Full text: Hessenland (34.1920)

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pagnie in zweiter Linie über den Sumpf bei Kolodez 
vor. Der rnssische Graben auf der Kolodez nördlich 
vorgelagerten Höhe wird ohne Kampf erreicht und 
voll der 1. Kompagnie 83 nnd dem Bataillonsstab 
besetzt, sobald das Vorgehen der vorderen Linie ans 
dem Höhenkamm dnrch heftiges plötzlich einsetzendes 
Infanterie-, Maschinengeivehr- und Schrapnellfeuer 
um 6 Uhr morgens ins Stocken geraten ist. Das 
Infanterie-Regiment 167 rechts von uns muß auch 
erst etlvas ausholen. Mit diesem geht es dann zu 
sammen weiter vorwärts; es gelingt, die Höhe 218 
mit ihren weithinlenchtenden roten Mohn- und 
weißen Kamillenfeldern zu nehmen. Bis gegen 
12 Uhr mittags liegt das rmssische Artilleriefeuer 
besonders schwer ans dem linken Flügel des Ba 
taillons (der 4. Komp. 83) auf den der Kuppe 218 
Anstreichenden Hängen und dem Bataillons - Stab 
100 Meter hinter der 4. Kompagnie 83. 
Bis zu dieser Zeit lagen die 2. und 3. Kompagnie 
83 vermischt, darunter auch Teile der 4. Kompagnie 
83 und des Infanterie-Regiments 167 auf Höhe 
218, im Anschluß rechts an das Infanterie-Regi 
ment 167. Das wellige Gelände erschwerte die 
Führung des Bataillons gewaltig; ein wütendes 
Artillerie- und Maschinengewehrfener ans raffi 
niert angelegten Flaukierungsgräben machte nach 
Zerschießen der Fernsprechleitungen zu den Kom 
pagnien eine Befehlsübermittlnng dnrch Melder so 
gut ivie unmöglich. 
Dank dem vorzüglichen Feuer unserer Artillerie, 
das in Verbindung mit dem Bataillonsstab tele 
phonisch über das Regiment dirigiert lverden konnte, 
mußten die Russen einen Graben nach dem andern 
vor uns räumen, so daß das Bataillon gegen 
1 Uhr mittags das Vorgehen von neuem aufnahm. 
Das Infanterie-Regiment 167 drückte dabei völlig 
in den Gefechtsstrcifen des I. Bataillons 83, so daß 
die 2. und 3. Kompagnie 83 nachgebend und sich an 
-das III. Bataillon 83 haltend ebenfalls links aus 
dem Bataillonsabschnitt herauskamen. Rur die in 
zweiter Linie folgende 1. Kompagnie 83 und einen 
Zug der 3. Kompagnie 83 vermochte ich in dem Ab 
schnitte zu halten und mit ihr den beabsichtigten' 
Punkt 218 am Waldrande zu erreichen. Beim 
Halten schiept sich das Bataillon des Infanterie- 
Regiments 167 29 nun kurzer Haird 800 Meter nach 
rechts in seinen vorgeschriebenen Abschnitt, eine 
entsprechende Lücke in der Linie zurücklassend. Ich 
erscheine in diesem Augenblicke mit meiner Reserve- 
Kompagnie 1/83, durch Melder vom Major Clau 
sius gebeten, alles einzusetzen, was ich noch ver 
fügbar haben sollte. Meine Maschinengewehre waren 
schon während des unaufhaltsamen Vorgehens in 
den Abschnitt des III. Bataillons 83 hinüberge- 
* zogen. Es heißt, daß-zahlreiche Kavalleriepatrouillen 
im Vorgelände beobachtet seien, alles deute auf eine 
bald einsetzende Attacke hin. Obschon ich nicht daran 
glaube, treffe ich aber doch alle Maßnahmen, um 
die Gefahr meines rechten Flügels abzuschlvächen. 
Ich verlängere die Linie des Bataillons llnter 
Zurückbiegen mit der 1. Kompagnie nach rechts 
lind fülle so wenigstens die Lücke im offenen Ge 
lände bis an den Waldrand heran ans. Allerdings 
stehen die Schützen mit sehr großen Zwischenräumen. 
Meinen Gefechtsstand lege ich an die Gartenecke 
eines Gehöfts, etwa 150 Meter hinter dem äußer 
sten rechten Flügel. Den brennenden Durst löscht 
ein Schluck kalten Wassers, und begierig und er 
freut schlürfe ich zwei rohe Eier, die der Hornist 
Czibilsky der 1. Kompagnie 83, im ganzen Ba 
taillon als der „Jupp" bekannt, aus dem Innern 
des Hauses hervorgeholt hat. Hatte ich doch wäh 
rend des ganzen Tages noch nichts zu essen be 
kommen. (Schluß folgt.) 
29 Major von Lengerke. 
Späte Felder. 
Der Tag verglomm. — Der Abend graut 
bleich über Kronen, Korn und Krallt. 
Nun werden alle Stillen laut 
^ — Die Fernen betten blau sich ein —: 
Es zirpt das Gras. Es siilgt der Stein. 
Der See schäumt auf wie firner Wein. 
Noch einmal wird die Sehnsucht wach 
und weint dem toten Tage nach ... 
Was dir auch immer heut zerbrach, 
mein Herz, schon leuchten Sterne drein, 
die letzten Glocken schlafen ein, 
bald wird dein Traum Erfüllung sein. 
Weitzknborii. Gttv BlÜse. 
Der wilde Garten. 
Ein wilder Garten hinter wirrem Zaun, 
Von Unkraut überwuchert seine Wege. 
Tn seinem uubeschuittenen Gehege 
Droh'n Nesseln, die/voll Arglist nach mir schau'u. 
Erglühte Rosen nicken dort vom Strauch, 
Doch keine Hand löst sie vom/schwanken Stengel. 
Von Rost bezwungen schläft der Pumpenschwengel, 
Hoch in die Blüte schoßten Kraut und Lauch. 
Die Beeren reiften in der Sonne Glut 
Und senken sich zu Boden mit den Zweigen. 
Den Garten deckt ein rätselvolles Schweigen, 
Als ob des Todes Hand auf ihm geruht. 
Rinteln a. W. Helene Brehm.
	        

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