Full text: Hessenland (34.1920)

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Geld nötig. Möchten sich die Stifter bald finden, 
ehe die böse Zeit konimt, da weder Staat noch 
Privatleute für solche ideale Zwecke noch etwas 
übrig haben! 
Der Zweigverein Marburg des Vereins für Hes 
sische Geschichte und Landeskunde wird trotz den 
trüben Zeiten, trotz dein furchtbaren Unglück des 
Vaterlandes weiter leben; vielleicht werden seine 
Bestrebungen in den Zeiten der Not mehr Anklang 
finden als in den verflossenen ruhigen Jahrzehnten.. 
Mancher mag bewußt in die vergangenen glück 
licheren Zeiten flüchten und findet wohl einen Trost 
im Blick auf die wechselnden Geschicke des Heimat 
landes, lvo Zeiten tiefster Trübsal doch auch wieder 
Aufschwung und Erhebung gefolgt sind. 0. K. 
Aus dem Kriegstagebuch eines Dreiundachtzigers. 
Von Hauptmann Ernst Bach, im Kriege Kompagnie-und Bataillonsführer im Jnfanterje-Regiment Nr. 83. 
(Fortsetzung.) 
II. 
Die Schlacht bei ©erbauen. 
7.—10. September 1914. 
Die letzten Töne des Pariser Einzugsmarsches, 
den das von uns in dem Durcheinander des Guts 
hauses Wormen entdeckte Grammophon in das Dun 
kel der ostpreußischen Nacht hatte erschallen lassen, 
waren verklungen. Unsere Gaste, die Offiziere der 
Maschinengewehr-Kompagnie und der 7. Kompagnie 
83, verließen mit einigen anerkennenden Worten 
auf die 8. Kompagnie unser prunkvolles Gemach, 
die Waschküche des Gutes, uni) bald lag ich mit 
meinen beiden Stützen, Leutnant d. R. Schalles 
und Vizefeldwebel d. R. Spenner, im Stroh. Wir ge 
dachten wie echte Sybariten während des Ein 
schlafens noch des lukullischen Abendessens „Ente 
und Bratkartoffeln". Was schadete es, daß der 
Koch, mein Allerweltsbursche Schorsche^, die Kar 
toffeln hatte etwas heftig anbrennen lassen und 
die Enten ein wenig zähe waren. Für morgen 
war auch schon gesorgt. Für die Kompagnie hatte 
ich einen feisten Hammel erstanden, und, um teures 
Geld gekauft, rumorte in einer Pappschachtel hinten 
in der Ecke unseres Schlafgemaches ein leben 
diges Huhn. — Gute Nacht! 
Donnerwetter! Da hatte man endlich mal wieder 
richtig geschlafen. Die ganze Kompagnie ist sich 
einig darin. Erst um i/z7 Uhr geht der Vormarsch 
weiter. Der Hammel, der sich diesem Vormarsch 
nicht anschließen will, wird schnell vorher noch 
geschlachtet; leider ist keine Zeit mehr vorhanden, 
ihn auszuweiden. 
Ob wir heute die Russen fassen werden! Wir 
passieren Leunenburg—Kröligheim—Skandau. Der 
Weg führt uns vorbei an heruntergebrannten Häu 
sern, in Trümmern liegenden Gehöften und noch 
dumpf qualmenden Strohdiemen. Wasser zu trin 
ken, habe ich den Mannschaften bei Androhung, 
strengen Arrestes verboten. Haben doch die Hunde 
von Russen die „Tscharnu Pieski", die Brunnen 
durch totes Vieh und allerlei Unrat verseucht. Sie 
sind Meister darin, dem Verfolger die Verfolgung 
und den Aufenthalt in der von ihnen geräumten 
Gegend zu erschweren. Nur schnell hinterdrein, um 
ihnen die Zeit zum Sengen und Brennen in un 
serem Lande zu nehmen! Dicke Brandrauchwolken 
in nordöstlicher Richtung zeigen ihre Rückzugs 
straße an; jetzt dringt ferner Kanonendonner an 
unser Ohr. — Wir marschieren weiter, kommen 
dem Artilleriekampfe näher und erreichen am Spät 
nachmittag Molthainen mit seiner 400 Jahre alten 
schönen Kirche. 
Zufrieden meinem Feldwebel Hillger zublinzelnd, 
bringe ich meine ganze Kompagnie in den Scheunen, 
Ställen und Heuböden des Pfarrgutes unter. Die 
anderen drei Kompagnien haben es sicher nicht 
so gut getroffen. 
Bumm — Klatsch! — Da krepierte ein Geschoß 
auf der Dorfstraße dicht neben der Kirche. Ein 
Mann der 6. Kompagnie tot! Traurig! Man 
scheint drüben sich gerade den neben dem Pfarr- 
gut stehenden Kirchturm als Ziel gewählt zu haben; 
der Feind vermutet mit Recht da oben einen Be 
obachter von uns. Na, sie werden auch schon 
wieder aufhören zu schießen! 
In dem von den Russen furchtbar verwüsteten 
und durchstöberten Pfarrhause — selbst die Kir 
chenbücher hatte man völlig durcheinandergerissen — 
ist inzwischen ein Zimmer für uns Offiziere leidlich 
gereinigt, Bettstellen mit Matratzen werden hinein 
gesetzt, und die auf dem Boden gefundene Fahne 
„Schwarz-Weiß-Rot" wird von mir gehißt. 
In der Veranda haben die Burschen gerade den 
Tisch gesäubert — die russischen Offiziere haben 
anscheinend heute Morgen noch daran Kaffee ge 
trunken —; die Hühnersuppe soll serviert werden. 
Da läßt sich der Feldwebel melden: Befehl vom 
Bataillon! Die 8. Kompagnie räumt sofort das 
Pfarrgut und bezieht Alarmquartiere in den Scheu 
nen am nördlichen Ausgang des Dorfes. 
^ Georg Sachs, Kloster Allendorf bei Bad Salzungen.
	        

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