Full text: Hessenland (34.1920)

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Die Gefährdung des Wilhelmshöher Parkes. 
Mit Trauer und Sorge muß es jeden Freund 
unseres Wilhelmshöher Parks erfüllen, wenn er 
sieht, wie seit einigen Jahren von der Hofgarten 
verwaltung vorgegangen wird. Gewiß ist die Axt 
in der Hand des Gärtners nötig, aber ist es denn 
notwendig, -daß unser Park nach nutzbringenden 
forsttechnischen Gesichtspunkten behandelt wird? Eine 
schöne Eigentümlichkeit gerade unseres Parkwaldes, 
worin er sich wohltuend von den zurechtgestutzten 
Anlagen anderer Städte unterscheidet, bildet seine 
Natürlichkeit und Ursprünglichkeit. Jetzt ist man 
eifrig am Werke, einen zahmen, mehr stilisierten 
Ton in die frische Urwüchsigkeit hineinzubringen. 
Durchblicke werden freigelegt und durch Ausrodung 
von Untergehölz und verwachsenem Buschwerk leere 
Flächen geschaffen. Zu diesem Zweck werden im 
Herzen des Parks prächtige, kerngesunde Eichen, 
die noch Jahrhunderte überdauert hätten, gefällt, 
herrliche hochragende Edeltannen umgelegt, was 
um so mehr zu bedauern ist, als die Aufzucht von 
Edeltannen in Wilhelmshöhe sehr schwierig ist. Am 
schmerzlichsten berührte es mich, als vor zwei Win 
tern die Riesen an den Spitzen der kleinen vom 
Wasser umrauschten Insel, gegenüber der Flora, 
daran glauben mußten. Große kahle Stellen sind 
entstanden, die, auch wenn sie mit exotischem Klein 
gestrüpp bepflanzt werden, einen kümmerlichen Ein 
druck machen. 
Wie schön wirkten früher die verwachsenen Wasser 
fälle; sie werden jetzt systematisch von allem Grün 
gesäubert, so daß das nackte Gestein überall zu 
Tage tritt. Namentlich die Fälle unterhalb und 
oberhalb des Lac, die augenblicklich glatt rasiert 
werden, wo das Wasser zwischen Stein und Tannen 
busch zu Tal stürzte, erregten das Entzücken jedes 
Naturfreundes. Ein eigenartiges Bild boten auch 
die vor etlichen Jahren gefällten Erlen am Nord 
westufer des Lac, die sich vor Altersschwäche ins 
Wasser gelegt hatten und verjüngt wieder aus ihm 
emporwuchsen. Und welch anziehendes Schauspiel 
war es für den Beobachter, wenn das grünfüßige 
Teichhuhn, das früher auf dem Lac so häufig vor 
kam, im Erlengezweig herumkletterte. Auch andere 
scheue Wasservögel, wie Eisvogel, Taucher und 
Wasseramsel, die vordem die Freude des Ornitho 
logen waren, geben, da ihnen die Daseinsbedin 
gungen genommen werden, nur noch flüchtige Gast 
rollen. Zu meiner Freude hat sich die Wasseramsel, 
die bei Eis und Schnee den Wanderer mit ihrem 
Lied überraschte, nach zweijähriger Abwesenheit 
wieder eingestellt. 
Einer der schönsten Parkwege ist die Strecke 
vom Lac zur Flora; einen Schrecken bekam ich, 
als ich vor einigen Tagen die Zerstörung sah, die 
augenblicklich dort angerichtet wird. Wahl- und 
schonungslos wird alles Gesträuch an der linken 
Seite des Weges ausgerottet. Auf den dort liegen 
den grünen Trümmerhaufen sieht man abgehauene 
seltene Leguminosen, wie sie in so alten Exemplaren 
kaum mehr in den Anlagen zu finden sind, ferner 
merkwürdige Zwergwuchsformen des Schneeballs, 
die in ihrer Eigenart als Naturdenkmäler gesetz 
lichen Schutz beanspruchen könnten. Auch auf der 
Roseninsel, diesem Vogeldorado, das hinter dich 
tem Buschwerk so friedlich einsam dahintränmte, 
wird der Zauber, der gerade an diesem lieblichen 
Fleckchen Erde haftete, durch Axt und Säge un 
barmherzig beseitigt. 
Die wenigsten Kasselaner werden den stimmungs 
voll gelegenen, hinter grünem Buschwerk versteckten 
und von Kiefern überschatteten, kleinen Wilhelms 
höher Totenhof an der Ecke der Schloßteichstraße 
gekannt haben. Jetzt ist er allen Augen sichtbar, 
aber schön ist der Anblick nicht mehr, die Bäume 
sind verschwunden und an Stelle der aus Holunder, 
wilden Kirschen, Weiß- und Rotdorn bestehenden 
Hecke wuchert eine Unkrautwüste vor der kahlen 
Friedhofsmauer. Noch eine unbegreifliche Tatsache 
hat sich hier zivischen Schloßteichstraße und Siebert 
weg zugetragen. Ein mit. hochstämmigen Lärchen 
und Kiefern bestandenes Stück Parkwald ist durch 
massiven Holzzaun der Öffentlichkeit entzogen und 
an einen Privatmann verpachtet worden, wie ver 
lautet auf 99 (!) Jahre. 
Auch in den zur Hofgärtnerei gehörigen Wiesen 
an der Parkgrenze ivird viel gesündigt. Am Rand 
des Bächleins, das durch die Wiesen vor dem 
Neuen Obstgarten fließt, standen Erlen und Weiden, 
die das Landschaftsbild stimmungsvoll verschönerten. 
Im vorigen Jahre wurden sie sämtlich umgehackt, 
nur häßliche Stümpfe, die erfreulicherweise jetzt 
wieder Schößlinge treiben, geben Zeugnis von ver 
gangener Pracht. Wenn man den Wiesenweg nach 
dem Neuen Obstgarten weiter ging, so erblickte man 
bis vor zwei Jahren rechts vor der Mauer eine 
Jahrhunderte alte Weide. Sie wär nur vier Meter 
hoch, hatte aber einen ungeheueren Umfang; die 
zum Teil mannsdicken Äste krochen meterweit am 
Boden her, wuchsen in die Erde und aus ihr wieder 
als selbständige Bäume in die Höhe. Dieser ehr- 
würdige Zeuge aus alter Zeit, ein Naturdenkmal, 
wie es in dieser Art in der Umgebung Kassels nicht 
wieder vorkommt, ist mit Stumpf und Stiel aus 
gerodet worden. Ein häßlicher, wüster Platz ist 
entstanden; Grasmücken, Bachstelzen und Zaun-
	        

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