Full text: Hessenland (34.1920)

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keinen Widerschein in seiner stumpfen Seele. Ein 
dunkler Tag konnte ihn nicht schwermütiger machen, 
als er schon war. Er stieg in sich selbst hinab 
wie in einen unergründlichen Brunnen von Elend 
und Oual. 
Ludwigstein. Burghof. Federzeichnung von Ernst Metz. 
Das Wcrratal, Wanderbüch durch die Werralandschast. Verlag von Otto 
Er mochte wohl gequält sein. Vor einer Woche | 
war ihm die Mutter gestorben, und er hatte sie 
unter die Erde gebracht. Ja, das hatte er getan! 
Obgleich er sie über alles ans Erden liebte, trug 
er Schuld au ihrem Tod. Er konnte voll dieser 
Wahrheit nicht los, wollte es allch gar nicht. Starr 
sah er seiner Sünde ins Gesicht. All seinen harten 
und bitteren Wörter: war die alte Frau zugrunde 
gegmlgen. An seiner Rauheit stieß sie'sich das 
Herz entzwei. 
Das kam so: Als gesundes und gerades Kind 
war Valentin geboren worden. Aber die Mutier, 
die in ihrer Jugend lebhaft, leichtsilmig und neu 
gierig war, hatte ihn ans den 
Tisch gelegt, als draußen die 
aufgeregte Stimme des Feuer 
horns ging — sie streckte den 
Kopf zum Feilster hinaus — 
„Nachbarin, wo brennt's denn?" 
In der kleinen Weile stürzte der 
Junge auf das Küchenpflaster, 
verletzte sich innerlich und ver 
krüppelte ! 
Der alte Marth, der riesige 
Hufschmied, hatte sein junges 
Weib fast zu Schanden gehauen: 
„Warte, du Wiebesmensch! Ich 
will dir die Neugier eilstränken!" 
Da war's plötzlich gar mit 
Leichtsinn und Flatterhaftigkeit. 
Die junge Marthin nahm das 
Wesen des Geschlechtes an, in 
das sie eingeheiratet hatte; ward 
sich gekehrt, scheu, finster, 
schweigsam, grillenfängerisch. 
Aber sie behielt doch ihr rosiges 
Gesicht, ihre blauen Augen und 
ihren goldenen Scheitel, um bereu 
willen das dunkele Herz ihres 
Mamles sich ihr zugekehrt hatte. 
Und sie behielt auch ganz im 
geheimen ihr sehnsüchtiges, liebe 
bedürftiges Frauenherz. Voll hei 
ligster, demütigster Zärtlichkeit 
war sie zu dein Jungen, der 
durch ihre Schuld seinen geraden 
Wuchs verlor. 
Als Kind lohnte Valelltin der 
Mutter Liebe mit Gegenliebe. 
Als er aber in die Jahre kam, 
in denen sein Herz nach einem 
Weibe verlangte, als er die 
Grausamkeit und Enttäuschung, 
die auf den Mißgestalteten lauert, 
kostete, war er mißtrauisch und 
zweifelsüchtig, traute keinem Mädchen, hielt sich für 
verfehmt und verhaßt und begann seiner Mutter 
Vorwürfe zu machen. 
„Du hast mir's angerichtet, daß ich kein gerader 
Mensch llicht bin, wie die alnieren! Daß ich kein 
Weib llnd keine Kinder nit haben darf! Welche 
Fran^blieb wohl einem Buckel getreu!" Immer 
heftiger, ungezügelter erhob er seine Vorwürfe. 
Bildprobe aus W. Ulrick, 
Vollprecht. Eschwege1920.
	        

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