Full text: Hessenland (34.1920)

104 s«^l 
Ein Maschinengewehr rattert, Handgranaten fliegen 
nnd die drei jungen Stürmer sind mitten in ihrem 
Siegeslauf aus dem Leben gerissen. Heldentod! 
Was die erste Welle nicht erreicht hat, schaffen die 
zweite und dritte. Der Sturm kostet die Kompagnie 
allein 23 Tote. Um 1.45 Uhr nachmittags ist die 
gewaltige Höhe 240 bei Natalin nach Abwehr ver- ! 
geblicher russischer Gegenstöße in der Hand meines 
I. Bataillons und die Russen im Rückzüge über Kolo 
dez nach Osten. Freudig gellt die Meldung ans 
Regiment ins Telephon. 
Wie gestern, so haben sich auch heute die Maschinen 
gewehre ihren Anteil am Siege gesichert. Mit be 
wundernswerter Schnelligkeit waren sie fast gleich 
zeitig mit der Infanterie auf der alles beherrschenden 
Höhe und ratterten von geeigneten Punkten hinter 
den Russen her, ihnen keine Zeit zum baldigen 
Festsetzen lassend. Um 2 Uhr nachmittags ist das 
Bataillon durch das Dorf bis an dessen Nordaus 
gang hindnrchgestoßen, wo ich seine Rangierung 
befehle und vom II. Bataillon, das hinter mir als 
Reserve des Regiments folgt, Patronen heranholen 
lasse. Im Gegensatz zu gestern haben sich die 
Kompagnien heute fast verschossen. — Atempause! 
von jedem mit Freuden begrüßt. 
Der Verbandplatz wird von unserem bei allen An 
gehörigen des Bataillons gleichermaßen verehrten 
Stabsarzt Dr. Nolte in das Schulhaus vorverlegt, 
in dem sich nun ein reges Leben entwickelt. Unweit 
davon eine Brandstätte, ein Gehöft, das bis auf den 
Kamin eingeäschert ist und anscheinend als feindlicher 
Verbandplatz gedient hat; völlig verkohlte russische 
Leichen liegen reihweise im Schutte da. 
Verschiedene Trupps von Gefangenen werden ab 
geführt. 
Angesichts der Toten und vielen Verwundeten, die 
mit uns noch gestern vergnügt plauderten, beginnt 
wieder der innere Kampf zwischen freudigem Stolz 
über den Erfolg und der Trauer über die Opfer. 
Die Pflicht treibt uns vorwärts und ein heißer 
unaufhaltsamer Drang, den Sieg zu vollenden. 
Vorwärts, vorwärts! 
Das III. Bataillon hatte sich bei dem Sturm 
auf die Höhe 240 mit einer Kompagnie nach rechts 
in den Abschnitt meines Bataillons hineingeschoben; 
beim weiteren Vorgehen gegen das Dorf Kolodez 
überfällt der Russe die sich folgenden Wellen dieser 
Kompagnie mit mehreren Lagen schwerer Granaten, 
so daß sie auf der grünen Ebene einige hundert 
Meter wieder zurückgehen muß. Der Feind hat sich 
in vorbereiteten Stellungen bei Kolodez wieder ge 
setzt, und seine Artillerie beobachtet scharf und 
schießt vorzüglich. 
Ich habe meinen Gefechtsstand hinter ein ein 
zelnes Häuschen gelegt, das nun besonders das rus 
sische Artilleriefeuer ans sich zieht. Die braven 
Ordonnanzen, Burschen und Fernsprecher'des Stabes 
arbeiten sich schnell in die Erde hinein, und auch 
für meinen Adjutanten und mich ist ein kleines 
Erdloch ausgebuddelt. Ein unangenehmes Jnfan- 
teriestrichseuer macht uns das Leben schwer. Leider 
fordert es auch ein Opfer. Meinem neben mir auf 
dem Rande des Erdloches sitzenden Adjutanten Leut 
nant Recknagel wird während des Telephonierens 
eine Jnfanteriekugel in die linke Schulter gejagt. 
Ich verbinde ihn; widerstrebend und traurig geht 
er, auf seinen Burschen^ gestützt, zurück zum 
Verbandplatz, nachdem er jedem der Vornbleibenden 
die Rechte gedrückt hat. 
Im heftigen Artilleriefeuer arbeiten sich die Kom 
pagnien in den Nachmittagsstunden weiter gegen das 
Dorf Kolodez vor; die 4. Kompagnie verlängert 
links, füllt die durch das Herausschießen der Kom 
pagnie des III. Bataillons entstandene Lücke aus 
und hat Anschluß an den Zug Leutnant d. Res. 
Wollenhaupt dieses Bataillons auf dem Höhenrücken 
nördlich Natalin. 
Mit Einbruch der Abenddämmerung ist die 
Stellung soweit vorverlegt, daß der Bachgrund des 
Dorfes eingesehen und beherrscht wird. Kein Russe 
befindet sich mehr südlich Kolodez. 
Die von mir aus vorderer Linie herausgezogene 
1. Kompagnie muß ich leider 10.30 Uhr abends 
zur Ausfüllung einer abermals zwischen dem III. 
und I. Bataillon 83 entstandenen Lücke einsetzen. 
Der Zug, des Leutnants Wollenhaupt war vom 
III. Bataillon herangezogen. Alle vier Kompagnien 
meines Bataillons liegen somit vorn, die Maschinen 
gewehre aus sie verteilt. Während der Nacht wird 
die Stellung verstärkt. Die 7. Kompagnie ist dem 
Bataillon als Reservekompagnie unterstellt und liegt 
hinter der 3. bereit. 
Um 1 Uhr nachts trifft der von mir als Adjutant 
zur Vertretung Recknagels erbetene Leutnant von 
Clair ein. 
Ich rolle mich, in eine Decke gehüllt, in meinem 
flachen Erdloch zusammen, lasse eine Tür als Dach 
darüber decken und schlafe. 
Um 4 Uhr morgens werde ich durch die erfreu 
liche Meldung aus dem Schlafe geweckt: „Die 
Russen haben während der Nacht die Stellung ge 
räumt." Wie oft haben wir im Kriege diese Mel 
dung gehört! 
Also auf und weiter! 
Um 5 Uhr morgens geht das Bataillon mit 4., 
3., . 2 . Kompagnie — bei jeder Kompagnie 2 Ma 
schinengewehre — in vorderer und mit der 1. Kom- 28 
28 Gefreiter Josef Hahn aus Rasdorf, Kreis Hünfeld, 
der treue Kriegsgefährte des Leutnants Recknagel wäh- 
rend des ganzen Feldzuges.
	        

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