Full text: Hessenland (34.1920)

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dessen Nachkommen befindet- Bon großer Bedeu 
tung sollte für ihn die Bekanntschaft mit dein Maler 
Wilhelm Tischbein werden, wobei der Hofmaler 
Anton Tischbein als sein ehemaliger Lehrer und 
als Onkel Wilhelms ein natürlicher Anknüpfungs 
punkt war. Der um zwölf Jahre ältere Tischbein 
gewann bald einen günstigen Einfluß auf den jungen, 
in seinen Ansichten noch wenig gefestigten Kollegen. 
Er kannte Italien schon von früher her und hatte 
sich" auch eine Zeitlang in .Holland aufgehalten. 
Außer reichen Erfahrungen in technischer Hinsicht 
besaß er noch die unschätzbare Gabe, Künstler von 
einander zu scheiden und Kunstwerke zu analysieren. 
Doch nicht nur das Charakteristische eines Werkes 
der bildenden Kunst verstand er rasch zu erfassen, 
sondern er hatte auch ein offenes Auge für die 
Schönheit der Stadt Rom und der Campagna. Seit 
1786 wohnte Tischbein am Korso gegenüber dem 
Palazzo Rondanini zusammen mit Bury und den: 
Frankfurter Maler Georg Schütz. 
Als Goethe Ende Oktober 1786 in Rom einge 
troffen war, suchte er alsbald Tischbein auf, der 
ihm bisher nur aus schriftlichem Verkehr bekannt 
war. Sein schon aus Briefen gewonnener günstiger 
Eindruck verstärkte sich in ihm derartig, daß er in 
dem gleichen Hause, in dem der Maler wohnte, sein 
Absteigequartier nahm. Dieser wurde dem Dichter 
ein unentbehrlicher Freund und ein zuverlässiger 
Führer durch Rom und das römische Leben, er lehrte 
ihn auch, als Künstler zu sehn und zu fühlen. Seinen 
Hausgenossen Bury und Schütz trat Goethe eben 
falls näher und faßte zu ersterem wegen seiner kind 
lich heiteren Natur eine freundschaftliche Zuneigung, 
die sich in fast väterliche Liebe und Fürsorge um 
wandelte, als er im folgenden Jahre von Neapel 
und Sizilien nach Rom zukückgekehrt war und seine 
Freundschaft mit Tischbein eine merkliche Abküh 
lung erfahren hatte. Die künstlerische Zukunft des 
jungen Freundes lag ihm am Herzen, wie wir meh 
reren seiner Briefe, die Otto Harnack in den 
„Schriften der Goethe-Gesellschaft" veröffentlicht hat, 
entnehmen können. So schreibt er von Konstanz 
aus an Herder in Rom, wo dieser sich als Begleiter 
der .Herzogin Amalie von Sachsen-Weimar gerade 
aushielt: „Alsdann suche einen jungen Maler Bury 
ineontro Rondanini, 'den ich lieb habe, und laß Dir 
die farbigen Zeichnungen weisen, welche er jetzt nach 
Carrache macht. Er arbeitet sehr brav. Mache, daß 
sie Dalberg sieht und etwas bestellt. Dieser junge 
Mensch ist gar gut und brav, und wenn Du etwa 
das Museum oder sonst eine wichtige Sammlung 
mit ihm, zum zweiten Male, aber NB. allein, 
sehen willst, so wird es Dir Freude machen und 
Nutzen bringen. Er ist kein großer Redner, beson 
ders vor mehreren." Angelegentlich empfiehlt Goethe 
den Künstler der Herzogin Amalie und ist erfreut, 
daß sein Schützling nicht nur bei der hohen Frau, 
sondern auch bei ihrem Reisegefolge wohlgelitten 
ist, ja sogar von allen fast verwöhnt wird. Ein von 
der Herzogin unter dem 29. Noveinber 1788 aus 
Rom an Goethe gerichteter Brief endet in etwas 
launiger Form: „Heute ist Bum bey mir er bittet 
mich gar schön mit dem freundlichsten Gesichte ich 
möchte ihm Ihnen empfelen, der gute- humor bleibt 
ihm treu." Selbst die geistreiche, etwas sarkastisch 
veranlagte Hofdame von Göchhausen konnte sich dem 
geivinnenden Wesen Burys nicht entziehen, wie aus 
den Worten eines Briefes vom 27. Dezember 1788 
an Goethe hervorgeht: „Vergangene Woche hatte 
die Herzogin Concert und ließ diesem Kind (Bury) 
zu gefallen den alten Caribaldi und den Buben 
singen; er war würklich ganz ausgelaßen, und hat 
seinen eigenen Bekändniß nach die ganze Woche 
nichts gethan, welches ihm aber stark verwiesen 
ivurde. Die Herzogin und luir alle sind ihm sehr 
gut, es ist ein gar trefflicher Junge, und ihm eine 
Freude zu machen, ist selbst ein Genuß. Glück hat 
er. — Vier Rubense kaufte * er noch neulich, beynahe 
wie geschenkt. Mir hat er eine Camee, einen 
Bachuskopf aufgetrieben, der schönste vielleicht in 
ganz Rom, ich furchte mich auch der Sünde ihm §u 
kaufen, er soll ihm behalten bis zur Abreise; hat 
sich niemand gefunden der mehr giebt behalte ich 
ihn." Mit der gleichen Post schreibt Kammerherr 
von Einsiedel an Goethe: „Bury ist mir sehr werth 
und lieb — ich finde altes in ihm was Du mir 
erwarten lassen, und seine reine warme Natur, ist 
in diesem Lande eine seltene Erscheinung!" Eine 
gewisse innere Befriedigung über die seinem jungen 
Freunde zuteilgewordene Aufnahme und eine zarte 
Fürsorge für dessen Zukunft bekundet Goethe ein 
Jahre später in einem Briefe aus Weimar an die 
Herzogin, in dem er schreibt: „Büry ist glücklich 
das schöne Neapel unter Ihrem 'Schutze zu sehen 
und zu genießen. Ich brauche Ihnen die Gute Seele 
nicht weiter zu empfehlen, er verdient Ihre Gnade 
und Unterstützung. Lips ist nun hier, wenn Meyer 
(im Vertrauen sey dieß gesagt) sich von seiner 
Kranckheit -erhohlt, die ihn nun nach Hause nötigt, 
gedencke ich ihn nun auch hier zu sehen; eignen 
Sich Ew Durchl den Bury zu, so können luir eine 
artige Akademie aufstellen. Ohne Künstler kann 
man nicht leben weder in Süden noch Norden." 
(Fortsetzung folgt) 
1 Unter den jungen Künstlern in Rom herrschte da 
mals die Sitte, alte Gemälde aufzuspüren und sie zu 
kaufen, wenn man glaubte, sie könnten von einem be 
rühmten Meister herrühren. Diese fast an Sport gren 
zende Liebhaberei war für die meisten eine Modesache, 
während sie bei einigen zu einem kleinen Kunsthandel 
ausartete.
	        

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