Full text: Hessenland (34.1920)

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Erlebnisse der Schauspielerin Karoline Schulze-Kummerfeld 
in Kassel 1763. 
Von Generalmajor v. D a l w i g k in Weimar. 
Emil Benezs hat sich ein großes Verdienst nicht 
nur um die Thcatergeschichte, sondern auch inn die 
Kulturgeschichte erworben, als er 1915 die Lebens- 
erinnernngen der Karoline Schulze-Kummerfeld 
herausgab 1 . Diese äußerst talentvolle Bühnenkünst 
lerin, deren beste Rollen die Miß Sara Samson, 
die Julia in Weißes „Romeo und Julia" und 
Sophie Guilbert im „Clavigo" waren, ein Komö 
diantenkind in des Wortes traurigster, nur bei 
Kenntnis der Bühnenzustände des 18. Jahrhunderts 
zu würdigender Bedeutung, wurde geboren 1745 
in Wien und starb 1815 in Weimar, nachdem sie 
schon 1785 den Künstlerberuf aufgegeben und, von 
der .Herzogin Anna Amelie unterstützt, eine Näh 
schule errichtet hatte. Der junge Goethe sah sie 
1767 in Leipzig als Julia und war bald zum 
Sterben in sie verliebt 1 2 . Als er sie bald darauf 
tanzen sah, wozu sie vertraglich verpflichtet war, 
richtete er Verse an sie, in denen er sie bat, das 
zu unterlassen. In Leipzig war Karoline nicht nur 
als Künstlerin bewundert, sondern auch als sitten 
reine Jungfrau und immer frohsinnige Gesellschaf 
terin in guten Familien gern gesehen und geehrt, 
so in denen der Professoren Clodius und Oeser und 
des schon genannten Dichters Weiße. Doch uns 
interessiert vor allem ihr Aufenthalt in Kassel. 
Karoline war mit der bekannten Ackermannschen 
Theatergesellschaft in Mainz und Frankfurt ge 
wesen und zog in den Fasten 1763 von Mainz 
nach Kassel, wohin Landgraf Friedrich II. sie ein 
geladen hatte. Erschütternd ist der Reisebericht 
Karolines. Sie fuhr so zu sagen mit den Friedens 
herolden zugleich zum Frankfurter Tor hinaus. 
In Langdorf (Langsdorf bei Hungen?) fand sie 
willige und gute Bauern. „Aber die armen Leute 
hatten selbst nichts, wir gaben ihnen", schreibt sie 
in ihr Tagebuch. „Erst durch uns glaubten sie, 
daß gewiß Friede wäre." Ein sechsjähriger Knabe 
wurde von seiner Mutter an die Brust genommen, 
da er sonst nicht hatte erhalten werden können. 
In einem Dorfe blickte eine Frau in den Vier 
zigern immer auf eine Stelle an der kohlschwarzen 
Wand. Franzosen waren dort gewesen, alle be 
soffen. Man sollte ihnen was gebe» und hatte 
selbst nichts. Nun schlugen sie die arme Bauersfrau 
und ihren Mann, und einer riß den jüngsten Sohn 
1 Berlin, Selbstverlag 'b. Gesellsch. s. Theatergeschichte, 
Schriften d. Gesellsch. f. Theatergeschichte, Bd. 23 u. 24. 
2 Freiherr v. Biedermann, Goethe-Forschungen, Neue 
Folge S. 194. 
aus der Wiege und schleuderte ihn an die.Wand, 
Da, da sehen Sie noch sein Gehirn! Das >var der 
Fleck, auf den die unglückliche Mutter ohne Auf 
hören hinstarrte. Diese Bestien tvaren die wür- 
digen Vorfahren der Franzosen von heute. 
In Kassel wurde die Ackermannsche Truppe im 
Prinz Maximilianschen Palais untergebracht, das 
an der Ecke des heutigen Opernplatzes stand und 
1765 zum neuen Opernhause ausgeballt wurde, tvo 
die Schauspieler nicht einmal in Betten unterge 
bracht werden konnten. 
Nun kam eine neue Verlegenheit. Ackermann 
hatte mit dem Landgrafen keinen festen Vertrag 
geschlossen, sondern sich auf den Eindruck verlassen, 
den seine Truppe machen würde. Aber durch die 
lange Verzögerung, mit der die Truppe ankam — 
sie war von Mainz bis Kassel 16 Tage unter 
wegs — war Friedrich II. mißtrauisch geworden 
und hatte sich eine italienische Operntruppe kom 
men lassen. Trotzdem begannen Ackermanns Kräfte 
zu spielen, und der Erfolg blieb nicht aus. Aber als 
der Sommer kam, reiste der Landgraf ab, mit ihm 
der Adel, und viele Militärs wurden beurlaubt. 
„Und Bürger und Stadtleute brachten nicht das 
Salz aufs Brot ein." So hatte Karoline schwere 
Tage, besonders als ihr Bruder sich den Friß ver 
stauchte, also nicht tanzen konnte, und ihre Mutter 
auch krank wurde. Da war es ein Lichtblick für die 
damals achtzehnjährige Schauspielerin, als der Leut 
nant Wolf von den Husaren sich ihrer annahm 
und sie im Verein mit mehreren anderen Offizieren 
zu einer Spazierfahrt aufforderte, auf die eine 
Mahlzeit folgte. Lassen wir Karoline selbst weiter 
erzählen. 
„Wir mochten wohl eine Stunde gesessen haben, 
da kam ein Bedienter ins Zimmer und sprach sachte 
dem Herrn Leutnant Wolf ins Ohr. Dieser sagte 
daraus laut: „Eben sagt mir mein Kerl, daß der 
Herr Baron von Dalwig unten ist. Er ist ein 
sehr artiger und rechtschaffener Kavalier und mein 
Major. Wenn Sie nichts dagegen hätten, wollte 
ich hinuntergehen und ihn bitten, ob er mit von 
unserer Gesellschaft sein wolle." 
Dem wurde zugestimmt, und der Major kam 
herauf, benahm sich aber sehr zurückhaltend. Nach 
dem Essen wurde bis sechs Uhr morgens getanzt. 
Am folgenden Sonnabend lud der Major die Ge 
sellschaft zil sich ein. Er lag mit seinen Husaren 
auf dem Lande. Es ist erfreulich zu hören, welch 
vorzüglichen Eindruck die bei Dalwigk versammelten
	        

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