Full text: Hessenland (34.1920)

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Eine ornithologische Wanderung von Marburg nach Fritzlar. 
Von Werner S unkel. 
(Schluß.) 
Frankenber g a. d. Edder bietet dem Vogel- 
forscher eine ganze Menge. Wir konnten am 8. 
und Ñ. Juni hier zunächst den Wiesenpieper 
(Anthus pratensis) feststellen, der der Jahreszeit 
nach dort gewiß Brutvogel ist, sonst in Hessen aber 
.selten brütet. Ich hatte ihn auch am l. und 
2. Mai 1919 im oberen Lahntal angetroffen J , sonst 
sieht man diesen kleinen lerchensarbigen Vogel bei 
uns meist nur zur Zugzeit. Neuerdings (Juni 1920) 
stellte ich ihn als häufigen Brutvogel am „Schwar 
zen Moor" in der „Hohen Rhön" fest, die wir 
fannistisch wie das ganze Rhöngebirge zu Hessen 
rechnen. Braunkehliger Wiesenschmätzer, Gold- und 
Grauammern, Feldlerchen, Sumpfrohrsänger, Bach 
stelzen, Baumpieper (Anthus trivialis), Buchfinken, 
Stieglitze, Bluthänflinge, graue Fliegenfänger und 
Dohlen belebten die Edderstadt und ihre nächste 
Umgebung; nachts rief im Ort mehrfach ein S t e i n- 
kauz (Athene), den man in Niederhessen „Kriede- 
wißchen" nennt. Er ist einer von den verkanntesten 
Tieren und sein Ruf „Kwvitt, kuwitt" hat zu 
einen: unsinnigen Aberglauben Veranlassung ge 
geben. Er fängt außer vielen Mäusen und Mai 
käfern auch die sich nachts vor den Fenstern erlench- 
teter Krankenstuben ansammelnden Insekten, setzt 
sich wohl auch mal ailf. das Fensterbrett und läßt 
dort seinen Ruf hören, den der abergläubische Mensch 
mit „Komm mit auf den Kirchhof, bring Schipp und 
Spaten mit!" sich übersetzt. ' Viel häßlicher für 
menschliche Ohren klingt der „Gesang" der eben 
falls sehr nützlichen S ch l e i e r e u l e, von der 
der bekannte Zoologe Fl o er icke'' schreibt: „Für 
weniger furchtsame Herzen hat die „fatale Nacht 
musik" lediglich etwas ungemein Belustigendes. 
Dieses Gefühl erweckten mir ihre Stimmlaute >ve- 
nigstens immer in M a r b n r g, wo sie in warmen 
Frühlingsnächten regelmäßig vom Turm der herr 
lichen Elisabethkirche herab ertönten, während unten 
manch flotter Bruder Studio, der auf der Kneipe 
des Guten zu viel getan, nun auf dem Heimlvege 
den Wirkungen des edlen Stoffs verfiel und dein 
Gotte Gambrinus in schuldiger Ehrfurcht.sein Opfer 
bringen mußte, an greulichen Tönen mit ihnen 
wetteiferte." Wie zu Floerickes Studienzeit in Mar 
burg, beherbergt auch jetzt dort noch das Schloß 
4 Vgl. W. Sun k e l „Der 1. Mai" (Schilderung 
einer Exkursion von Marburg zur Lahnquelle) in den 
„Mitteilungen über d i e V o g e l w e l t", Or 
gan der „Süddeutschen Vogelwarte", Stuttgart, Obere 
Birkenwaldstr. 217, 1920, Nr. 3/4. 
5 Dr. K. Floericke, „Deutsches Vogelbnch", Kos 
mos-Verlag Stuttgart, 1907. 
und die Kirche von Sankt Elisabeth Schleierkäuze. 
Tie Edder bei Frankenberg bietet in ihrem 
glücklicherweise noch dichten Ufergebüsch vielen Arten 
willkommene Nistplätze. Häufig waren. auch hier 
die Sumpsrohrsänger und die dunkelköpfigen R o h r- 
a m m e r n (Emberiza schoeniclus), Laubsänger, 
Dorn- und Mönchsgrasmücken, Zaunkönig, Gold 
ammer und Buchfink. Im nahen Walde riefen 
Kuckuck und Ringeltauben, am Fluß musizierten 
Wasser-, Gras- und Laubfrosch. Die früher auch 
bei Marburg Häufigen Wasseramseln (Cinclus) 
stürzten sich kopfüber von einem Steinblock in das 
schnell fließende Wasser, aus den Kiesbänken trip 
pelten muntere F l u ß u f e r l ä u f e r uncher (Ac- 
titis hypoleueos). Bei Edderbringhausen belauschten 
wir ans nächster Nähe einen Neuntöter, der täu 
schend den Gesang von Baumpieper und Heidelerche 
nachahmte. Über Herzhausen schwebten Mäusebus 
sarde, am User strichen ein schillernder Eisvogel 
(Aleedo), zwei Fischreiher und einige Stockenten 
entlang. Sonst machten mir die mir auch von 
anderer Seite bestätigte Wahrnehmung der Ar 
ni nt des Talsperrengebietes an W a s - 
servögeln, die durch das Fehlen einer eigent 
lichen Ufervegetation und den wechselnden Wasser 
stand zu erklären ist. Im Vergleich zum übrigen 
Eddertal war hier auch die Zahl der Uferläufer ge 
ringer und Wasseramseln fehlten ganz. In Baum- 
löchern entdeckten wir zwei Bruten des großen 
Buntspechts, sahen einen Flug Fichtenkreuz 
schnäbel, ferner u. a. Häher, Grauspecht,,Sing- 
und Misteldrosseln und Heidelerchen und hörten 
abends wieder Waldkäuze rufen. An niederen Wir 
beltieren waren vertreten Blindschleiche, Zaun 
eidechse und Geburtshelferkröte. In einer Hecken 
schlucht bei Hemfurt fütterten am 10. Juni R a u b- 
w ü r g e r (Eanhis colcubitor) ihre flügge Brut, und 
bei Mehlen gab es wieder Uferschwalben, 
Futter zum Nest (in Felslöchern) tragende Dohlen 
und Steins ch m ä tz e r, letztere ebenso wie Wach 
teln bei Bergheim. 
Im altertümlichen Fritzlar, dein Ziel unse 
rer Fußwanderung, hielt uns die interessante Vogel 
welt bis zum 12. Juni fest. Die Türme und 
Mauern der Stadt umschwärmten lärmende Segler 
und Dohlen, in den Gärten sangen Girlitz, Garten- 
spötter und Baumläufer (Certhia brachydactyla), 
während die Edderauen oberhalb der Stadt mit 
ihrem dichten, von Brennesseln, Schilf und Kletten 
dnrchwucherten und von Schlingpflanzen umspon 
nenen Weidicht und ihren alten Pappeln vielen
	        

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