Full text: Hessenland (34.1920)

3 S«S«L. 
in dieser Gegend Sachsen nnd Franken neben 
einander gewohnt hätten. Dafür fehlt bis jetzt 
jeder Beweis, und das angeführte Schreiben des 
Papstes über das Heidentum der Sachsen und die 
Notwendigkeit ihrer Bekehrung muß als Beweis 
mittel ganz ausfallen. Tatsächlich ist über eine 
Missionstätigkeit des Bonifatius bei Sachsen, sei 
es auch auf fränkischem Boden- wohnenden, nichts 
bekannt; niemals ist davon die Rede, obwohl bei 
der nahen Verwandtschaft der Angelsachsen und 
Niedersachsen — man vergleiche nur ein Jahr 
hundert später den engen Zusammenhang zwischen 
Heliand und angelsächsischer Dichtung — ein Hin 
weis darauf ganz unerläßlich gewesen wäre, wenn 
hier eine Berührung stattgefunden hätte. Es ist 
vielmehr weit wahrscheinlicher, daß das sogenannte 
sächsische Hessen vor Karl dem Großen noch ganz 
echt sächsischer Boden war, dem die angelsächsische 
Mission aus berechtigten Gründen fernblieb. Wenck 
hat es in dem genannten Aufsatze, gestützt aus 
Rübels grundlegende Forschungen über die frän 
kische Siedelungsgeschichte und die Ergebnisse der 
Ausgrabungen Schuchardts, sehr wahrscheinlich ge 
macht, daß erst Karl der Große aus dem sächsischen 
Lande an der Diemel eine Grenzmark schuf, die 
später den hessischen Grafen unterstellt wurde; der 
ausführlichen Begründung Wencks, der zahlreiche Ur 
kunden beigegeben sind, wird man sich kaum ver 
schließen können. Sehr bemerkenswert ist es jeden 
falls auch, daß der erste Einfall der Sachsen nach 
Beginn des Krieges im Jahre 774 sich gegen Fritzlar 
richtete, um das dortige christliche Gotteshaus zu 
zerstören, was nicht gelang. Hätte jene Peterskirche 
in Hofgeismar gestanden, so wäre der Einbruch wohl 
dort und zwar schon längst erfolgt, lag doch das 
Hauptbollwerk der Sachsen, die Eresburg, nur 
wenige Meilen von da entfernt an der Diemel. 
Daß in jener Gegend ein altes, bodenständiges 
Sachsentum wurzelt, ist übrigens für den Kenner 
dieser Landschaft zweifellos; alles weist darauf hin. 
Ortsnamen, Flurnamen, Hausbau und. vor allem 
die Sprache sind in diesem ganzen Bezirk noch 
heute durchaus niederdeutsch trotz jahrhunderte-, 
langer Vereinigung mit .Hessen und können diesen 
Charakter nicht erst mutter hessischer Herrschaft 
angenommen haben. Gerade hier ist diese ur 
alte Völkerscheide ganz besonders ausgeprägt, weit 
mehr als z. B. im Rheinland und der Provinz 
Sachsen, wo Mittel- und Niederdeutsch meist 
durch eine Übergangs- und Mischzone geschieden 
sind. Nach dem Gesagten halte ich es für sehr 
unwahrscheinlich, daß man im Jahre 723 die 
Umwohner des heutigen Hofgeismar hätte als 
Hessen ansehen und bezeichnen können, die Stam 
mesunterschiede sind unzweifelhaft noch weit 
schärfer ausgeprägt gewesen als heutzutage. Hof 
geismar scheidet danach geradezu als Stätte der 
Donareiche aus. Es bleibt also nach wie vor die 
Wahl zwischen den beiden Geismar in der Edder- 
gegend, von denen das bei Fritzlar die größere 
Wahrscheinlichkeit beanspruchen darf, da seine ganze 
Umgebung, vor allem das nahe Gudensberg- 
Wotansberg, auf einen heiligen Mittelpunkt ger 
manischer Götterverehrung hinweist. Außerdem wird 
in der vita Wigberti des Servatus Lupus aus 
drücklich erwähnt, daß man bei dem Sachseneinfall 
im Jahre 774 die verschleppten Gebeine der Hei 
ligen in dem naheleg en en Geismar (quod 
non longe abest) wiederfand. Die Orte Fritzlar 
und Geismar liegen so dicht beieinander, daß wir 
auch gar nicht zwei Peteiskirchen anzunehmen 
brauchen. Vielleicht ist die ecclesia, wie oft 
vermutet, an der Stelle jenes Oratorium erbaut 
worden, zumal da Wilibald nicht sagt, w o dies 
Bonifatius anlegte. Hofgeismar dagegen und sein 
Umkreis ist für die ältere hessische Geschichte bis 
1082 so gut wie bedeutungslos. 
A. Fuckel. 
Einsamkeit. 
Nur dich, Einsamkeit, habe ich lieb. 
In deinem schlichten, ewigen Liede 
Find' ich Genüge. 
Was ihr mir deutet, Wald, Blumen, weites, herbes Feld, 
Es ist des Lebens heiligstes Geheimnis. 
Ich horche, sinne, werde wunschlos müde, 
Als ob die Stille meine Seele wiege. 
In mir wird alles frei und froh und leicht. 
Wie nur in lärmentrückten Feierstunden, 
Da alles Gute wächst und alle Sünde weicht 
Und rein das Herz im Gottesrhythmus schlägt. 
Nur dich, Einsamkeit, habe ich lieb. 
Kassel. 
Am Abend. 
Um den Kirchenturm, den alten, 
Alle Giebel träumen still; 
Fromme Hände müd' sich falten, 
Nun der Tag verscheiden will. 
Nebel spinnen feinen Dämmer, 
Karge Lichtlein fallen drauf; 
Friedlich ruhen Küh' und Lämmer, 
Nur ein Hofhund belfert auf. 
Jungvolk geht auf leisen Socken, 
Spröde Lippen werden weich; 
Nahe, tiefe Abendglocken 
Singen mild und liebereich. 
Gottfried Buchmann.
	        

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