Full text: Hessenland (34.1920)

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Vogelarten einen geeigneten Wohnsitz boten. Neben 
den gewöhnlichen Formen hörten wir hier Snmpf- 
nnd Teichrohrsänger (Acroceph. palustris 
und streperus), für den mein Freund Schnurre 
wegen seines lärmenden Singsangs den Namen 
„Rohrprolet" geprägt hat, Braunelle, Grau- und 
Rohrammer, Kleiber, Wendehals, Uferschwalben, 
Grün- und Grauspecht. Uferläufer, Wasseramseln, 
Elstern, Turteltauben, Bach- und Bergstelzen 
(Motacilla alba und boarulä) und Stockenten be 
lebten die User. In den saftigen Wiesen schlugen die 
Wachteln ihr „Bück' den Rück!", darüber schwebten 
der weiße'Storch und die stattliche Gabel-- 
tn c i b e (Milvus milvus), auch Rotmilan genannt, 
und abends schrien die Steinkäuze. Ein teiltveiser 
Amselalbino mit weißen Handschwingen an beiden 
Flügeln zeigte sich beim Bahnhof. Am genuß 
reichsten waren für uns trotz der Stechmücken die 
Abend- und frühen Morgenstunden. Um recht früh 
aus unserem Gasthaus herauszukommen, mußte 
Schnurre dem Wirt erst am Vorabend einen langen 
Vortrag über den wissenschaftlichen Grund des I 
Nichtausschlafenwollens halten; die Folge war ein 
staunendes Kopfschütteln, am nächsten Morgen eine 
doch verschlossene Tür und — Naturforscher und 
Feld-, Wald- und Wiesenornithologen wissen sich 
immer zu helfen! — unser Aufbruch aus dem Hans j 
durch die Fenster. Dann lauschten mir draußen im 
Dunkeln neben den Rohrsängern den Liedern meh- 
rerer Nachtigallen (Luscinia megarhynchos) 
und H e u s ch r e ck e n s ä n g e r (Locustella naevia). 
Die Sängerkönigin, die alte Dichter Preisen und wohl 
die meisten setzt lebenden nie selbst gehört haben, ist 
bei uns leider sehr selten geworden (Lahntal, 
Frankfurt, Kassel), so daß mir uns als Natnrschützer 
sehr über diese sicher für ein Brutvorkommen 
sprechende Beobachtung freuten. Der Henschrecken- 
sänger oder Feldschwirl, der durch seinen sirrenden 
Gesang auffällt, konnte erst für wenige knrhessische 
Orte nachgewiesen werden, von Büsing (Eisenach) 
1915/16 für Hersfeld 9 , oon Schnurre 1914, 
1918 für Wilhelmshöhe bei Kassels von Hartert 
o Or.'O. Büsing, „Ornith. Mitteil, aus d. Kr. 
Hersfeld a. d. F." in „Ornith. Monatsschrift" des 
„Deutschen Vereins zum Schutz der Bogelwelt", Gera 
1917, S. 299. 
7 Otto Schnurre, „Ein Beitrag zur Ornis des 
und Kleinschmidt Anfang der neunziger Jahre für 
M a r b u r g (nach L. von Boxberger * 8 ), von Stin 
ket 9 1919 für E s ch ui e g e a. W. und Nenters 
hausen bei Sontra. 
Von den Schivirlen waren auch mehrere vor 
handen. Außerdem hörten mir am Abend des 
11. Juni dort einen Vogel singen, den mir für ein 
B l a u k e h l ch e n (Luscinia suecica cyanecula) 
hielten, was eine spätere Beobachtung meines Ge- 
währsmannes an derselben Stelle im nämlichen 
Sommer bestätigte; auch dieser bei uns selbst auf 
dem Durchzug nur gelegentlich beobachtete Sänger 
gehört zu den seltensten hessischen Brutvögeln (bei 
Marburg von mir am 11. April 1920 an der Lahn 
singend beobachtet). Nach der brieflichen Mitteilung 
eines Vogelkundigen kommen bei Fritzlar außer 
dem N a ch t s ch w a l b e (Oaprimnlgns), B l ä ß - 
h u h n (Fulica) und der sehr seltene, Weideland 
schaften betvohnende und in hohlen Bäumen nistende 
Wiedehopf (Upupa epops), in Hessen „Wnde- 
wud" genannt, vor, der durch eine zusammenleg 
bare Kopfhaube geschmückt ist und den Namen seinem 
etwas kuckncksähnlichen Ruf verdankt. Somit ist 
Fritzlar ein wahres Vogelparadies, und ich rate 
jedem Freund unserer hessischen Heimat und Natur 
zu einem Ausflug in diese auch in geschichtlicher 
und kulturhistorischer Beziehung denkwürdige Stadt. 
Möge dieses Tierdorado noch lange in seiner Ur 
sprünglichkeit erhalten bleiben, feine Flußregulie- 
rnng oder ähnliche Naturschändung durch die „Krone 
der Schöpfung" Wasseramsel, Eisvogel, Wiedehopf 
und unsere anderen gefiederten Freunde vertreiben, 
damit der stolze Raubvogelschrei, das „Kuwitt" des 
Kriedewißchens, das „Fürchte Gott!" der Wachtel, 
j das Heuschreckenlied des Schwirls, die Radanlieder 
i der Rohrspatzen, der kunstvolle Sang des Blau 
kehlchens und das Sehnsuchtsflöten der Frau Nach 
tigall noch in inanchem Lenz in den Edderauen er 
schallen und die Freunde unseres teuren Hessen- 
landes und seiner herrlichen Natur mit edler Freude 
an der schönen Welt erfüllen. 
Habichtswaldes usw." in Reichenows „Ornith. Monats 
berichten", Berlin 191.8, S. 109. 
8 von Boxberger, „Ornis Marpurgensis“ in 
von TschusiS „Ornith. Jahrbuch" XXII, 1911, S. 97. 
9 W e r n e r S n n k e l, „OrnithologifcheS a. Hessen" 
in Floerickes „Mitteilungen über die Vogelwelt" 1909. 
wusik. 
Wo ist die Seele, die mit mir genießt, 
Wenn Ktlnst mich lief ergreift! 
Daß unser beider Fühlen sich ergießt 
In eins zusammen, daß es läuternd reift! 
Berlin-Ste>pitz. 
Wo ist die Hand, die ich beseligt drücke, 
Wenn sich der Strom der Melodie mir naht! 
Hier, grausam Leben, klafft die Lücke — 
lind ich zieh einsam meinen Pfad. 
Henri du Fais.
	        

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