vielbewegtes Leben beschloß. Sein zweiter Sohn 
Christian, ein Forstbeamter, zog mit den hessischen 
Jägern nach Rußland, wo er seit der Schlacht an der 
Beresina verschollen blieb. Theobalds ältester Sohn 
Gideon, Ehrendoktor der Marburger Universität, war 
Metropolitan in Ziegenhain, wo er 1834 starb, sein 
Bruder Johann Georg Friedrich starb als Aktuar in 
Neukirchen. Der älteste Sohn Johann Georgs, James 
(der Großvater des Redners), studierte in Marburg die 
Rechtswissenschaften, wurde aber dann aus Neigung 
Förster und 1848 in Fürstenhagen von einem Wild 
dieb in der Blüte seiner Jahre erschossen. — Professor 
Dr. Fuckel kam noch einmal aus die Angelegenheit 
der Bonifatiuseiche zurück und faßte abschlie 
ßend alle gewichtigen Gründe zusammen, die für Bei 
behaltung der bisherigen wissenschaftlichen Auffassung 
und gegen die Annahme Dr. Schäfers sprechen, daß 
Hofgeismar als Örtlichkeit der Donareiche angesehen 
werden müsse. Zuletzt verwies er nachdrücklich auf 
das schriftlich vorliegende Zeugnis des Geheimrats Pro 
fessors Dr. Edw. Schröder in Göttingen, der seinen 
Standpunkt vollständig teilt. Auch er erklärt das 
„Oratorium" in Geismar als „ganz primitives, auf 
der Stelle errichtetes Bethaus, Oratorium", und hält 
die erst 1290 bezeugte Peterskirche zu Hofgeismar für 
„zu allen Zeiten ziemlich bedeutungslos", zu der von 
Dr. Schäfer künstlich ein tieferer historischer Hinter 
grund geschaffen werden solle. Das Geismar des Wili- 
bald muß nach ihm innerhalb der Ho88i gesucht wer 
den, nicht aber auf sächsischem Boden. Solcher aber 
sei Hofgeismar, das unzweifelhaft auf altem nieder 
deutschen, nichthessischen Boden liege. Mit diesem Ur 
teil eines hochgeachteten Fachmannes und Kenners der 
hessischen Geschichte dürfe die- Angelegenheit wohl als 
abgeschlossen gelten und Hofgeismar endgültig als Ört 
lichkeit der Bonifatiuseiche ausgeschaltet werden. Es 
bleibe nach wie vor die Wahl zwischen Geismar bei 
Frankenberg und Geismar bei Fritzlar, von denen das 
zweite die größere Wahrscheinlichkeit für sich bean 
spruchen dürfe. (Siehe auch den Aufsatz in dieser 
Nummer.) — Zum Schluß hielt Rechnungdirektor Wo 
rt n g e r einen ausführlichen Vortrag über das K g l. 
westfälische 9. Linien-Jnfanterie-Regi- 
ment, dessen Bestehen selbst einem der besten Kenner 
der westfälischen Heeresgeschichte, dem verstorbenen Sani 
tätsrat Dr. Schwarzkopf, unbekannt geblieben war. 
Das in Braunschweig, wo auch sein Depot verblieb, 
gebildete Regiment hatte dieselbe Uniform wie die 
übrigen Linien-Regimenter, Tschakos, weiße Röcke mit 
blauen Kragen und Aufschlägen, weiße Westen und 
Beinkleider. Redner gab zunächst eine vollständige Rang 
liste des Regiments, das einen ganz deutschen Charakter 
trug. Im Mai 1813 wurde es nach Magdeburg ver 
legt, da das Vorrücken der Russen und Preußen das 
Königreich Westfalen bedrohte und diese Festung des 
halb unbedingt gehalten werden mußte. Die Stärke 
des Regiments wird kaum jemals über 1200 Mann 
betragen haben; es waren höchstens 19 Jahre alte^ 
nur wenig ausgebildete Rekruten. Napoleon beabsich 
tigte, dem Vordringen der Verbündeten mit einem 
großen Schlag ein Ende zu machen. Er selbst blieb 
deshalb gegen deren Hauptarmee bei Görlitz stehen, 
während Marschall Oudinot von Süden her und Da- 
vout von Hamburg her gegen Berlin vorrücken sollten. 
Ein Korps unter General Girard sollte von Magde 
burg aus gegen Brandenburg vorgehen und die Ver-
	        

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