Full text: Hessenland (34.1920)

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Am besten wird es sein, man bleibt beim 14. Jnli 
1458 als dem Tage der Eroberung der Bramburg 
und nimmt an, daß die Fehde damit noch nicht 
zu Ende war, sondern gegen die Gewohnheit der 
Zeit wochenlang weiter dauerte. 
Und der hessische Landgraf? Ludwig II. fügte 
sich ins Unvermeidliche, es blieb ihm nichts weiter 
übrig. Er sagte nicht einmal Göttingen und Mühl 
hausen die Schntzherrschast auf. Er mußte froh sein, 
wenn die Städte bei ihm ausharrten; denn sein 
Ansehen war ins Wanken geraten. Auch an tat- 
Spaziergänge i 
Von Dr. Georg Schli 
(Sch 
Es muß jedem Leser auffallen, daß der Narren 
wagen häufig in voller Greifbarkeit erscheint, so 
daß man ihn nicht bloß als Sinnbild auffassen 
möchte. Dazu stimmt noch besonders ein badischer 
Reim (D. V.-A. A 14 598, Ballrechten im Amte 
Staufen): Ballrechter Hochmutsnarra Chuma zletzt 
au no uff da Charra. Hier sehen wir den Fast 
nachtsaufzug mit dem Narrenwagen so deutlich wie- 
nur möglich vor Augen — und vermögen wieder 
einmal die Redensart unserer Tage an einen Brauch 
anzuschließen, der an der Schwelle der Neuzeit 
Sebastian Brant den Gedanken seines Narrenschiffes 
eingegeben haben mag. 
Daß wir es aber auch mit einer vielgebrauchten 
geselligen Formel zu tun haben, scheint mir durch 
ein weiteres Überlebsel, diesmal aber bei Erwachs 
senen und noch im Banne der Trinksitte, bestätigt 
zu werden. Bei Fabricius haben wir meist das 
Wortpaar wackeln und zappeln, z. B. heißt 
es in der 1. Strophe Da wackelt das Haus, 
da zappelt die Maus . . . Und dazu bieten 
ein merkwürdiges Gegenstück heutige glückwünschende 
Zeitungsanzeigen, wie ich sie am angegebenen Ort 
aus Ostthüringen nachgewiesen habe. Ihr Bereich 
ist aber weit größer: ich habe denselben formel 
haften Wortlaut inzwischen nicht nur in Kurhessen 
und Franken gefunden, sondern sogar, was das Alter 
der Überlieferung bekräftigt, weitab im Tiroler 
Anzeiger, Innsbruck, vom 26. Juli 1912, wenn 
auch mit einer geringen Abweichung: Ein dreifach 
donnerndes Hoch! dem liebenswürdigen Frl. ,Annyh 
Schalterbeamtin der ,Tyrolia', daß die ganze 
,Tyrolia' wackelt und Schalter Nr. 2 naggelt! 
... So sehen wir, wie sich die alte Urzelle durch 
Spaltung vermehrt hat, zum Zeugnis der Zäh- 
lebigkeit alles dessen, was mit dem „fröhlichen Tun" 
zusammenhängt. — 
sächlicher Macht verlor er. Dabei ist nicht allein 
an die von Stockhausen zu denken. Neun Jahre 
vorher hatten die von Adelebsen ihr der Bram 
burg benachbartes Schloß dem Landgrafen Lud 
wig I. geöffnet". Von dieser Öffnung war fortan 
keine Rede mehr. — 
Der Zug gegen Jühnde und die Bramburg bildet 
also eine bemerkenswerte" Episode in der hessischen 
Geschichte. 
15 Rommel, Geschichte vou Hessen 2, 310 und S. 216 
der Anmerkungen. 
im Kinderland. 
iger in Freiburg i. Br. 
ch-) 
Noch gibt es ein kulturgeschichtlich recht an 
ziehendes Gebiet, in dem sich früherer studentischer 
Brauch heut in der Pflege der Schuljugend wieder 
findet. Die Sitte, Stammbücher als eine Art 
Freundschaststempel anzulegen, hat sich vom Beginn 
der Neuzeit an bis in das 19. Jahrhundert hinein 
bei unseren Studenten erhalten. Diese Studenten 
stammbücher gewähren ein buntetz, ungemein fes 
selndes Bild wechselnder Zeitverhältnisse und Ge 
schmacksrichtungen, wie man es in dem bekannten 
Buche von Robert und Richard Keil (Die deutschen 
Stammbücher des 16. bis 19. Jahrhunderts, Ber 
lin 1893) bequem überblicken kann. Neben dem 
durchgehenden akademischen Grundtone prägen sich 
in Wort und Bild die literarischen Modeströmungen 
aufs anschaulichste aus; über die unerfreulichen 
Zeugnisse platten Behagens und wüster Sinnlichkeit 
führen die Zeiten idealistischen Aufschwungs hoch 
hinaus, und einen besonderen Höhepunkt bringt die 
vaterländische Erhebung im Anfang des 19. Jahr 
hunderts. Auch in anderen Kreisen, besonders unter 
den schöngeistigen Frauen, blühte die Stammbuch 
sitte, ' in wesentlich anderen Tönen und Farben. 
Heute ist sie wohl gänzlich auf die Schuljugend 
beschränkt; bei der Einsegnung Pflegt der Freund 
schaftskreis noch einmal und zwar recht weitherzig 
aufgeboten zu werden. Daß es damit sein Ende hat 
und das Stammbuch meist achtlos beiseite geworfen 
wird, darf man billig bedauern: es liegt bei allem 
unfreiwillig Erheiternden doch ein ganzes Stück 
Besinnlichkeit darin, das wir so gut gebrauchen 
könnten. 
Wer solche Schülerstammbücher in die Hand be 
kommt — auch der Lehrer wird ja vielfach der 
Zulassung gewürdigt —, muß sich über die Gleich 
artigkeit der Einträge verwundern. Nur wenige 
haben den Ehrgeiz, mit Neuem und Unerhörtem
	        

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