Full text: Hessenland (33.1919)

Zur Erinnerung 
Von Otto 
In der Nacht zum letzten Ostersonntag verschied 
zu Berlin ein Mann, der zwar nicht durch Ge 
burt, wohl aber durch Abstammung von mütter 
licher Seite und durch frühzeitige Übersiedelung 
Hesse war, der sich stets als Hesse fühlte, dem 
Hessen als sein Heimatland galt und auf den wir 
Hessen besonders stolz sein dürfen, der Wirkliche 
Geheimrat und ordentliche Honorarprofessor an 
der Universität Berlin Dr. Adolf Stölzel, 
dessen Andenken die nachfolgenden Spalten ge 
widmet sein sollen. 
Adolf Friedrich Stölzel wurde am 
28. Juni 1831 zu Gotha als Sohn des dortigen 
Stadtsekretärs und Amtadvokaten Ern st Stöl 
zel geboren. Da der Vater früh starb, so zog 
die Mutter U l r iH-e, geb. Schmidt, Johannis 
1839 mit ihren beiden Söhnen Adolf und Otto 
in ihre alte Heimat Kassel zurück. Hier besuchte 
Adolf Stölzel zunächst das damalige Kur 
fürstliche Gymnasium (jetzt Friedrichsgymnasium), 
das er 1849 nach glänzend bestandener Reife 
prüfung verließ, nachdem er noch kurz vorher ge 
legentlich der Hundertjahrfeier von Goethes Ge 
burtstag in der Aula des Gymnasiums eine sehr 
beifällig aufgenommene Festrede gehalten hatte. 
Dann studierte er in Marburg und Heidelberg die 
Rechte, bestand bereits am Schlusses des sechsten 
Semesters die Fakultätsprüfung und bald darauf 
in Kassel die Staatsprüfung, beide mit größtem 
Erfolg, und wurde dann zum Obergerichtsrefe 
rendar in Kassel ernannt. In Marburg hatte er 
dem Korps Teutonia angehört, war sogar Fuchs 
major gewesen, ohne daß er sich je geschlagen hätte, 
was damals noch möglich war. Nun begann 
Stölzel seine erfolgreiche Laufbahn im Staats 
dienste, die ihn zu den höchsten Stufen führen 
sollte, zunächst in kurhessischen, dann seit der Ein 
verleibung Kurhessens in den preußischen Staat, 
in preußischen Diensten. Neben einer großen Lie 
benswürdigkeit und Selbstbeherrschung, die ihn bei 
jedermann beliebt machte und die ihn verhinderte, 
jemals einer andern Person gegenüber schroff oder 
gar heftig zu werden, zeichnete er sich durch eine 
ungewöhnliche Arbeitskraft, einen außergewöhn 
lichen Scharfsinn und strengstes Einhalten der vor 
genommenen Arbeitseinteilung aus. Was er zu 
bearbeiten hatte oder nebenher bearbeiten wollte, 
brachte er, man kann fast sagen, spielend fertig. 
Von seinem durchdringenden Scharfblicke mögen 
hier, der späteren Darstellung vorgreifend, zwei 
Beispiele erwähnt werden. Der spätere Kurfürst 
an Adolf Stölzel. 
G e r l a n d. 
Friedrich Wilhelm hatte, während er sich Studie 
rens halber mit seiner Mutter, der damaligen 
Kurprinzessin, späteren Kurfürstin Auguste in Leip 
zig aufhielt und bereits über 18 Jahre alt war, aber 
noch nicht das gemeinrechtliche Alter der Voll 
jährigkeit erreicht hatte, noch vor dem 1821 ein 
getretenen Tode seines Großvaters Kurfürst Wil 
helms I. auf den Wunsch seiner Mutter einer im 
gleichen Hause mit ihm wohnenden jungen Dame 
einen Betrag als Aussteuer versprochen und darüber 
eine Urkunde ausgestellt. Da er das Versprechen 
nicht einlöste, klagte die Beschenkte im Jahre 1864 
durch ihren Gatten auf Erfüllung des Zahlungs 
versprechens, der inzwischen Kurfürst gewordene 
Aussteller der Urkunde ließ jedoch durch seinen 
Vertreter — dies war in Kurhessen der Staats 
anwalt (proeurator fisci), der im Gegensatz zu 
dem in Strafsachen das- öffentliche Interesse 
vertretenden Staatsprokurator den Staat 
und die Glieder des Herrscherhauses in Zivil- 
sachen vertrat — vor dem zur Aburteilung des 
Landesherrn zuständigen Obergericht zu Kassel die 
Einrede vorschützen, das von ihm gegebene Ver 
sprechen sei ungültig, weil er sich bei dessen Ab 
gabe noch im Zustande der Minderjährigkeit be 
funden habe. Der Vertreter der Klägerin, Ober 
gerichtsanwalt Henkel (zum Unterschied von an 
dern im öffentlichen Leben auftretenden Männern 
gleichen Namens gemeiniglich der Henkel genannt^), 
sprach tränenden Auges sein Bedauern darüber aus, 
daß der Kurfürst die Wünsche seiner Mutter nicht 
erfüllen und sich noch dazu auf die Einrede der 
Minderjährigkeit berufen wolle; diese Einrede be 
zeichnete Henkel als unbegàdet, weil nach allem 
Rechte der Thronfolger mit 18 Jahren volljährig 
werde. Schon wollte das erkennende Gericht sich 
dieser Ansicht anschließen, da trat Stölzel, anfangs 
zum allgemeinen Befremden, das sich später in 
ebenso allgemeine Zustimmung auflöste, mit der 
Ansicht hervor, Friedrich Wilhelm sei damals noch 
gar kein Thronfolger gewesen, sondern habe nur die 
Anwartschaft gehabt, es zu werden, weil zur Zeit 
der ausgeklagten Urkunde zwischen ihm und , dem 
regierenden Kurfürsten Wilhelm L, Friedrich Wil 
helms Vater, der spätere Kurfürst Wilhelm II., 
als Kurprinz gestanden habe, daß also nur auf 
diesen die Bestimmung über die Erlangung der 1 
1 Diese Bezeichnung rührt von einem Flugblatte her, 
das Henkel 1848 veröffentlichte und dem er die Über- 
schrift gegeben hatte: „Der Henkel an alle braven Kur 
hessen und, wenn einer will, an alle braven Deutschen."
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.