Full text: Hessenland (33.1919)

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Enkeln zulieb die Leier gerührt. Besonders für 
den kleinen Hermann Nathusius. 
In diesen Jahren löste sich allmählich das in 
nige Verhältnis der Kinder zur Mutter, wie schon 
erwähnt wurde; sie wuchsen ihr ebm über den 
Kopf. Besonders die Töchter wurden sich ihres 
eignen Willens, ihrer eignen Neigungen bewußt, 
und es rächte' sich, daß Philippine ihnen bis dahin 
allzu viel Freiheit gelassen. Vater Engelhard hatte 
so Unrecht nicht gehabt, als er immer wieder auf 
strengere Zucht drang. Er schreibt 1810 an Na 
thusius von dem sonderbaren Gedanken seiner Frau, 
alle Kinder bis allenfalls Eliseu von sich Ent 
fernen zu wollen und darin den Ansang einer 
glücklicheren Lage zu setzen. „Aber ist sie nicht 
selbst Ursache an dem Mangel an Folgsamkeit und 
Ehrerbietung?" Es ist auch wohl zu verstehen, daß 
der Mutter allzu große Originalität und Form 
losigkeit den Widerspruch der jungen Mädchen 
reizte, und ihre Geduld auf schwere Proben stellte. 
So ging sie einmal bei schlechtem Wetter mit 
Galoschen aus, die ihr aber bald überlästig wurden. 
Da sah sie einen ihr ganz fremden Herrn sich 
entgegenkommen. Geschwind zog sie die (Galoschen 
aus und drückte sie dem Erstaunten in die Hand 
mit der Bitte, sie im Engelhardschen Hause abzu 
geben. Er möge nur ans Fenster klopfen, dann 
würde ein junges Mädchen herausschauen und ihm 
die Galoschen abnehmen. Lachend erfüllte er ihre 
Bitte, aber das Entsetzen der Töchter läßt sich 
denken. Mit einer Bekannten ging sie einst am 
kurfürstlichen Schloß vorüber, wo gerade ein sehr 
schöner, wohlgebildeter Gardist Schildwacht stand. 
Hingerissen von Bewunderung blieb sie stehen und 
erging sich mit lauter Stimme in entzückten Aus 
drücken über die Schönheit dieses Apolls, zum 
Gaudium der Vorübergehenden, aber zur großen 
Verlegenheit ihrer Begleiterin. 
Es war bei diesen Unstimmigkeiten im Familien 
kreise eine glückliche Fügung, daß sich die Engel 
hardschen Töchter sehr viel bei der Schwester in 
Magdeburg und auf den Gütern des Schwagers 
Nathusius aufhielten. Auch die beiden jüngsten 
Töchter verheirateten sich nach der Provinz 
Sachsen, und einer der Söhne pachtete dort unter 
Beihilfe des Schwagers eine einträgliche Domäne. 
Am schwierigste scheint sich das Verhältnis mit 
Karoline gestaltet zu haben, die wohl eine Ader 
von ihrer Großmutter Engelhard überkommen, zu 
gleich aber auch von der Mutter ästhetische Inter 
essen und Schriftstellertalent geerbt hatte. Sie 
blieb ledig, machte sich aber selbständig und ver 
faßte einen Roman im Zeitgeschmack unter dem 
Titel „Juliens Briefe". Bei ihren Neffen und 
Nichten war sie wegen mancher Eigenheiten nicht 
sehr beliebt, aber ihre Mutter beschloß ihre letzten 
Lebenstage gerade unter der Pflege dieser Tochter. 
1811 besuchte auch Philippine ihre Töchter, Luise 
aber fand sie nicht mehr in Magdeburg, sondern 
in neuen, noch großartigeren Verhältnissen. Na 
thusius hatte inzwischen eins von den ehemaligen 
Frauenklöstern, Althaldensleben, gekauft, die die 
westfälische Regierung aufgelöst und für sich be 
schlagnahmt hatte. Allmählich gestaltete er das neue 
Besitztum zu einer großen-iLandwirtschaft mit in 
dustriellen Anlagen und Fabriken um, verbunden 
mit einem schönen Park, mit Nutzgärten und Treib 
häusern. Auch schaffte er eine wissenschaftliche Bi 
bliothek an und kaufte dazu das Naturalienkabinett 
eines schlesischen Grafen, so daß mit der Zeit Alt 
haldensleben zu einer Art Bildungsanstalt für Land 
wirtschaft, Technik und allgemeine Kultur würde 
und von vielen Gästen und strebsamen Jünglingen 
aus dem In- und Ausland aufgesucht wurde. 
Die Welt im Kleinen, die sich dort entwickelte,, 
war so recht etwas für Philippinens beweglichen 
Geist und leicht entzündete Begeisterung. Mit 
einem langen Abschiedsgedicht trennte sie sich in 
diesem Sommer von ihrem geliebten und bewun 
derten Schwiegersohn. 
Sogar' der „niedern Brüder", der Schweine, 
gedenkt sie in ihrer Begeisterung! Das Gedicht 
wurde zur Zeit der Kontinentalsperre verfaßt, 
daher die Anspielung auf „Englands List". Diese 
Zeit voller Entbehrungen gab damals doch der 
deutschen Industrie einen mächtigen Anstoß. — 
In Althaldevsleben wurde sie einige Jahre darauf 
durch den Magdeburger Maler Schönert noch einmal 
sehr hübsch verewigt. Im Gewände der Matrone, 
das sich damals sehr wesentlich von der Kleidung 
der jüngeren Frau unterschied. Einen weißen 
Spitzenschleier über Haupt und Schultern, an 
mutig, behaglich und freundlich. Sie dichtete denn 
auch ein Gegenstück zu dem Liede an Tischbein. 
Es war das Jahr 1813 mit seinen neuen Kriegs 
schrecken. Magdeburg, ganz nahe bei Althaldens 
leben, wurde blockiert von Russen und Preußen, 
die aber der Umgegend der Stadt keinen genügen 
den Schutz gewährten, so daß Nathusius, als vater 
landstreuer Mann bekannt, in beständiger Gefahr 
für Freiheit, Leben und Eigentum schwebte. Der 
kalte Winter, der dem Befreiungskriege voran 
ging, brachte großes Elend nach Kassel, und wie 
schon öfter wandte sich Philippine an die Öffent 
lichkeit, um der Not zu steuern, diesmal mit vielem 
Erfolg: 
Schrecklich, schrecklich diese Jammerraue 
Mehrt jetzt noch ein Sturm, er braust heran, 
Was man auch dem Frost entgegenstellte 
Durch die Mauern bricht er seine Bahn!
	        

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