Full text: Hessenland (34.1920)

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fang an eine Pfarrkirche. Wir wissen aber nnr von 
einer 1358 erwähnten Marienkapelle, die vielleicht Vor 
gänger der Martinskirche war. Der Ban der Martins 
kirche ivnrde 1364 begonnen, 1387 war der Chor voll 
endet, aber noch fast hundert Jahre wurde an dem Bau 
zugebracht. Von großer Bedeutung für die Kirche war es, 
als ihr Landgraf Ludwig von seiner Wallfahrt nach 
dem hl. Grab einen Splitter vom hl. Kreuz und eine 
goldene, ihm vom Papst verehrte Rose zum Geschenk 
machte. Beide Stücke sind verloren. 1430 dürfen wir eine 
erhöhte Bautätigkeit annehmen, die aber eine unglück 
liche Wendung nahm, als 1440 das fast fertige Gewölbe 
des Hauptschiffes einstürzte. Schon 1452 war es neu 
gewölbt, und damit war die Kirche im wesentlichen fertig. 
Philipp der Großmütige, der sich mit der Mustburger 
Elisabethkirche nie ganz befreunden konnte, bestimmte sie 
zum Mausoleum der hessischen Landgrafen, die denn auch 
bis auf den Landgrafen Moritz (1632) unter dem Chor 
beigesetzt wurden. Dann wurde die Gruft zugemauert. 
Landgraf Wilhelm V. hat dann unter dem an die alte 
Sakristei angebauten Kapitelsaal eine neue Gruft an 
gelegt, in der die Landgrafen von Wilhelm V. bis zu 
Wilhelm VIII. mit ihren Gemahlinnen beigesetzt sind. 
Über ihr in einem Obergeschoß wurden wahrscheinlich 
die Reliquien aufbewahrt; auch diente es als „geist 
licher Gehorsam",, also als Karzer für die geistlichen 
Herren. Stilistisch bedeutet die Martinskirche nichts 
Neues im Rahmen der Kunstgeschichte; sie stellt eine sog. 
Hallenkirche dar, in der die drei Schiffe im Gegensatz^ 
zur Basilika gleich hoch sind und die sich auch sonst in 
Hessen und Westfalen findet. Sie weist große Ähnlichkeit 
mit der am. Anfang der Gotik stehenden bedeutenden 
Hallenkirche in Marburg auf, die für Hessen muster 
gültig wurde. So besteht eine große Übereinstimmung 
in den Maßen: Innere Länge der Elisabethkirche 
56 Meter, der Martinskirche 55,20 Meter; Gesamtbreite 
des Langbaus der Elisabethkirche 21,15 Meter, der Mar 
tinskirche 21,16 Meter. Dagegen weist die Martins 
kirche den besonderen Reiz auf, daß die ungleiche Breite 
der drei Schiffe zu einer Tieferlegung ihrer Scheitel ge-« 
führt hat. Trotz des hier fehlenden, bisher üblich ge 
wesenen Triumphbogens weist hier die Chordecke gleich 
falls die Darstellung des jüngsten Gerichtes aus. Das 
Mausoleum der hessischen Landgrafen hat dem Kasseler 
Dom sein Gepräge gegeben. Landgraf Wilhelm IV. 
weihte dem Gedächtnis seines Vaters Philipp und dessen 
Gemahlin Christine jenes schöne Renaissaneeepitaph aus 
Marmor und Alabaster in der Chorapsis, das Elias 
Gottfro aus Cambray schuf, derselbe Meister, der auch 
das Alabastergemach im Landgrafenschloß herstellte. 
Vollendet wurde das Grabmal von seinem Schüler Adam 
Beaumont. Sehr bemerkenswert ist auch das rechts vom 
Eingang zur Sakristei hängende Bronzerelies'der Land 
gräfin Christine, das von dem Frankenberger Bildhauer 
Philipp Soldan herrührt, ferner diesem gegenüber das 
jenige des bei Lutter am Barenberg gestorbenen Prinzen 
Philipp von Hessen, das von dem bekannten Kasseler 
Glockengießer Gottfried Köhler gegossen wurde. Von wei 
teren Grabdenkmälern sind diejenigen des kursächsischen 
Rates Andreas Pawel und des Kammerpräsidenten 
Kaspar von Dörnberg sowie diejenigen zweier gehar 
nischten Ritter hervorzuheben. Leider sind die Aus 
stattungsstücke der Kirche im Laufe der Jahrhunderte ver 
schwunden. Die auch mu'ikalisch hervorragende Orgel, 
die 1730 ausgebessert und dann von Joh. Seb. Bach ab 
genommen wurde, stammt von Hans Scherer aus Ham 
burg (1610). Von der Kanzel ist der alte Schalldeckel 
aus der Renaissaneezeit erhalten. Unter dem Altar be 
findet sich ein Steintisch, der mit Allianzwappen ge 
schmückt ist und vermutlich den Rest eines gotischen 
Hochgrabes darstellt. Unter den Altargeräten ist beson 
ders ein gotischer Kelch hervorzuheben. Nach dem 
Vortrag besichtigte man u. a. auch die Gruft mit den 
Särgen der Landgrafen, unter denen besonders die prunk 
vollen Särge des Landgrafen Karl und seiner Gemahlin 
auffallen. Auch die Gruft im Südturm wurde besich 
tigt, die 26 kleine und große Särge der hessischen Prinzen 
und Prinzessinnen birgt. Auch befinden sich hier die 
hessischen Totenfahnen, die den Leichenzügen der Land 
grafen vorangetragen wurden und nach dem erfreulichen 
Beschluß des Kirchenvorstandes jetzt wieder im Chor auf 
gehängt werden sollen. War die Martinskirche eine 
große öffentliche Kirche, die aus den Mitteln der Stadt 
bestritten wurde, so befindey. wir uns in dem zweiten 
mittelalterlichen Gotteshause, der Brüderkirche, in der 
Baurat Dr. Holtmeyer gleichfalls die geschichtlichen 
und kunstgeschichtlichen Erläuterungen gab, auf land 
gräflichem Boden. 1262 hatte Landgraf Heinrich I. die 
Karmeliter hierher bernfen, um in unmittelbarer Nähe 
der (anstelle des jetzigen Justizpalastes gelegenen) Burg 
ein Chorherrenstift, also ein Hofkloster zu errichten. Bei 
dem Widerspruch der Nonnen vom Ahnaberger Kloster, 
die ein zweites Kloster nicht aufkommen lassen wollten, 
begnügten sich die Brüder vom Berge Karmel zunächst 
damit, ein Haus in der jetzigen Judengasse zu beziehen, 
bis 1293 der Erzbischof von Mainz die Genehmigung 
zu einem Bau erteilte. 1299 war der Bau des Chores 
im Gange, aber erst 1376 das Schiff vollendet. Wir 
dürfen annehmen, daß um diese Zeit auch die sich im 
Süden (jetzige Polizeistation im Renthof) anschließenden 
Klostergebäude fertig waren. Redner erläuterte im ein 
zelnen die Gegensätze zwischen der Baukunst der Benedik 
tiner, die als feine Kulturmenschen alle Künste in ihren 
Gotteshäusern zu Worte kommen ließen, nnd derjenigen 
der Zisterzienser, die nur Dachreiter statt der Türme 
erlaubten usw., zeigte, wie ihre Nachfolger wieder mit 
allen Mitteln arbeiteten, die eine Kirche üppig machen, 
und wie dann die Bettelorden, zu denen auch die Karme 
liter zählen, wieder zur alten Strenge zurückkehren. So 
wurde das zweite Seitenschiff der Brüderkirche bewußt 
unterdrückt. Auch hie Türme fehlen. Auffallend ist die 
Größe des Chors gegenüber dem Langhaus; in der Tat 
wurde das westliche Joch abgetragen, als der Landgraf 
eine Erweiterung der Schloßbefestigung vornahm, von 
der noch die Bastion an 'der Fulda erhalten ist. Die 
Gewölbeschlußsteine des Chores zeigen allerhand Attri 
bute, die auf den Klosterklerus Bezug haben (Christus 
kopf, Kreuzigung, Mönch, Hand mit Geißel), während 
diejenigen im Schiff (springender Löwe, ein mit Hörnern 
besteckter Helm) andeuten, daß der Landgraf Herr des 
Klosters war. Von dem den Chor abschließenden Lettner 
hat sich nichts erhalten. Auch von den eigentlichen 
Klostergebäuden ist so gut wie nichts mehr vorhanden, 
doch ist an der Wand hinter dem Renthofsbrunnen noch 
ein gotischer Bogen zu erkennen. Außerhalb der 
Klostergebäude findet sich an der Nordseite des Chores 
noch der heute zu Wohn- und Lagerräumen benutzte 
Kapitelsaal und über ihm die alten Zehntböden des 
Klosters *. Als die eigentliche Pfarrkirche der Altstadt, die 
Cyriakuskirche auf dem Marställer Platz, abgebrochen 
und das Kloster aufgehoben wurde, wurde die Brüderkirche 
zur Pfarrkirche. Aus dem Kirchenschatz ist auch hier 
neben kostbaren vergoldeten Weinkannen, die wohlhabende 
Bürger zu verschiedenen Zeiten schenkten, ein spät- 
* Vgl. Holtmeyer, Dr. A.: Das Karmeliter 
kloster zu Kassel in „Hessenland" 1911, Nr. 5 und 6 
(mit Abbildungen).
	        

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