Full text: Hessenland (33.1919)

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Zu dem Spatzenvolke fühlte er sich nun einmal 
hingezogen. Im Frühling nahm er ihre Nester 
aus wegen der Eier, die er mit Wonne trank. 
Im Herbst lockte er sie in die Bodenkammer, wo 
er. sie fing. Denn dann waren sie wohlgenährt 
und ergaben eine feine Suppe. Aber auch sonst 
hielt er sich von den lustigen Genossen ein paar 
Gefangene im Käfig aus Kurzweil. Er war ein 
rechter Spatzenmichel und hieß im Dorfe nur der 
„Spatz". 
„Nimm dich in acht, Spatz!" — Das Wort 
kam auf einmal vom Katheder und hieß uns zur 
Arbeit zurückkehren. 
Ernst duckte sich auf seine Tafel, die erst einen 
Satz aufwies:' Die Spatzen sind schlau und ge- 
fräßig. — Dem fügte er zögernd hinzu, indem er 
seitwärts schielte: Der Spatz ist —. Und schon 
blitzte sein helles Auge wieder fensterwärts. Der 
Lehrer ackerte in einem anderen Gefilde und 
schien weit. 
Der Ernst lachte, und seine Hände und seine 
Füße, die ganze Gestalt lachte mit. Ich sah's ihm 
an, er wußte was Neues. Es brannte ihm etwas 
auf der Zunge. Er suchte Deckung hinter dem 
Vordermann und zog mich seinem Ghr nah. 
„Der Hannes, der Hannes!" flüsterte er erregt 
und deutete mit dem Griffel hinaus. 
Er hatte die Gewohnheit, seine befiederten Ge- 
fangenen mit bunten Fäden zu zeichnen, die er 
ihnen an die Füße band. Nun tauchte da auf 
einmal sein Hannes auf, von dem er mir gestern 
noch erzählt, wie er ihn gefangen, und wußte sich 
nicht zu erklären, wie der dem Käfig entronnen 
sein mochte. 
Und jetzt setzte sich der Bursche auf die Giebel 
spitze, legte los und schimpfte, so laut er nur 
konnte, als solle das ganze Dorf wissen, was man 
ihm angetan. Und dann hüpfte er firstlang fünf 
Spatzenschritte weit im Vollgefühl der wieder 
gewonnenen Freiheit, wobei der rote Faden jedes 
mal in der Sonne aufleuchtete. Aber immer wieder 
kehrte er auf sein Rednerpult zurück, als sei er 
noch lange nicht am Ende mit seinen Anklagen 
über die schlechte Welt. 
Und der Spatz auf der Schulbank vergaß aber 
mals seine Pflicht und achtete auf den grauen 
Spatzen anstatt auf den weißen. 
„Spatz, nimm dich in acht!" — 
Wieder duckte ihn der Zuruf auf die Tafel, 
und sein Geist schwang sich zu dem inhaltschweren 
Satze auf - Der Spatz ist ein Vogel. 
Und draußen der, als müsse er diese gewichtige 
Wahrheit in Tat umsetzen, hob sich davon wie 
ein Freiherr mtt seinem Ordensband und schrie: 
Ich bin, was ich bin und pfeife auf euch alle! 
Daß Ernsts Augen sich überzeugten, wohin die 
Reise gehe, wer wollte es ihm verargen? So 
warf er den Kopf spatzengeschwind herum, dem 
Flüchtlmff nach. „Siehst du!" stieß er halblaut 
hervor und seine ganze Gestalt zuckle, als wollte 
er hinterher. 
„Spatz, komm mal raus!" 
So befahl das heimtückische Schicksal, dem er 
nicht zu entrinnen vermochte, und es kam ihm 
bereits auf halbem Wege entgegen. Im nächsten 
Augenblick hüpfte vielen zur Augenweide hier innen 
der „Spatz" zweimal, dreimal vor dem Schul- 
schranke in die Höhe, aber nicht im Überschwange 
göttlicher Freiheit. 
Ach, daß man doch Flügel hätte, mochte er 
denken, als er betrübt auf seinen Platz schlich, wo 
er eine Weile sein Gesicht in seinen Händen barg. 
Aber nur eine Weile. Die letzte Träne mit dem 
Ärmel wischen und mich anlachen, war eins. Und 
schon spürte ich wieder seinen Ellbogen irr der 
Seite: „Du, gestern haben Hermeiers die —äh- 
maschine gekriegt." — Ich wollte das unverstandene 
Wort erfiagen, gleich donnerte schon wieder die 
Allwissenheit über uns: „Was habt ihr zwei 
denn da?" 
Rote Köpfe. Schweigen. Aber die plötzliche 
Betäubung wurde für Verstocktheit genommen. 
„Ihr bleibt da!" — 
Wie ein Gewitter schlug das ein. Das war 
was Schönes! Bei den Kleinen von Hand zu 
Hand gehen und den Griffel führen! Und draußen 
lockte die Mittagssonne. Das Heumähen hatte 
begonnen, man wurde daheim erwartet zur Ar-- 
beit. — Wie ein Guerriegel legte sich es einem 
ins halbgeöffnete Tor der Freiheit. Ich suchte 
zu retten, was noch zu retten war und platzte 
rasch aufspringend hervor: „Herr Lehrer, Her- 
meiers bekommen die Nähmaschine!" 
„Will nichts wissen, du bleibst da!" 
Derweil stieß der Ernst neben mir unausgesetzt 
Löcher in die Lust, mich verächtlich messend: „Herr 
Lehrer, Herr Lehrer!" — 
„Nun, was will der Spatz?" — 
„Gar nit wahr, Herr Lehrer, 'ne Mähmaschine 
ist's." 
„Was du sagst! Eine Mähmaschine?" 
»Ja, Herr Lehrer, eine ganz neue!" — 
Das merkwürdige Wort hatte für einen Augen 
blick den ganzen Schulbetrieb zum StockÄi ge 
bracht. Aller Augen erstrahlten in Hoffnung aus 
eine willkommene Unterbrechung. Ich selber staubte 
wieder an eine günstige Wendung. Aber als 
sähe er die hundert Sprossen unserer Hoffnung 
emporschießen, warf er barsch: „Ihr bleibt hier!" 
darauf.
	        

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