Full text: Hessenland (33.1919)

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wo er Kammerjunker und Kammerassessor ge 
wesen war, sich aber durch allerhand dumme 
Streiche und Schulden unmöglich gemacht hatte. 
Sein Kasseler Renommee schadete ihnr aber in 
Hanau nicht, wo man Renegaten >des mit dein 
erbprinzlichen auf gespanntem Fuße lebenden land 
gräflichen Hofes gern aufnahm, machte ihn dort 
vielmehr nur interessant. Der gewandte junge 
Hofmann verstand es bald, sich eine feste Position 
zu verschaffen und sich ohne offizielles Amt zum 
anerkannten maître de plaisir aufzuschwingen, eine 
Stellung, die vorher der oben erwähnte Eancriu 
eingenommen hatte. Infolge seiner gesellschaft 
lichen, literarischen und musikalischen Talente (er 
dichtete und komponierte zu gleicher Zeit) war 
Knigge auch der geeignete Mann für einen solchen 
Posten, und da damals sich auch die beiden lebens 
lustigen Brüder des Erbprinzen, Karl und Fried 
rich, in Hanau befanden, und der Hof durch 
die Gegenwart des ebenfalls mit einer dänischen 
Königstochter verheirateten Prinzen Karl und sei 
nen ganzen großer: dänischen Hofstaat zeitweise 
einen besonderen Glanz besaß und größern Auf 
wand als gewöhnlich machte, so hatte der geschäf 
tige Knigge alle Hände voll zu tun. Unter seiner 
Leitung wurde aus der Gesellschaft eine förm 
liche Theatergruppe gebildet, der auch die Prinzen 
angehörten und die fleißig ihre Rollen studierte. 
In corpore fuhr der Hof nach Frankfurt und 
Mannheim, um die dortigen Bühnen zu besuchen 
und Anregungen für die eigne Theatersaison zu 
sammeln, die den ganzen Winter hindurch den 
neuen Theatersaal im Schlosse in Anspruch nahm. 
Man führte hauptsächlich französische Stücke auf, 
gab u. a. Alzire, L'Ecossaise und Nanine von Vol 
taire, den Warwick von Laharpe und Beaumarchais' 
Eugénie, aber auch einige deutsche Stücke, unter 
denen àgels „Dankbarer Sohn" besonders gefiel. 
Nach der Abreise des Prinzen Karl, der als Statt 
halter der Herzogtümer Schleswig und Holstein 
im Frühjahr 1778 wieder nach seiner Residenz 
auf Schloß Gottorp zurückkehrte, wurde es wieder 
stiller in Hanau, zumal auch der Erbprinz monate 
lang in Schlesien weilte, wo er im Hauptquartier 
Friedrichs des Großen am bayerischen Erbfolge 
krieg tàahm. Nicht lange nach seiner Rückkehr 
mußte Knigge, der in Hanau sein Erstlingswerk, 
die „Theaterstücke" schrieb, dabei aber zu seinem 
Unglück Zeit fand, sich an allerhand Hofintrigen 
zu beteiligen, sehr gegen seinen Wunsch den Hof 
und die Stadt verlassen, in deren Theaterleben 
er eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hatte. 
In Frankfurt trat er in den Illuminatenorden 
und fand dort ein neues Feld seiner vielseitigen 
Tätigkeit. Seine dramatischen Arbeiten sind völ 
lig vergessen, nur eine, die Übersetzung des itali 
enischen Textbuches von Figaros Hochzeit, hat ihn 
überlebt. 
Das Beispiel des erbprinzlichen Hofes reizte, 
wie das gewöhnlich zu sein Pflegt, auch in der 
Bürgerschaft zur Nachahmung. So bildete sich 
neben der höfischen auch eine bürgerliche 
L i e b h a b e r g e s e l l s ch a f t irr Hanau, die un 
ter der rührigen Leitung der Herren Mäusehold 
und Steitz um 1780 in dein Vorstadtgasthaus zu 
den „Zwei Löwen" dramatische Aufführungen ver 
anstaltete. Über ihr Programm und ihre Erfolge 
ist uns aber leider nichts Näheres bekannt. 
Wie seine beiden Brüder, so rvar auch der Erb 
prinz Wilhelm selber öfters auf der Schloßbühne 
als dramatischer Mitspieler aufgetreten. Er fand 
aber denrr doch, daß „eilt Souverän sich keiner 
Blamage und auch nicht den Vertraulichkeiten aus 
setzen dürfe, die mit dem leichtfertigen Kömödien- 
spiel zusammenhängen" und nahm sich — ver 
mutlich nach einer solchen Blamage — vor, nicht 
wieder mitzuspielen. Fortan überließ er es den 
jüngeren Gliedern der Hofgesellschaft allein, bei 
den Aufführungen mitzuwirken, die auch nicht mehr 
regelmäßig, sondern nur bei besonderen Gelegen 
heiten stattfanden. Am 10 . Juli 1780 wurde z. B. 
Voltaires Nanine zur Feier des Geburtstages 
der Erbprinzessin im Schloßtheater aufgeführt, 
wobei eine bayerische Gräfin Bergheim mit Toch 
ter und ein westfälischer Graf Münster, Gäste des 
Wilhelmsbades, die Hauptrollen spielten. Als 
die erbprinzlichen Kinder größer wurden, lebte 
auch das Interesse für dramatische Aufführungen 
am Hofe wieder auf, besonders als die Familie 
des Prinzen Karl wieder einmal zu längerem 
Besuche in Hanau weilte. Am 19. Dezember 1783 
führte eine Gesellschaft, „die meistens aus fürst 
lichen und cwelichen Kindern bestand", zur Feier 
des Geburtstages des Prinzen Karl die „Über 
raschung" aus Weißes Kinderfreund und danach 
ein Ballett „Die Drescher" auf. Fräulein Wilhel 
mine v. Ditfurth sprach den Prolog. „Jeder Zu 
schauer von Geschmack, der die Vorstellung mitan 
gesehen hat, konnte ihr den gerechtesten Beifall nicht 
versagen" berichtete der Korrespondent des Ha- 
nauischen Magazins, in dem wir wohl den Ver 
anstalter der Aufführung, den Lehrer der fürst 
lichen Kinder Kandidat Götz vermuten dürfen. 
In ähnlicher Weise wurde auch am 30. Januar 
1784 der Geburtstag der Prinzessin Karl gefeiert. 
Diesmal gab man den „Abschied", ebenfalls aus 
Weißes Kinderfreund und im Anschluß daran ein 
„geschmackvolles ganz neu dazu eingerichtetes 
Schäferballett ,La Fête de Louise' ", in dem Schäfer 
und Schäferinnen sich mit Faunen in einem Wald-
	        

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