Full text: Hessenland (34.1920)

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,,'n Tag» Kasper!" erwiderte Bonaventttra den 
Gruß. „Da bist du ja auch." 
„Wie du siehst — ja." 
„Hab' heut' schon mal n Stück von dir gesehn." 
„Du! — 'n Stück von mir! Ei, wo denn?" 
„Im Hänflingsnest am Roderain." 
„Der Dausig noch 'nmal!" rief der Buermeister. 
„Strohkasper im Hänflingsnest! Bonaventura hat 
t»cn Strohkasper im Hänflingsnest gesehn! Das 
muß gemalt werden, ihr Leut'!" 
Der Schelldorfer Buttermann ließ ein fettes, 
unflätiges Lachen hören. 
„Lach net so dreckig!" sagte Bonaventura. 
„Wenn du lachen willst, lach wenigstens so, daß 
es anzuhören ist!" 
„Strohkasper im Hänflingsnest! Der wollt' wohl 
brüten!" schrie der Buttermann. 
„Tut doch die Ohren auf!" brummte Bona 
ventura. „Ein Stück vom Strohkasper hab' ich 
heut' im Hänflingsnest gesehn. Das hab' ich gesagt 
und nischt anders." 
„Wie ist das möglich!" 
„Das ist schon möglich. Im Dornbusch am 
Roderain ist 'n Hünflingsnest mit Jungen. Und 
das ist aus 'm Strohkasper seinen Haaren gebaut. 
Wer 's net glaubt, geht hin und guckt und bezahlt 
'neu Taler!" 
„Wir glauben's. Du wirst dem Strohkasper 
seine Wolle schon kennen." 
„Was willst dir denn nun eigentlich mit deinem 
Geißbock anfangen?" sprang der Buermeister vorn 
Gespräch ab mrd aufs erste zurück. 
„Bald ist Kirmes", krähte der Schelldorfer 
Butlermann. „Da rvird er 'nen Kopf kürzer ge- 
rnacht und schnabeliert. Net wohr, Bonaventura?" 
„Allernoal!" stirnmte der Fuhrknecht bei und 
hub zu singen arr: 
„Hüt es Kermes, nrorn es Kernres. 
Doa schlacht t min voater 'n Bock. 
Doa danzt de ahl Mari-e, 
doa danzt de ahl Mari-e 
en ihrem rode Rock — juch!" 
„Das gibt aber 'nen Kirmesbraten, Bonaverrtnra! 
Der wird gut", foppte der Buermeister. 
„Davonsoll euchkeinFleisch in den Zähnen hängen 
bleiben", sagte der Gehänselte in großer Gelassenheit. 
„Und dann schwenkst du doch auch deine Alte, 
die Bärb, noch nmal im Kirmestanz 'rum!" fuhr 
der Buermeister fort mit seinem Uz. 
Neue Lachsalven erschütterten die Leiber. Bona 
ventura hielt es für gut, das Feld zu räumen und 
wollte sich stillschweigend hinausmachen. 
Aber das Dorfoberhaupt, das sich gern an ihm 
rieb, rief: „Wo willste denn schon hin. Kommst 
noch früh genung zo diner ahle Bißzang. Die wird 
dir die Leviten lesen!" ' 
„Ihr meint, es ging meiner Bärb wie jener 
Buermeisterschen", sagte Bonaventura von der 
Tür her. 
„Na, und wie ging's denn der? Nur net so eilig!" 
„Wie's der ging?" Bonaventura tat, als brenne 
ihm der Boden unter den Füßen, ,,'n andermal, 
Buermeister!" 
„Nein, Bonaventura, jetzt! — Aufgepaßt!" 
unterbrach er die lebhafte Unterhaltung der andern. 
„Der Geißbockhändler gibt was zum Besten, 'ne 
Schnurre. Da gibt's was zu lachen." 
„Aber auf eure Kosten, Buermeister." 
„Schad't nischt! Hanptsach' ist, daß me moal 
gelach könn." 
„Aber wenn's nachher net schmeckt, zieht ihr 
'n schief Maul." 
„Da irrst du dich!" 
Nun erzählte Bonaventura: 
„Es war ein Dorf im Alsfeldischen drüben. 
Da trieb der Viehhirt abends heim. Der Gemein'- 
Gchs war auch derber. Und als sie missen im 
Dorf vor Buermeistersch Hof sind, da bleibt auch 
der Gchs stehn und brüllt: Hanjooost! Hanjooost! 
Hanjooost!" 
Schallendes Gelächter unterbrach den Erzähler, 
der das Brüllen des Bullen täuschend nachahmte, 
das „a" in tiefster und das „o" in höchster Stimm 
lage sprach, daß es fast wie Hanjuuust klang. 
„Noch emoal! noch emoal!" riefen die Bauern 
und schüttelten sich vor Lachen. 
„Hanjooost! Hanjooost! — Und weil nun der 
Buermeister Hanjost hieß, glaubte die Buermeister- 
schen, der Brttllochs hätt' ihm gerufen. Also macht 
sie das Fenster auf und sagt zu dem Brummel- 
ochs, der sie dumm anglotzt: ,Woas willste denn? 
Er ist net derheim. Geh onne!' Aber was tut 
mein Gchs?. — er bleibt stehn und murmelt: 
mhmhmhm ... ,Dummes Tier!' schilt die Bller 
meisterschen aus 'lll Fenster auf die Gaß, ,was 
haste noch se brummeln! Du bist net mehr wie 
mein Mann auch: 'n Gemeine-Diener und sonst 
nischt.'" 
Dell letzten Satz spitzte Bonaventura etlvas zu, 
so daß er wie ein Pfeil den Buermeister traf, der 
sich aber nicht so hart getroffen fühlte, sondern 
nach dem Grundsatz von der guten Miene beim 
bösen Spiel in den tosenden Lachsturm einfiel ulld 
sich lachend den widerhakigen Pfeil aus dem Pelz 
schüttelte. 
„Donnerwittchen!" schrie der Strohkasper und 
schlug sich klatschend auf den Schenkel. „Donner 
wittchen!" 
„Blattschuß!" sagte der Förster. 
„Trumpf Aß! Das war aber'n Stich!" lachte 
der Wirt.
	        

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