Full text: Hessenland (34.1920)

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reicher Mann, der in früheren Jahren sich lange 
in Rom aufgehalten hatte, das Beste von Kunst 
kannte und meist ein vortreffliches Urteil aussprach; 
dabei war er äußerst munter und lustig. Seine 
eigenen Arbeiten haben mir weniger gefallen, seine 
Kompositionen gar nicht; das beste, was er gemalt 
hat, war das Bildnis unserer K u r f ü r st i n in 
rotem Samtkleid und sinnreich zusammengestellt." 
Etwas anders klingt ein Urteil Westermayrs, das 
vielleicht durch Jugendfreundschaft und einen An 
flug von Lokalpatriotismus beeinflußt wurde. In 
seiner Einladung zu der vom 25. August bis zum 
l5. September 1823 stattfindenden Ausstellung in 
der Hanauer Zeichenakademie heißt es von Bury: ! 
„Sein langer Aufenthalt in Rom gewährte ihm 
das Mittel, eine seltene Anlage zu einer seltenen 
Vollendung auszubilden, und die Werke, die er in 
Deutschland und den Niederlanden ausführte, werden 
seinen Namen der Nachwelt bewahren." 
Wesentlich kühler beurteilt die etwas nüchterner 
denkende Gegemvart die Burysche Kunst; sie findet, 
daß deren Hauptstärke im Porträt liegt und in allem, 
was von diesem ausgeht. Die Werke der schaf 
fenden Phantasie des Künstlers haben sich längst 
überlebt, während noch mehrere feiner Kopien be 
rühmter Bildwerke, die in virtuoser Aquarelltechnik 
gemalt sind, auch etwas vom Geiste ihrer Schöpfer 
ahnen lassen und manchem einen Ersatz für die oft 
schwer erreichbaren Originale bieten- können. Den 
Ruhm, den Friedrich Bury schon über hundert 
Jahre genießt und auch noch lange weiter genießen 
wird, verdankt er nicht so sehr seinen Leistungen 
als Künstler oder gar der Sonne fürstlicher Huld, 
die Jahre hindurch über ihm strahlte, als vielmehr 
dem glücklichen 'Zufalle, daß es ihm vergönnt war, 
geraume Zeit im Schatten des Titanen Goethe 51t 
wandeln. 
Literatur: Tie älteren Akten der Hanauer 
Zeichenakademie. — Zehn Briefe von Friedrich Bury 
an seinen Bruder Isaak aus den Jahren 1808—1820. 
Im Besitz von Frau Dr. Otto Bury in Hanau. — 
Bier Briefe der Kursürstin Auguste von Hessen an 
den Juwelier Isaak Bury in Hanau aus den Jahren 
1820—1824. Im Besitz von. Frau Dr. Otto Bury in 
Hanau. — Handschriftlicher Briefwechsel vom April 
und Mai 1875 zwischen I)r. Lionel von Donop und 
dem Bijouteriesabrikanten Fritz Bury in Hanau, einem 
Neffen des Malers. Im Besitz des Herrn Stadtrats 
Karl Hochreuther in Hanau. — K. W. Justi, Grund 
lage zu einer hessischen Gelehrten- und Künstlergeschichte. 
Marburg 1831. S. 55—59. — O. H a r n a ck, Zur 
Nachgeschichte der italienischen - Reise. Goethes Brief 
wechsel mit Freunden und Kunstgenossen in Italien 
1788—1790. Schriften der Goethe-Gesellschaft, Bd. 5, 
Weimar 1890. — I. Vogel, Aus Goethes römischen 
Tagen, Leipzig 1905, S. 130—132. — M. Schnette, 
Das Goethe-National-Museum zu Weimar. Leipzig 
1910. — Lexikon der bildenden Künstler, herausgegeben 
von ll. Thieme und F. Becker. Leipzig 1911, Bd. 5, 
S. 275 und 276. (A. Peltzer.) — I. Zeitler, 
Goethe-Handbuch. Stuttgart 1916, Bd. 1, 'S. 125, 287 
und 288. — K. Siebert, Hanauer Biographien aus 
drei Jahrhunderten, Festschrift des Hanauer Geschichts 
vereins 1919, 22—24 (Mit dem Selbstbildnis von 
Bury). 
Spaziergänge im Kinderland. 
Von Or. Georg Schläger in Freiburg i. Br. 
II. 
Sehr früh beginnen die mannigfaltigsten Einflüsse 
aus das Kind zu wirken; man kann sagen: alle 
Halb- und Ganzerwachsenen, die in seinen Gesichts 
kreis treten, helfen es erziehen und verziehen. 
Darum ist es so schwer, das eigne, selbständige Wesen 
und Weben der Kindesseele auszusondern. Später 
zumal, wenn das Kind in die Spielgemeinschaft 
hinausgetreten ist und seinen Anteil an der Pflege 
und Fortpflanzung volkskundlichen Gutes bekommt, 
nehmen die von außen überkommenen Stoffe für 
unsere Beobachtung völlig überhand. Da wird es 
denn, leicht verkannt, daß sie alle vom Kinde nicht 
als Fremdgut aufbehalten, sondern selbstherrlich in 
seine innere Welt eingereiht werden, selbst da, wo 
der Wortlaut wenig angetastet erscheint. 
14 Für die hier nur gestreiften grundsätzlichen Fragen 
muß ich auf meine Aufsätze ,,Einige Grundfragen der 
Kinderspielforschung" verweisen, Zeitschrift des Vereins 
für Volkskunde 27 ff. Einzelheiten sind in dem oben 
genannten Buche von Lewalter und Schläger behandelt, 
auf dem auch die folgenden Ausführungen vielfach fußen. 
So bietet das Kinderlieb und Kinderspiel ein 
höchst buntes Bild. Vieles bleibt seiner Herkunft 
wie seiner Bedeutung nach im Dunkeln; sonst aber 
läßt sich weben dem überragenden Einfluß der 
eigentlichen Volksdichtung auch ein Anteil bestimm 
ter Gesellschaftsschichten erkennen. 
Unter anderem überrascht uns manche Berührung 
mit Scherz und Lied unserer Studenten. Und 
das ist gewiß kein blinder Zufall, sondern es spricht 
sich darin eine tiefbegründete Wahlverwandtschaft 
aus. Dies soll keineswegs Tusch sein! Ich kann den in 
seiner Würde tief gekränkten Musensohn mit Schillers 
Wort begütigen: „Der Mensch spielt nur, wo er 
in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und 
er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt." vulcc 
68t d68ip6r6 in loco — in diesem Zeichen vollzieht 
sich ja doch ein großes Stück akademischer Lust 
barkeit, und es braucht nur einiges Nachdenken zu 
der Erkenntnis, daß hierin nichts anderes als der 
uralte und ewig neu gestaltende Spieltrieb am 
Werk ist.
	        

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